Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen: Warum Scheitern jetzt zur Tugend wird

  • Sich einmal unperfekt zu zeigen, liegt nicht nur auf Instagram und in der Mode im Trend.
  • Auch Unternehmer, Sportler und Künstler thematisieren jetzt immer öfter ihre Fehlschläge.
  • Ein Psychologe erklärt, woran das liegt, was es für Folgen haben kann – und wie man selbst am besten mit Misserfolgen umgeht.
Helene Kilb
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Wer sich zurzeit in den Buchhandlungen umschaut, entdeckt Titel wie „Scheitern erlaubt!“, „Hinfallen und aufstehen: An Fehlern wachsen“ oder „Voll verkackt!: Wie ich auf ganzer Linie scheiterte und was ich daraus lernte“. In mehr als 320 Städten dieser Erde finden mittlerweile sogenannte Fuck-Up-Nights statt, bei denen Unternehmer erzählen, wie sie ein berufliches Projekt oder gar ihre komplette Firma an die Wand gefahren haben. Bei Podcasts wie „Scheitern für Anfänger“ thematisieren Sportler, Politiker und Künstler ihr Versagen. Es sieht also ganz danach aus, als gäbe es mittlerweile ein großes Bedürfnis, die eigenen Misserfolge nicht mehr ins Hinterzimmer des eigenen Bewusstseins zu drängen und ein großes Vorhängeschloss davor anzubringen – sondern die negativen Erfahrungen mit anderen zu teilen, das Scheitern publik zu machen als etwas zutiefst Menschliches.

Humor statt Verdrängen

Wie kommt das? „Eine definitive Antwort gibt es nicht“, sagt der Psychologe und Coach Andreas Matuschek, der Unternehmen und Organisationen durch Krisenzeiten begleitet. Allerdings sieht er einige Einflüsse: „In amerikanischen Unternehmen gibt es eine Fehlerkultur, die nach Europa übergeschwappt ist, vor allem durch Strömungen aus dem Silicon Valley und der Technologie-Branche, wo Toleranz gelebt wird: Man soll, muss Fehler machen, um zum Ziel zu kommen.“ Als weiteren Grund nennt er die zunehmende Komplexität der immer globaler und digitaler werdenden Welt. Um in einer solchen Welt zu bestehen, helfe vielen Menschen ein umso größeres Vertrauen in den eigenen Weg – und darin, dass der Weg auch Fehler enthalten dürfe. Und: Statt Fehlschläge zu verdrängen oder zu verleugnen, begegnete man diesen zunehmend mit Humor. „Wenn man über sich selbst lachen kann oder eigene Fehler – Stichwort Fuck-Up-Nights – mit anderen belachen kann, schafft das eine wohltuende Distanz.“ Zudem erfülle sich durch die Selbstöffnung das Bedürfnis nach Resonanz und Anerkennung, das jeder Mensch in sich trage.

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Dennoch gilt, wie Matuschek sagt: „Im Großen und Ganzen streben Menschen immer noch eher nach Erfolg, weil man dadurch viel mehr Anerkennung bekommen kann als mit Misserfolg.“ Die Entwicklung, dass Menschen das Scheitern als etwas Natürliches ansehen und offen ansprechen, zeichne sich daher seiner Erfahrung nach bisher nur in Nuancen ab.

So war es auch bei der Mexikanerin Letitia Gasca, Mitgründerin der Fuck-Up-Nights: „Wir waren fünf Freunde“, erzählt sie in einem Interview mit dem Magazin Esquire, „alle Unternehmer. Wir hatten alle vermasselte Geschäfte hinter uns, hatten diese Geschichten aber nie miteinander geteilt, obwohl wir uns sehr nahestehen.“ Am Anfang sei es schwer gewesen, Menschen zu finden, die bei Fuck-Up-Nights von ihren Fehlschlägen erzählen wollten. „Jetzt kriege ich jeden Tag E-Mails von Menschen von überall auf der Welt, die mir schreiben, dass sie ihre Fehlschläge teilen wollen. Auf einmal ist Scheitern cool geworden.“

