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Von wegen Ruhestätte: Auf dem Friedhof tobt das Leben

Im 19. Jahrhundert entstanden auch in Deutschland viele Parkfriedhöfe nach dem Vorbild englischer Landschaftsgärten.

Im 19. Jahrhundert entstanden auch in Deutschland viele Parkfriedhöfe nach dem Vorbild englischer Landschaftsgärten.

Hamburg/Berlin/Trossingen. Dunkel, verlassen, unheimlich – mit den ungemütlichen Orten aus Vampirfilmen haben die meisten Friedhöfe heutzutage rein gar nichts zu tun. Stattdessen werden Yogaübungen auf dem Friedhofsrasen vollführt, Schulklassen beobachten heimische Vögel, Imker beherbergen dort ihre Bienenvölker. Beispiele für eine kreative Friedhofsnutzung sind überall in Deutschland zu finden: In Freiburg wird Friedhofshonig verkauft, der Kölner Südfriedhof hat mehr Sitzgelegenheiten geschaffen, um Besucherinnen und Besucher anzulocken. Beim Urban Gardening in Berlin-Neukölln werden Gurken neben Gräbern gepflanzt.

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Parkfriedhöfe: Idee aus dem 19. Jahrhundert

Der Gedanke, Friedhöfe auch als Erholungsorte für Lebende zu nutzen, mag unkonventionell erscheinen. Neu ist die Idee aber nicht, wie Marc Templin von den Hamburger Friedhöfen erklärt. Im Stadtteil Ohlsdorf in der Hansestadt liegt mit einer Größe von 391 Hektar der größte Parkfriedhof der Welt. „Viele Parkfriedhöfe entstanden im 19. Jahrhundert nach dem Vorbild der englischen Landschaftsgärten“, erklärt der Experte für die Flächenentwicklung von Friedhöfen. Der Parkfriedhof sollte schon damals zwei Funktionen gleichzeitig erfüllen, so Templin: einerseits einen Ort für Trauer und Besinnung bieten, andererseits auch Begegnungen und Austausch ermöglichen.

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In den vergangenen beiden Jahren hat der Friedhof als Naherholungsgebiet durch die Corona-Pandemie noch weiter an Bedeutung gewonnen. „Das haben wir ganz massiv gemerkt, die Leute wollten raus aus der Wohnung und ins Grüne. Die Zahl der Besucher auf dem Friedhof hat während des Lockdowns enorm zugenommen“, berichtet Templin.

Trend zum Urnengrab schafft Platz auf dem Friedhof

Eine weitere Entwicklung verstärkt den Trend hin zum Friedhof als Erholungsraum für Mensch und Natur: Die Bestattungskultur in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahrzehnten massiv geändert. „Wir haben etwa 80 Prozent Urnenbeisetzungen und 20 Prozent Sargbestattungen – in den 70er-Jahren war das umgekehrt“, sagt Templin. Die Folge: Da Urnengräber nur einen Bruchteil des Platzes brauchen, die ein Sarg benötigt, entstehen auf den Friedhöfen immer größere Lücken.

„Friedhöfe sind ein Spiegel der Gesellschaft, und die hat sich in den letzten 40 Jahren stark verändert“, sagt Joachim Ebinger. Er berät Kommunen in Süddeutschland zur Gestaltung von Friedhöfen. Ebinger sieht die Entwicklung positiv, denn sie biete unzählige neue Gestaltungsmöglichkeiten. „Noch in den 80er-Jahren waren die meisten Friedhöfe komplett voll, da war ein Grab am anderen, besonders schön war das nicht“, erinnert sich der langjährige Leiter der Friedhöfe der Stadt Villingen-Schwenningen. Es sei Aufgabe der Friedhofsverwaltungen, sich den gesellschaftlichen Veränderungen anzupasse­n.

