O du ökologische: Nachhaltige Weihnachtsbäume – und warum Plastiktannen keine Alternative sind

  • Der Tannenbaum ist eine beliebte Tradition, auf die nur die wenigsten in der Weihnachtszeit verzichten möchten.
  • Nachhaltig sind der Anbau, die teils weiten Transportwege und die kurze Nutzungsdauer allerdings nicht.
  • Doch es gibt Alternativen, um das Weihnachtsfest ein wenig ökologischer zu gestalten.
Talisa Moser
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Weihnachten ohne Tannenbaum? Für viele unvorstellbar. Doch das wachsende Umweltbewusstsein, Berichte über den Schaden von Pestiziden und die langen und intransparenten Transportketten lassen den Wunsch nach nachhaltigeren Alternativen zum konventionellen Baum wachsen. Ob Biobaum, Plastiktanne oder ein lebendes Bäumchen zur Miete: Optionen für einen „nachhaltigeren“ Weihnachtsbaum gibt es viele.

Das Problem mit konventionellen Tannen

Im Baumarkt, auf dem Weihnachtsmarkt oder beim Bauern zum Selbstfällen: Weihnachtsbäume gibt es in der Adventszeit nahezu an jeder Straßenecke. Das Problem mit den konventionellen Tannen hierzulande: Beim Anbau von Weihnachtsbäumen in Plantagen werden in großem Umfang Herbizide, Insektizide und Fungizide eingesetzt. „Sehr häufig finden wir Rückstände von hoch gefährlichen Pestiziden, also Wirkstoffen, die das Nervensystem schädigen, das Hormonsystem beeinflussen oder Krebs erregen können“, erklärt Corinna Hölzel vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

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Der Einsatz von Pestiziden auf Plantagen ist vor allem ein Problem für die Artenvielfalt. Die Gifte gelangen in Böden und Gewässer, sie töten und schädigen Bienen und andere Insekten und zerstören Lebensräume von Nützlingen. „Diese Pestizide gehören verboten und nicht in die Weihnachtsbäume in unseren Wohnzimmern“, so Hölzel.

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Ein weiteres Problem ist, dass die Bäume, die hierzulande verkauft werden, aus naturfernen Wirtschaftsflächen mit einer Umtriebszeit von nur wenigen Jahren stammen, so Susanne Winter. Sie ist Programmleiterin des Projektes Wald bei der Umweltschutzorganisation WWF. Statt zum Beispiel von Sturm beschädigte Waldflächen wieder naturnah aufzuforsten, werden diese zum Teil zu Weihnachtsbaumplantagen umgewandelt. „Diese Flächen sind als Plantage für den Biodiversitäts- und Klimaschutz verloren“, erklärt sie.

„Der nachhaltigste Baum ist kein Baum“

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Doch was macht einen nachhaltigen Tannenbaum überhaupt aus? „Ganz zugespitzt: Der nachhaltigste Baum ist kein Baum“, meint Corinna Hölzel vom BUND. „Oder ein Baum, der bei Forstmaßnahmen sowieso gefällt werden würde, also ein Abfallprodukt.“ Da dies jedoch nicht den Mengenbedarf aller Haushalte decken würde, sind Alternativen gefragt. „Wir möchten natürlich nicht die weihnachtliche Tradition der Christbäume verbieten.“

Laut Susanne Winter vom WWF sollte ein nachhaltigerer Baum entweder in einer pestizid- und düngefreien, zertifizierten Kultur (Bioland) auf landwirtschaftlicher Fläche angebaut worden sein oder aus einem hochwertig zertifizierten Wald stammen. „Das naturnächste wäre ein Baum, der sich natürlich im Wald angesiedelt hat und aus einer normalen Waldwirtschaftsfläche hervorgegangen ist – also möglichst nicht aus einer gesonderten Weihnachtsbaumplantage“, betont sie.

