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Wenn die Kontrolle fehlt: Was gegen Angststörungen im Berufsalltag hilft

  • Angstzustände gehören zu den psychischen Erkrankungen, die in Deutschland am häufigsten vorkommen.
  • Betroffene leiden besonders wegen Corona und unklaren Regeln unter dem lähmenden Gefühl, keine Kontrolle mehr zu haben.
  • Doch das muss nicht sein, denn es gibt gute Strategien, um mit der Angst umzugehen.
Anja Schreiber
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Ohnmachtsgefühle und Herzrasen im Beruf: Die Symptome der Angst sind vielfältig. Sie treten oft im beruflichen Umfeld auf. Gerade in Zeiten von Corona bekommen es manche Berufstätige mit Angst zu tun. Denn das Virus, aber auch das Verhalten von Kollegen und Vorgesetzten kann bei vulnerablen Menschen das Gefühl des Kontrollverlustes auslösen und zu Angst- und Panikstörungen führen.

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Angststörungen: Häufigste psychische Erkrankung

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Wie verbreitet Angststörungen sind, zeigen Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) vom Oktober 2020: Mit 15,4 Prozent sind die Angststörungen als Gruppe die häufigsten psychischen Erkrankungen. Erst danach kommen Depressionen und Suchterkrankungen. Insgesamt leidet in Deutschland pro Jahr mehr als jeder vierte Erwachsene (27,8 Prozent) an einer psychischen Erkrankung, berichtet Psychiater Dr. Jens Plag, stellvertretender Leiter der Spezialambulanz für Angsterkrankungen an der Charité.

„Gerade im Beruf spielt Angst eine sehr große Rolle“, betont der Psychiater. Den Grund dafür kann der Mitautor des Buches „Keine Angst vor der Panik“ klar benennen: „Im Job hat man weniger Kontrolle als im Privatleben.“ Während man zu Hause angstauslösende Situationen vermeiden könne, sei das im beruflichen Kontext oft weniger gut möglich.

Unklare Regelungen sorgen für Machtlosigkeit

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„Die Corona-Krise hat dieses Problem in eine neue Dimension geführt.“ So weiß Plag, wie sehr die Pandemie angsterkrankte Patienten stressen und zu einem erhöhten Leidensdruck führen kann. Dabei geht es oft um Regelverstöße im Umgang mit der Pandemie. „Viele leiden unter den ständigen Diskussionen, weil Kollegen zum Beispiel ihre Masken unter der Nase tragen. Eine meiner Patientinnen wurde als Lehrerin von Eltern terrorisiert, weil diese gegen die Maskenpflicht waren.“

Auch unklare Vorgaben vom Arbeitgeber lassen ein Gefühl von Machtlosigkeit entstehen. Die Folgen sind nicht nur Spannungen am Arbeitsplatz, sondern auch die Angst vor einer Eskalation dieser Spannungen. „Die Krankschreibung ist dann manchmal das letzte Mittel, um wieder Kontrolle über die Symptomatik zu gewinnen.“

Angst kann zu unvernünftigen Handlungen führen

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Auch Karrierecoach Martina Bandoly aus Berlin registriert bei ihren Klienten eine steigende Angst vor Ansteckung bei der Arbeit. „Gleichzeitig treten vermehrt Konflikte zwischen Kollegen auf, die sich an Regeln halten und denjenigen, die glauben, dass für sie die Regeln nicht gelten.“ Dazu kommen klassische Ängste wie Zukunfts- und Versagensängste.

„Grundsätzlich ist Angst kein Problem. Sie führt dazu, Risiken zu minimieren und sich zum Beispiel auf eine berufliche Aufgabe gut vorzubereiten, damit die befürchtete Situation nicht eintritt“, erklärt Bandoly. „Zum Problem wird die Angst dann, wenn der Erregungslevel zu hoch ist und zu unvernünftigen Handlungen führt.“ Um herauszufinden, wie sinnvoll die eigenen Sorgen sind, empfiehlt die Karriereberaterin einen Perspektivwechsel vorzunehmen und sich zu fragen: „Wie würden meine Kollegen auf Situationen reagieren, die bei mir Angst auslösen?“

Betroffene denken oft nur an Katastrophen

Die Psychologin und Trainerin Elke Overdick aus Hamburg ergänzt: „Eine übertriebene Angst liegt vor, wenn sie sich zu Katastrophengedanken steigert.“ Die sei an völlig unrealistischen Zukunftsszenarien zu erkennen. „So haben manche Menschen bei Jobverlust die Angst, sofort unter der Brücke zu landen. Das ist in Deutschland natürlich realitätsfremd.“

Mit Angst reagieren Berufstätige besonders dann, wenn sie unter Stress stehen. „Wer in einem erhöhten Erregungszustand ist, bei dem fällt die Angst meist wesentlich stärker aus“, erklärt Overdick.

Wie groß ist die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung?

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Plag fügt hinzu: „Wenn der Stress bei einem Menschen das erträgliche Maß übersteigt, kann potenziell jeder eine Angststörung bekommen.“ Der Psychiater kennt den Unterschied zwischen einer normalen Angst und einer Angststörung, die man behandeln sollte: „Eine gute Richtschnur ist, wie belastet oder beeinträchtigt sich ein Betroffener im Alltag fühlt.“ Wer durch seine Angst Einschränkungen hinnehmen muss, sollte professionelle Hilfe suchen. Oft bringt schon das Gespräch mit einem Vertrauten eine Klärung. „Denn so zeigt sich die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung.“

Ein Hilfsmittel dabei sei Information, zum Beispiel über die Gefahren einer Ansteckung mit dem Coronavirus, aber auch über Symptome, Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten von Angststörungen.

Menschen anvertrauen – auch bei der Arbeit

Eine wichtige Maßnahme gegen die Angst ist es, das Stresslevel zu senken. Deshalb empfiehlt Plag zum Beispiel ausreichend Schlaf, körperliche Bewegung oder sogar Ausdauersport. Auch soziale Kontakte über Videocalls oder Telefonate seien wichtig. Er rät, sich auch im beruflichen Umfeld, falls möglich, vertrauenswürdigen Menschen anzuvertrauen: „Oft wird so eine Offenheit gut aufgenommen, weil Angsterkrankungen verbreitet sind.“ Es sei also nicht unwahrscheinlich, dass man auf jemanden stoße, der selbst schon mal an einer Angsterkrankung gelitten hat oder sie aus seinem persönlichen Umfeld kennt.

Den ersten Schritt zur Angstbewältigung sieht Bandoly darin, sich selbst einzugestehen, dass man unter Ängsten leidet. „Denn dann kann man daran arbeiten.“ Verdrängen führe dagegen meist zu noch größeren Problemen.

Reflexion als Mittel gegen die Angst

Die Angst vor nahenden Katastrophen lässt sich durch bewusste Auseinandersetzung mit ihr eindämmen. Die Psychologin und Trainerin Elke Overdick rät Betroffenen, sich folgende Fragen ehrlich zu beantworten:

• Was ist das Schlimmste, was mir in einer angstauslösenden beruflichen Situation passieren könnte?

• Was kann ich tun, um dieses Schlimmste zu verhindern?

• Wie wahrscheinlich ist es, dass das Schlimmste trotz meiner Gegenmaßnahmen eintritt?

• Was kann ich tun, wenn das Schlimmstmögliche stattfindet?

• Welche Bedeutung hätte dies für mich?

Der Vorteil dieser Reflexion: Man unterzieht seine Ängste und Sorgen einem Realitätscheck und kann sie so in der Regel relativieren.

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