Voyeur auf Abstand: Was wir im Trash-TV über uns selbst lernen können

  • Die einen regen sich darüber auf, die anderen lieben es, viele gucken es: Trash-TV ist faszinierend und abschreckend zugleich.
  • Und besonders in Datingformaten verhalten sich viele Protagonistinnen und Protagonisten toxisch.
  • Eine Einladung, auch das eigene Leben mal auf Trashpotenzial zu untersuchen, hält Paartherapeut Christian Hemschemeier in der Kolumne „Auf der Couch“ bereit.
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Viele Menschen beschäftigen sich mit Trash-TV. Die einen regen sich darüber auf und lehnen diese TV-Formate ab, die anderen lieben es und verpassen keine Folge ihrer Lieblingsshow. Diese Sendungen polarisieren also auf jeden Fall und die Menschen setzten sich damit mehr oder weniger auseinander. Auch für mich haben diese Formate eine gewisse Faszination. Was im Trash-TV und vor allem in den Datingformaten dort besonders auffällt: das toxische Verhalten vieler Protagonistinnen und Protagonisten.

Wir erleben Dating und Beziehungsanbahnung im Zeitraffer und wie durch eine Lupe noch deutlicher. Das macht es spannend! Und da sich dort alles extremer zeigt als im echten Leben, sehen wir auch toxisches Verhalten noch viel deutlicher und schneller. Das ist faszinierend und abschreckend zugleich. Es kann so fesselnd sein, dass es uns einen gewissen Kick beschert und wir immer wieder einschalten. Warum ist das so? Wahrscheinlich zeigt es uns, dass wir alle, trotz eines möglicherweise reflektierten und bewussten Umgangs mit diesen Themen, doch eine gewisse Dramasucht in uns haben, die befriedigt werden will.

Drama auf Abstand

Das Drama aus der Ferne zu sehen macht dabei manchmal besonders viel Spaß, weil wir den unangenehmen Teil nicht selbst fühlen müssen. Zum anderen könnte es auch sein, dass wir uns durch die Beobachtung der toxischen Interaktion selbst besser fühlen. Möglicherweise haben wir das Gefühl, wir hätten es besser verstanden als die Kandidatinnen und Kandidaten und uns würde das nicht (mehr) passieren. Wir würden uns im Gegensatz zu den Teilnehmenden nicht (mehr) in Dreiecke verstricken lassen, das toxische Verhalten sofort erkennen und den Kontakt abbrechen.

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Aber wäre das tatsächlich so? Für uns selbst beziehungsweise unser Verhalten haben wir meist viel Verständnis und haben Rechtfertigungen und Erklärungen, warum wir es nicht schaffen uns aus einer toxischen Dynamik beziehungsweise Beziehung zu lösen, bei anderen sind wir da meist deutlich strenger. Wir sind emotional weniger oder gar nicht verwickelt und natürlich kann es dann auch wertvoll sein zum Beispiel einer guten Freundin oder einem guten Freund empathisch zu spiegeln, was man sieht oder welchen Eindruck man hat. Aber jeder bleibt dennoch der Experte oder die Expertin für sich selbst und ist an dem Entwicklungsstand, an dem er oder sie eben gerade ist.

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Wieviel Trashpotenzial steckt im eigenen Leben?

Datingshows können Dinge, die am Anfang des Kennenlernens falsch laufen, sichtbarer machen. Und sie können uns im besten Fall dazu auffordern über unser eigenes Verhalten nachzudenken, unsere blinden Flecken zu erkunden und zu sehen, dass diese Themen vielleicht auch bei uns selbst auch noch viel präsenter sind, als wir uns manchmal eingestehen wollen.

Stellen wir uns doch einfach öfter mal die Frage, wieviel Trashpotenzial steckt noch in unserem eigenen Leben? Verhalten wir uns selbst immer moralisch einwandfrei, bewerten wir nicht und sind wir selbst frei von toxischen Verhaltensweisen?

Der Autor und seine Kurse sind zu erreichen über www.liebeschip.de. Sein neues Buch „Vom Opfer zum Gestalter – Raus aus toxischen Beziehungen, rein ins Leben“ ist in allen Buchhandlungen erhältlich.

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