Siegel und Zertifikate kennzeichnen ökologische Tannenbäume

Auch bestimmte Siegel und Zertifikate können beim Anbau ökologischer Tannenbäume helfen. Der BUND rät Verbraucherinnen und Verbrauchern dazu, zertifizierte Bioweihnachtsbäume zu kaufen, die garantiert frei von Schadstoffen sind, oder einen Baum aus heimischen FSC-zertifizierten Wäldern, die nicht mit Pestiziden behandelt werden.

Auskunft über FSC-zertifizierte Forstbetriebe geben die Internetseiten des FSC Deutschland. Biobäume erkennen Verbraucherinnen und Verbraucher unter anderem am Siegel der Ökoanbauverbände Bioland, Naturland oder Demeter.

Plastiktannen sind keine klimafreundliche Alternative

Einen Baum, den man über Jahrzehnte immer wieder verwenden kann, halten viele für eine ideale Alternative. Immerhin spart man mit einer Plastiktanne doch Ressourcen – und damit auch eine Menge Geld, oder? Nicht so ganz, mahnen die Expertinnen. „Plastikprodukte sind eine erhebliche Belastung für unsere Umwelt. Mikroplastik ist überall zu finden, nicht nur im Meer, sondern auch in Lebewesen und unserer Nahrung“, so Susanne Winter. Die Anschaffung eines Plastikbaums ist ihrer Ansicht nach daher nicht empfehlenswert.

Auch Corinna Hölzel rät vom Kauf einer Kunststofftanne ab: „Plastikbäume werden aus fossilen Energieträgern wie Erdöl hergestellt. Im Produktionsprozess werden in der Regel auch gefährliche Chemikalien, zum Beispiel Weichmacher eingesetzt, die dann ausdünsten und beim Entsorgen wieder in den Kreislauf gelangen.“ Außerdem erfolge die Herstellung von Plasikbäumen meist in Ländern wie China, wodurch ein langer Transportweg hinzukommt, der sich ebenfalls negativ auf die Klimabilanz auswirkt.

Auch wissenschaftliche Studien haben sich bereits mit der Ökobilanz von Plastiktannenbäumen auseinandergesetzt. So fanden kanadische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bereits 2009 heraus, dass künstliche Tannenbäume – je nach Herstellung und Produktionsland – 17 bis 20 Jahre aufgestellt werden müssen, bis sie sich ökologisch amortisiert haben. Meist landen die falschen Bäume allerdings schon nach wenigen Jahren wieder im Müll.

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Einen Baum im Topf mieten

Unabhängig davon, dass Plastikbäume nicht sonderlich gut für die Umwelt sind, haben sie einen weiteren Nachteil: Für viele sind die natürlichen Nadeln sowie der Duft der Tanne ein wichtiges Kaufkriterium für einen Weihnachtsbaum. Das österreichische Unternehmen Greentree geht bei dem Verkauf ökologischer Bäume daher noch etwas weiter. „Das wichtigste für den Baum ist: Er darf weiterleben“, so die Betriebsleiterin Daniela Poredos. Das junge Team hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit lebenden Bäumen das Weihnachtsfest ein wenig nachhaltiger zu gestalten.

Der Ablauf ist recht einfach: Die Bäume werden in großen Kübeln gepflanzt und samt Wurzelwerk pünktlich zu Weihnachten ausgeliefert. Nach den Feiertagen sammelt Greentree die lebenden Bäume wieder ein und pflanzt sie fachgerecht in die Natur. Normalerweise liegt die zukünftige Heimat der Bäume im nördlichen Waldviertel, rund eine Stunde nördlich von Wien am Rande des Nationalparks Thayatal. „Letztens Jahr kamen die Bäume jedoch in die Steiermark, dort fühlen sie sich aber auch sehr wohl“, erzählt Poredos.

Im Topf überlebt der Tannenbaum die Weihnachtsfeiertage – und kann im Anschluss in der Natur angepflanzt werden. © Quelle: Greentree

Doch nicht nur den Baum selbst, auch die Lieferkette möchte das Unternehmen durch seine Idee nachhaltiger gestalten: „Den Weg, den jeder einzelne Haushalt aufbringen muss, um den Baum zu kaufen, nach zu Hause bringen und die Müllabfuhr ihn wieder abholen muss, entfällt. Wir bringen gleich viele Bäume auf einmal – in einem Auto und mit optimierter Route – zu den Kunden“, erklärt Poredos.

