Was ist nur mit der Mode los? Im Gras mit Gucci

  • Früher galten Flecken auf der Jeans als eindeutiges Indiz, die Waschmaschine anwerfen zu müssen.
  • Inzwischen sind sie ein Statement geworden.
  • Gucci etwa kommt nun mit Grasflecken auf der Hose groß raus.
|
Anzeige
Anzeige

Kurz in den feuchten Rasen gekniet und schon glänzen sie speckig-grün auf der Jeans: Grasflecken. Bleiben auch nach dem Waschen noch blassgrüne Spuren zu sehen, muss man die Hose jedoch nicht mehr gleich aussortieren. Im Gegenteil: Dank Gucci sind Grasflecken ein modisches Statement.

Das Luxuslabel hat eine Jeans auf den Markt gebracht, die aussieht, als hätte jemand jahrelang darin im Garten gewerkelt. Gucci bezeichnet diese Optik als „ökologische Waschung mit fleckigem Effekt“. Neu ist die Idee nicht: Hosen, auf denen absichtlich Löcher oder Flecken prangen, sind in der Mainstreammode schon seit den Achtzigerjahren immer wieder angesagt. Nur, weil etwas dreckig oder zerstört aussehe, falle es nicht mehr automatisch aus dem Kanon korrekter Kleidung heraus, weiß Peter Seebacher, Professor für Modedesign an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften. „Ganz im Gegenteil, denn bei diesen inszenierten Zerstörungen handelt es sich um textile Veredelungstechniken“, erklärt der Experte.

Eher nachhaltig kaufen als trendy

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Gucci treibt diesen Prozess mit seiner grasfleckigen Jeans nun auf die Spitze. „Mit dieser Hose kauft man ein Massenprodukt, das den Anschein erweckt, ganz individuell zu sein. Man kauft sich eine vorgefertigte Identität“, urteilt Martina Glomb, Professorin für Modedesign an der Hochschule Hannover. „Man sollte lieber eine Jeans, vielleicht sogar aus Biodenim, kaufen und zehn oder zwanzig Jahre lang tragen. Diese Hose sieht dann hundertmal cooler aus als die Gucci-Jeans“, meint Glomb, die auch im Bereich nachhaltige Bekleidung forscht.

In der Tat: Authentisch ist die Gucci-Jeans mit Grasflecken nicht. Wer sie trägt, schlüpft in eine Rolle. Nämlich die eines geerdeten Naturliebhabers, der gern ausgiebig im Garten oder auf dem Feld arbeitet. Gucci greift mit seiner Ecojeans das wachsende Bedürfnis nach Nachhaltigkeit und damit auch Naturverbundenheit auf. Doch von reiner Fair-Fashion-Kultur kann dabei nicht die Rede sein.

Anzeige

Viel Wasser und Chemikalien für Jeans

Laut Angaben von Gucci besteht die grasfleckige Jeans zwar aus Biobaumwolle. „Sowohl der Anbau als auch die Herstellungsverfahren erfolgen ohne schädliche Chemikalien, Pestizide und künstliche Düngemittel“, schreibt das Unternehmen auf seiner Website. Doch ein unabhängiges Ökotextilsiegel, das diese Aussagen bestätigt, sucht man in der Beschreibung der Jeans vergeblich. Zudem: Nur weil der Rohstoff Bio ist, heißt das nicht automatisch, dass bei der Herstellung der Jeans auf Chemikalien verzichtet worden ist.

„Das Waschen, damit Jeans benutzt aussehen, ist in den vergangenen Jahren sehr in die Kritik geraten“, sagt Modeschöpferin Glomb. Denn dabei würden nicht nur eine Menge Chemikalien eingesetzt, sondern auch Unmengen an Wasser verbraucht – auch, wenn es mittlerweile in diesem Bereich neue, umweltschonendere Ansätze gebe. „Wer Ökojeans von Gucci oder einer anderen Marke kauft, wird nicht die Welt retten“, lautet das Fazit der Expertin.

Ganz im Gegenteil: Eine schon beim Kauf absichtlich zerstörte Hose halte nicht so lange wie eine, die noch völlig intakt und damit nachhaltiger sei. Eine unbehandelte Jeans sei aber nicht sofort so schlabbrig weich wie eine ausgewaschene, sagt Glomb, man müsse sie erst eintragen.

Das ist unbequem – genauso wie auf Knien durch den Garten zu rutschen. Aber eben auch viel authentischer.

RND



“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen