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Vom Graffitisprayer zum Illustrator: „Die Akzeptanz für Straßenkünstler steigt“

  • Graffiti an Hauswänden, Tunneln oder Brücken waren lange verpönt, galten in Städten als Symbole für soziale Brennpunkte und Kriminalität.
  • Doch das Image der Straßenkunst ändert sich – und einige ehemals illegale Sprayer machen Karriere als Künstler oder Gestalter.
  • Der Berliner Sprayer Christopher Wehr erzählt von seinem Werdegang
Kristina Auer
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Berlin. Nachts unterwegs mit Dosen im Rucksack und Kapuzenpulli, immer bereit zur Flucht – so in etwa lautet das Klischee vom illegalen Graffitisprayer in der Großstadt. Ein bisschen Wahres ist daran, aber längst nicht alle Sprüher sind nur heimlich und im Dunkeln bei der Arbeit. Einerseits versuchen Städte, mehr legale Flächen zum Malen zur Verfügung zu stellen. Andererseits ist das Ansehen der Werke in den letzten Jahren stark gestiegen. Einige Straßenkünstler machen ihr einstiges Hobby zum Beruf – wie der Berliner Christopher Wehr. Im Interview spricht der 32-Jährige über seinen Werdegang vom sprühenden Teenager zum Illustrator mit Aufträgen von großen Firmen aus der Immobilien-, Mode- oder Autobranche.

Wie hat das mit dem Sprühen begonnen?

Christopher Wehr: Angefangen habe ich mit ungefähr 13 Jahren. Dazu gekommen bin ich über ältere Freunde, das ist ja meistens der klassische Weg. Es war damals auch die Hochzeit von Graffiti in Deutschland und Europa, das war in der Jugendkultur sehr präsent und cool. Man ist Teil einer Clique und zieht abends um die Häuser – das hat in diesem Alter ja große Bedeutung.

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Und was waren damals die Motive?

Eher einfache Schriftzüge – sogenannte Tags, oder Throw Ups, die aus flächigeren Buchstaben bestehen. Am Anfang ist man ja noch nicht so schnell und muss üben. Besonders, wenn es ums illegale Sprühen geht, kommt es ja auf Geschwindigkeit an, um nicht erwischt zu werden.

Außerdem reichte das Taschengeld auch nur für ungefähr fünf Dosen im Monat. Damit kann man nicht ständig riesige Bilder malen. Manche haben damals aber auch Dosen im Baumarkt geklaut.

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Worin liegt der Reiz beim Sprühen?

Es geht oft um „Fame“ – also Respekt innerhalb der Szene. Den kann man über Masse erreichen, oder eben darüber, dass man besonders große und aufwändige Bilder malt. Oder, indem man sie an den krassesten Stellen platziert, die nur schwer erreichbar sind oder von wo aus sie alle sehen können.

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Sprühen ist aber auch eine Form der Rebellion gegen die Machtverhältnisse und ein Weg, sich die Stadt zu erobern. Und es kann genauso ein Aufstand gegen die Kunstszene sein: Man fragt nicht nach, ob das, was man tut, irgendwem gefällt und man einen Ort bekommt, an dem man ausstellen darf. Man nimmt sich einfach den Raum dafür.

Christopher Wehr betreibt mit seinem Partner Philipp Vogl die Berliner Kreativagentur „Frameless Studio“. © Quelle: Cee Cee Berlin

Das ist dann allerdings illegal. Wie gefährlich ist sowas?

Es kam schon öfter vor, dass jemand erwischt wurde. Dann muss man mit einer Anzeige wegen Sachbeschädigung oder auch Landfriedensbruch rechnen. Mir ist das zum Glück nie passiert. Aber grundsätzlich kann man sagen: In Deutschland gibt es immer jemanden, den es stört, wenn man Graffiti malt – auch wenn man irgendwo in den Wald geht und an eine alte Mauer sprüht. Die Leute sind hier ja sehr pflichtbewusst. Das war dann auch einer der Gründe dafür, dass ich relativ früh mit den illegalen Sachen aufgehört habe.