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Andere scheitern zu sehen, kann ermutigen

Ob diese ersten Schritte in Richtung einer neuen Fehlerkultur wirklich zu einer solchen führen und wie lange es dauert, bis sich diese etabliert hat, bleibt natürlich offen – und auch, was das beim Einzelnen auslösen könnte. Denn wie ein Mensch mit den misslichen Erfahrungen anderer umgeht, ist vor allem Typ-Sache. Entsprechend tut es manchen Menschen gut, davon zu hören, denn: „Menschen vergleichen sich allgemein gerne, im Sport, in der Schule, im Privaten“, erklärt Matuschek. „Jemanden zu sehen, der auch gescheitert ist und vielleicht sogar in fulminanterem Ausmaß, kann das eigene Selbstwertgefühl erhöhen.“ Auch könne es ein gutes Gefühl geben, sich nicht alleine zu sehen, sondern als Teil einer neuen „Ingroup“, als einer, der es wie viele andere wenigstens versucht hat.

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Dient die gescheiterte Person allerdings als Vorbild, könne das für einen selbst umso schwieriger sein, nach dem Motto: „Wenn die Person, die ich für so kompetent halte, gescheitert ist, wie soll ich es dann schaffen?“

Noch scheinen es vor allem erfolgreiche Menschen zu sein, deren Versagen im Nachhinein bekannt wird: Prominente Beispiele sind Lars Hinrichs, dessen Kommunikations-Agentur 2001 Insolvenz anmelden musste und der später Xing ins Leben rief. Oder Frank Thelen, der im Alter von 24 Jahren mit seiner Router-Firma Softer Solutions pleite ging, dann mit einem Berg Schulden wieder bei seinen Eltern einzog und später als Juror in „Die Höhle der Löwen“ reich und berühmt wurde. Oder Max Levchin, der gleich vier Start-ups hintereinander in den Sand setzte, ehe er den Online-Bezahldienst PayPal erfand.

Fast könnte man meinen, auf eine Pleite müsse sich zwingend der Erfolg einstellen – was natürlich genau so gut nicht der Fall sein kann. Einen dadurch automatisch erhöhten Erfolgsdruck sieht Psychologe Matuschek aber nicht. Die Gefahr bestehe eher darin, sich selbst zu blockieren: „Das vormalige Scheitern und der Gedanke, dass man wieder scheitern könnte, kann Probleme aufrechterhalten. Deshalb kann ein Misserfolg, für den man sich selbst verantwortlich macht, weitere Misserfolge nach sich ziehen, quasi im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung.“

Im Misslingen eine Chance sehen

Es geht aber auch anders. „Wenn man eigenes Verhalten und die Gründe des Scheitern evaluiert und beides in seine Erfahrungen integriert, kann man gestärkt aus einer Enttäuschung hervorgehen“, sagt der Psychologe. Dabei sei ein erster Schritt zur Besserung, sich selbst darüber bewusst zu werden und einzugestehen, dass man Mist gebaut habe. Ebenso wichtig sei es, zu akzeptieren, dass Misserfolge zum Leben dazugehören. Bei manchen Dingen gelte es, die eigenen Erwartungen ständig zu überprüfen, um dann vielleicht festzustellen, dass so manches gesetzte Ziel gar nicht so elementar ist oder es auch mal ausreiche, etwas nur zu 80 Prozent zu vollenden. Und: „Wenn Menschen etwas seit 30 Jahren probieren und immer das gleiche negative Ergebnis dabei herauskommt, ist es meist hilfreich, etwas Neues zu probieren“, sagt Matuschek.

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So oder so: Je mehr Menschen über ihre Niederlagen sprechen, desto größer wird hoffentlich die gesellschaftliche Akzeptanz dafür, dass das Leben so ist wie es ist – nicht immer perfekt.

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