Mit Preisen ab 70 Euro sind die lebenden Weihnachtsbäume vergleichsweise eher teuer, trotzdem lohne sich die Investition, meint Daniela Poredos. Beim Anbau der Bäume verzichte Greentree zum Beispiel auf Insektizide und arbeitet stattdessen mit Nützlingen – und das bedeute mehr Aufwand und Pflege. „Man sollte eher hinterfragen, warum andere Bäume so billig sind“, kritisiert sie. Bisher stehen die Weihnachtsbäume zur Miete in den österreichischen Städten Wien, Graz und Salzburg zur Verfügung, doch auch in München können die Bäume inzwischen bestellt werden.

Der Tannenbaum zum Zusammenstecken

Auch Nico Stisser widerspricht die Vorstellung, Bäume einzig für das Weihnachtsfest zu fällen, um sie wenige Wochen später zu entsorgen. Deswegen hat er den „Keinachtsbaum“ erfunden – ein modularer Ständer für Tannengrün, in den echte Tannenzweige gesteckt werden. Anders als klassische Weihnachtsbäume werden die Bäume hierbei also nicht gefällt, sondern lediglich das Schnittgrün geerntet. „Konventionelle Weihnachtsbäume brauchen die ersten Jahre sehr viel Pflege, sind anfällig für Trockenheit, Unkräuter, Wildverbiss und so weiter“, erklärt er. Dies sei oft nur unter einem gewaltigen Einsatz von Pestiziden und Umweltgiften und viel Arbeitseinsatz zu bewerkstelligen. Bäume die aufgrund ihrer Optik nicht in den Handel kommen, würden an Ort und Stelle geschreddert. „Ich halte das für eine völlig unsinnige Verschwendung von Ressourcen.“

Der „Keinachtsbaum“ besteht aus einem Gestell aus Eschenholz, das zu Weihnachten einfach zusammengesteckt und mit Tannengrün bestückt wird. © Quelle: Keinachtsbaum®

Die Alternative: Der Keinachtsbaum. „Er ist immer wieder verwendbar, ist aus nachhaltig angebautem Eschenholz in Deutschland hergestellt und für das Schnittgrün braucht man keine Bäume zu fällen“, so Nico Stisser. Für einen Keinachtsbaum benötigt man ungefähr 10 bis 15 Kilogramm Schnittgrün, je nachdem wie groß der Baum sein soll. Binnen einer Stunde ist der Baum aufgebaut – und steht dem Original optisch in nichts nach. Bei nachhaltig gewonnenem Schnittgrün werden Stisser zufolge den Bäumen jedes Jahr nur ein paar Zweige entnommen. Das könne man 25 bis 30 Jahre lang machen, dann ist der Baum zu groß und man kann ihn nicht mehr wirtschaftlich ernten. „Nun kann er entweder einfach weiterwachsen oder man kann den Baum fällen und das Holz als Bau- oder Brennholz verwenden“, fügt er hinzu.

Auch der Keinachtsbaum scheint auf den ersten Blick mit einem Preis von 99 beziehungsweise 179 Euro eine kostspielige Investition in Richtung nachhaltige Weihnachten zu sein. Doch der Preisvergleich von Keinachtsbaum und echter Tanne hinkt gewaltig, wie Nico Stisser erklärt. „Schließlich kannst du deinen Coffee-to-go ja auch in einem gratis Zwei-Cent-Einwegplastikbecher bekommen oder dir einen Mehrwegthermobecher für 10 Euro kaufen. Der Keinachtsbaum ist eben kein Weihnachtsbaum, sondern ein hochwertiges Möbelstück, was über Jahrzehnte genutzt werden kann.“ Auf lange Sicht sei das sogar günstiger, da das Schnittgrün weniger koste jedes Jahr als ein ganzer Baum.

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