Mehr als nur ein Streifen Land am Wasser: Warum Strände uns verführen

  • Für den amerikanischen Historiker Robert C. Ritchie ist ein Strand kein Streifen Land am Küstensaum, sondern ein ganzer Kontinent.
  • In seiner Kulturgeschichte des Strandes hat Ritchie unsere Beziehung zum maritimen Sehnsuchtsort untersucht.
  • Die Ergebnisse und die Kurzformel seiner Recherchen stellt er im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland vor – Sand, Salzluft, Sittenverfall.
Stefan Wagner
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Strände ziehen Menschen magisch an. Warum eigentlich?

Robert C. Ritchie: Ach, die schwierigste Frage gleich am Anfang. Strände sind ein sehr spannendes Forschungsgebiet, weil sich ihre Bedeutung für den Menschen so stark geändert hat. Sie sind gewissermaßen ein Spiegel der Menschheitsentwicklung. Doch gehen wir vom Heute aus. Fast jeder hat Erfahrungen mit Stränden gemacht, und meist sind es sehr positive, die an die Kindheit erinnern: Sandburgenbau, Spielen im Wasser, Eisschlecken. Später kommen dann vielleicht erotische Erfahrungen hinzu oder das Gefühl, sich endlich entspannen zu können. Diese schmalen Sandstreifen sind für Millionen, ja Milliarden von Menschen aufgeladen mit positiven Erfahrungen. Sie bieten eine Projektionsfläche für Wünsche. Hier ist es okay, Frisbee zu spielen, zu lesen, zu schwimmen. Aber es ist noch mehr okay, absolut gar nichts zu tun, keine Agenda zu haben, zu träumen. Strände sind Orte der unendlichen Langeweile. Und genau deshalb lieben wir sie.

Das war aber nicht immer so.

Zumindest in Europa wurden Strände bis ins 18. Jahrhundert als komplett nutzlose Leerflächen betrachtet. Die Nähe zum Meer galt als Bedrohung. Denken Sie an die Sintflut, an Seemonster, an Sturmfluten oder räuberische fremde Völker wie die Wikinger, die vom Meer kamen. Auch das Fischen wurde im Meer erst notwendig, als in vielen Ländern die Fischbestände in Flüssen und Seen zurückgingen. Anbauen konnte man im Sand auch nichts. Es gab nicht den geringsten Grund, sich hier aufzuhalten.

Der Historiker Robert Ritchie, 82, ist Senior Research Associate der kalifornischen Huntington Library und lebt in Pasadena nahe Los Angeles. Der gebürtige Schotte war zuvor Professor an der University of California in San Diego. Seine Spezialgebiete sind frühe amerikanische Geschichte – und die Geschichte der Piraterie. © Quelle: University of California Press
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Kaum vorstellbar. Warum wurde der Strand dann beliebter?

Spätestens 1730 kamen vor allem in England immer mehr Theorien auf, die besagten, dass nicht nur Mineralbäder – die es schon lange gab –, sondern auch Meerwasserbäder gut gegen alle möglichen Krankheiten helfen sollten, von Lepra über Tollwut und Rachitis bis hin zu Gicht und Melancholie. Ein Schluck Meerwasser oder kurzes Eintauchen ins Wasser wurden für Aristokraten und die Oberklasse aus London zur Mode. Wer es sich leisten konnte, setzte sich in einen hölzernen Badekarren, ließ sich von Pferden ins seichte Wasser ziehen, tauchte dann voll bekleidet dreimal am Tag für eine Minute ins kalte Meerwasser. Später kam auch noch der Glaube auf, die reine Meerluft sei gesundheitsförderlich.

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Dreimal eine Minute lang ins Wasser zu gehen ist aber nicht wirklich tagfüllend.

Absolut! Und hier kommt wieder die Langeweile ins Spiel. Natürlich hatten die Adligen und Reichen gewisse Ansprüche, und es entstand langsam eine Infrastruktur für Strandbesucher: Unterkunftshäuser, Orte, an denen man essen konnte, Versammlungsräume für Lesungen, Konzerte, Tänze, Kartenspiele. Man begann, am Strand zu sitzen oder zu spazieren oder zu reiten. Über Jahrzehnte entstanden Strandstädte, Seebäder und Resorts, die alles boten, was die Gesundheitssuchenden brauchten. Das begann in England mit Scarborough, Margate und Brighton, später dann auch in Heiligendamm, Nizza, Viareggio.

Sie schreiben, Strände seien immer assoziiert mit lockeren Sitten, Sex und Wollust?