Yoga und Urban Gardening auf dem Friedhof

In Hamburg wird der Wandel des Ohlsdorfer Friedhofs aktiv gestaltet: Im Zukunftsprojekt „Ohlsdorf 2050″ wurden Ideen für die Flächen entwickelt, die in absehbarer Zeit nicht mehr für die Bestattung benötigt werden. Inzwischen wurde in einer nicht mehr genutzte Kapelle ein Stadtteilzentrum eröffnet, eine zweite dient einer Grundschule als Außenstandort. Man habe einige Hundert Bäume alter Apfelsorten gepflanzt, berichtet Templin. Mit Bienenstöcken, Yogastunden und Urban Gardening erfüllt der Ohlsdorfer Friedhof viele Freizeitbedürfnisse der Großstädterinnen und Großstädter.

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Die Hamburgerinnen und Hamburger können sich mit weiteren Wünschen für die Friedhofsnutzung an die Leitung wenden. „Wir haben eine Kollegin als Ansprechpartnerin für partizipative Projekte eingestellt“, sagt Templin. Einige Grabfelder sollen langfristig zu Parkflächen umgewandelt werden, sodass dort keine neuen Gräber mehr vergeben werden. „Im Moment besteht die Fläche des Ohlsdorfer Friedhofs etwa zur Hälfte aus Gräbern und zur Hälfte aus Park – irgendwann werden es zwei Drittel Park sein“, sagt Templin.

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Auch der Naturschutz spielt eine Rolle bei der Umgestaltung der Friedhöfe – auf nicht mehr genutzten Flächen werden vielerorts Totholzareale oder Blühwiesen angelegt. Denn auch für Insekten, Vögel und Pflanzen sind Friedhöfe wichtige Lebensräume. „Ihre Bedeutung für die Stadtökologie kann man kaum überschätzen“, sagt Ansgar Poloczek, Artenschutzexperte beim Nabu-Landesverband Berlin. Durch ihre kleinteilige Struktur böten Friedhöfe viele unterschiedliche Habitate auf engem Raum. Der Baumbestand sei oft besonders alt, da man Friedhöfe selbst in der Nachkriegszeit, als der Bedarf an Feuerholz riesig war, aus Pietätsgründen vor der Abholzung verschont habe. „Für höhlenbrütende Vögel und viele Fledermausarten sind diese alten Bäume enorm wichtig,“ sagt Poloczek. Der Nabu schätzt zudem, dass rund 10 Prozent der Farn- und Blütenpflanzen auf Berliner Friedhöfen auf der „Roten Liste“ der bedrohten Arten stehen.

Klimawandel: Friedhöfe als Kaltluftgebiete

Doch die immer größer werdenden Lücken zwischen den Gräbern könnten für die Natur auch zur Gefahr werden: „Für viele Friedhofseigentümer entsteht dadurch eine wirtschaftliche Problemlage und gerade in großen Städten wie Berlin wächst der Nutzungsdruck.“ Immer häufiger würden daher Friedhofsflächen als Bauland verkauft. „Viele Friedhöfe sind nicht als Grünanlagen geschützt – lediglich einige besonders alte sind als Gartendenkmäler klassifiziert“, erklärt Poloczek.

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Aus Sicht des Naturschützers ein gravierender Fehler, besonders im Hinblick auf den Klimawandel: „Grünflächen haben einen enormen Kühlungseffekt auf die gesamten umliegenden Ortsteile und verbessern dort die Luftqualität.“ Genauso wichtig seien die unversiegelten Böden der Friedhöfe, auf denen Regenwasser versickern könne. „Es wäre daher extrem wichtig, Friedhofsflächen als Grünanlagen zu erhalten“, sagt Poloczek.

Wenn Städte diese Bedeutung erkennen, können Friedhöfe also ein Garant für die Lebensqualität der Zukunft sein. Friedhofsberater Joachim Ebinger ist optimistisch: „Friedhöfe werden sich immer mehr zu Parkanlagen entwickeln und dadurch entsteht eine schönere Atmosphäre.“ Davon profitierten auch diejenigen Besucherinnen und Besucher, die den Friedhof in seiner ursprünglichen Funktion nutzen, um die Gräber verstorbener Angehöriger zu besuchen. Dass es durch das Aufeinandertreffen von Trauernden und Freizeitgästen zu Konflikten kommt, hält Ebinger für kein gravierendes Problem. „Ein Friedhof kann durchaus all diese Funktionen parallel erfüllen – wichtig ist einfach, dass man aufeinander Rücksicht nimmt.“

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