Wie schaffen es Sprayer, unbemerkt teils riesige Flächen zu bemalen?

Wer krasse Sachen machen will, muss fit sein. Da geht es einerseits um Übung, um möglichst schnell zu werden. Andererseits hat es viel mit Planung zu tun. Da werden vorab genaue Skizzen entworfen und jeder Schritt bis ins Detail geplant, um in kurzer Zeit möglichst großflächig zu arbeiten.

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Das Sprayen ist jetzt eine legale Angelegenheit – mit der eigenen Kreativagentur Frameless Studio. Wie kam es dazu?

Mit dem illegalen Sprühen habe ich schon mit 17 oder 18 Jahren aufgehört und dann nur noch an „Halls“ – also legalen Wänden – gemalt. Ich habe einfach gemerkt, dass ich mehr Lust auf das Malen an sich habe als auf irgendwelche illegalen Aktionen.

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Die Agentur habe ich Anfang 2015 mit meinem Partner Philipp Vogl zusammen gegründet. Ich habe damals Druck- und Medientechnik studiert und im Studium gab es die Aufgabe, einen Businessplan für eine Agentur zu schreiben. So ist die Idee zu Frameless entstanden. Philipp kannte ich vom Malen an der Wand und habe ihm irgendwann davon erzählt und ihn gefragt, ob wir das zusammen machen wollen. Mittlerweile realisieren wir ungefähr 15 bis 20 Projekte im Jahr. Das sind aber nicht nur Wandgestaltungen, sondern wir machen auch Illustrationen, Produktdesigns oder andere digitale Projekte. Zuletzt haben wir eine Wandgestaltung für den Innenhof einer Seniorenresidenz in Berlin-Wedding entworfen.

Lässt sich generell sagen, dass sich die Szene professionalisiert?

Ja, auf jeden Fall. Die Akzeptanz für Straßenkünstler ist in den letzten zehn Jahren definitiv stark gestiegen. In fast allen Großstädten gibt es jetzt Mural Festivals, bei denen Künstler aus aller Welt große Fassaden bemalen.

Ich persönlich finde das toll, aber die Entwicklung wird in der Szene auch sehr kritisch diskutiert. Die Leute haben eben auch gemerkt, dass man mit Street Art richtig Geld verdienen kann. Eine Debatte ist, dass Straßenkunst die Gentrifizierung verstärkt – weil Stadtteile dadurch aufgehübscht werden und mehr Touristen anziehen. Diesen Punkt kann man nicht ganz von der Hand weisen, andererseits wäre es auch traurig, gar keine Wände mehr zu bemalen. Diese Festivals ermöglichen es zum Beispiel auch, dass ein berühmter Künstler aus Australien, dessen Bilder man sonst nie gesehen hätte, nach Deutschland eingeladen wird und eine Fassade bemalt – und das ist dann gratis für alle im öffentlichen Raum zu sehen.

Durch die Arbeit in der Agentur werden die Wünsche der Auftraggeber erfüllt. Mit der erwähnten Rebellion hat das nur noch wenig zu tun, oder?

Nein, das sind zwei völlig unterschiedliche Sachen. Streng genommen geht es bei Graffiti eigentlich nur um Schriftzüge und Buchstaben. Nur, weil wir auch Sprühdosen verwenden, machen wir nicht automatisch Graffiti.

Das illegale Sprühen war irgendwann einfach nicht mehr das, was ich machen wollte – auch wegen des Risikos. Auf der anderen Seite merke ich auch, dass die Arbeit, die ich jetzt mache, angenommen und wertgeschätzt wird. Es sind zwar Auftragsarbeiten und insofern bin ich auch eine Art Dienstleister, der Kundenwünsche umsetzt. Trotzdem versuchen wir dabei auch, unserem eigenen Stil treu zu bleiben. Und unabhängig davon sprühe ich in meiner Freizeit immer noch meine eigenen Sachen – aber eben nur noch an legalen Wänden.

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