Immer mehr Menschen wollten nach dem Vorbild der Reichen und Mächtigen an den Strand. Höhere Löhne, Zugverbindungen und die Einführung von Urlaubstagen ermöglichten es auch Arbeitern und der Mittelklasse, den Strand zu erleben. Dort kamen unterschiedliche Schichten und Menschen aus unterschiedlichen Städten und Dörfern zusammen und vermischten sich, eine Art Demokratisierung. Alle hatten am gleichen Ort das gleiche Ziel: Spaß zu haben und die Freizeit zu füllen. Es gab Kasperltheater, Alkohol, Tänze, Blasmusik, Ausritte auf Eseln und natürlich auch Bordelle. Für Priester waren Strände schreckliche Orte des Sittenverfalls und der Wollust. Dazu kam die Tatsache, dass Männer und Frauen hier ins Wasser gingen. Männer häufig nackt am Morgen, Frauen dann später, allerdings mit bis zu 20 Kilogramm schweren vollgesaugten Kleidern, die eng am Körper klebten. Die meisten populären Strände waren gesäumt von Menschen, die teils mit Ferngläsern versuchten, Blicke auf Frauen in nassen Kleidern zu erhaschen.

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Der Strand als ein Ort der sexuellen Befreiung also.

Genau. Als Strandbesucher konnte man die streng reglementierte Welt seiner Fabrik, seines Viertels, seiner Klasse, seiner Familie für eine kurze Zeit verlassen. Die soziale Kontrolle war weg, dafür das Gefühl, frei zu sein, ausbrechen zu können, Abenteuer erleben zu können. Die Enge weitete sich. Plötzlich hatten die Menschen auch die Muße, sich für die Körper der anderen Menschen zu interessieren. So wurden Strände immer mehr zu Orten der Verführung, der erotischen Fantasien, da ja auch die Bademode dazu tendierte, immer weniger Stoff zu verwenden. Jeder weitere Entblößungsschritt war anfangs ein Skandal, bald danach Standard. Die Erfindung der Sonnencreme in den 1930er-Jahren ermöglichte es zusätzlich, mit weniger Kleidung mehr Zeit am Strand zu verbringen. Einer der Höhepunkte war die Erfindung des Bikinis vor 75 Jahren.

Wie hat sich die Beziehung des Menschen zum Strand in den vergangenen paar Jahrzehnten verändert?

Das lässt sich schwer verallgemeinern, jedes Land, jeder Kontinent hat da unterschiedliche Entwicklungen. Strände sind immer noch Orte des Vergnügens, der Erholung und der Kontemplation. Ein Trend ist sicher der, dass Strandgäste heute weniger organisierte Unterhaltung suchen. Konzertsäle, Achterbahnen, Vergnügungspiers sind weniger hip, die Entwicklung geht hin zu individuellen sportlichen Aktivitäten. Auch sonst ist die Individualisierung sichtbarer, die Menschen sitzen da, lesen E-Reader, hören ihre Musik, gucken Filme am Smartphone. Aber das ist ein genereller Trend. Auffällig ist, dass es immer mehr Strände oder Strandabschnitte gibt, an denen primär bestimmte Bevölkerungsgruppen zusammenkommen: sehr wohlhabende Besucher, Surfer, Homosexuelle, Familien, Naturfanatiker, Nudisten, Leute die primär Alkohol trinken und feiern wollen. Da findet eine ungeplante Trennung statt.

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Robert C. Ritchie: „The Lure of the Beach. A Global History“, University of California Press, 339 Seiten, ISBN: 0520215958, 26,99 Euro. © Quelle: University of California Press

Was ist heute die größte Gefahr für Strände?

Es gibt Untersuchungen, nach denen 75 bis 90 Prozent der Naturstrände weltweit sehr gefährdet sind. Der steigende Meeresspiegel, immer aggressivere Stürme und die Erosion setzen ihnen sehr zu. Auch der rapide zunehmende Abbau von Sand für die Bauindustrie und viele andere Industrien ist eine echte Bedrohung geworden. Da wird schon mal Sand von Australien nach Dubai gebracht. Resorts in Florida geben über die Jahre hinweg Hunderte Millionen Dollar aus, um Sand von anderen Stränden an ihre Strände zu bringen, die sonst weggeschwemmt würden. Es ist komplett verrückt. Gleichzeitig lebt inzwischen die Hälfte der Weltbevölkerung weniger als 60 Kilometer vom nächsten Meer entfernt, der Erholungsdruck ist also gewaltig. Ganz ehrlich: Ich sehe schwarz für uns und unsere Liebe zum Strand.

Wann waren Sie das letzte Mal am Strand?

Ich bin vorgestern eine Stunde spazieren gegangen. Leider wohne ich jetzt etwa 40 Kilometer vom Beach entfernt, aber früher war ich wirklich jeden Tag dort. Ich liebe die Wellen und das Gefühl, dort zu liegen und sich von der Sonne trocknen zu lassen. Oder den Mädchen hinterherzublicken, den Surfern zuzusehen, den Wind in den Haaren zu spüren. Und jedes Mal staune ich über das Meer und seine unglaubliche Erhabenheit. Am Strand, dieser winzigen Zone zwischen Meer und Land, fühle ich mich geborgen und inspiriert. Auch wenn ich oft am Strand bin, spüre ich sofort die Sehnsucht nach ihm, sobald ich ihm den Rücken kehre.

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