Virgil Abloh: Vom Kanye-West-Assistenten zum neuen Mode-Messias

  • Es ist noch nicht lange her, da war Virgil Abloh der Assistent von Rapper Kanye West. Nun ist er selbst ein Star.
  • Unternehmen wie Louis Vuitton, Nike oder auch Ikea reißen sich um Kooperationen mit ihm.
  • Ein Porträt des neuen Mode-Superstars.
Estelle Marandon
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Paris. Muss man wissen, wer Virgil Abloh ist? Die Moderedakteure der französischen Tageszeitung „Le Monde" haben darauf eine ziemlich treffende Antwort: „Wenn Sie über 35 Jahre alt sind, mit jungen Leuten nichts zu tun haben, nicht auf Instagram sind, wenn Sie fern von Mode, Design, Musik und zeitgenössischer Kunst leben und nicht wissen, was das Wort ,Sneakers’ bedeutet oder wer Kanye West ist... ja, dann haben Sie eine Ausrede, warum das Phänomen Virgil Abloh an Ihnen vorbei gegangen ist. Für alle anderen, und das sind ziemlich viele, ist endlich eine Art Heiland erschienen.“

Um zu verstehen, warum dieser Mann, dessen Name erst seit knapp sechs Jahren in der Modebranche kursiert, für viele der neue Messias ist, beginnt man am besten ganz von vorn mit seiner Lebensgeschichte: Abloh ist gebürtiger US-Amerikaner mit afrikanischen Wurzeln, seine Eltern stammen aus Ghana. Er ist in Chicago, Illinois, aufgewachsen, 39 Jahre alt, mit seiner Jugendliebe verheiratet und hat zwei Kinder. Abloh studierte zunächst Bauingenieurswesen, dann Architektur, sei überdurchschnittlich intelligent, heißt es, kultiviert, hält Vorlesungen im Bereich Design an der Harvard Universität. Fans sehen in ihm einen coolen und sympathischen Typen.

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Zur Mode kam das Multitalent über die Musik. Abloh war viele Jahre Kreativdirektor von Rapper und Modedesigner Kanye West, bevor er Ende 2013 schließlich sein eigenes Label gründete: Off-White. Damit ist eine Farbe zwischen Schwarz und Weiß gemeint. Sie steht auch für Toleranz, Gleichheit, Inklusion – Themen, die Virgil Abloh wichtig sind.

Bei Louis Vuitton schrieb Abloh Geschichte

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Sein größter Coup bisher ist die Ernennung zum Kreativdirektor der Männerkollektionen des Pariser Luxuslabels Louis Vuitton vor einem Jahr. Abloh ist der erste farbige Designer in der 165 Jahre alten Geschichte des Traditionshauses. Zusammen mit Olivier Rousteing an der Spitze von Balmain ist er zudem der einzige farbige Chefdesigner einer großen Luxusdesignermarke überhaupt. Abloh ist ein ehrgeiziger Vermarktungskünstler – und ein Arbeitstier, der in vielen Bereichen wirkt. Es lässt sich schwer aufzählen, was Abloh, der Unermüdliche, bereits alles geleistet hat, denn er schafft wie ein Besessener. Viele Dinge gleichzeitig zu machen, finde er stimulierend, sagte er der Zeitschrift "GQ" in einem Interview kurz vor seiner ersten Show für Louis Vuitton. Abloh, 1,90 Meter groß und von sportlicher Statur, arbeitet niemals nur an einem Projekt. Er will viel in vielen Sachen erreichen und obendrein immer ganz vorne sein.

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Diese Arbeitseinstellung hat ihn bereits schon mal an den Rand der Erschöpfung getrieben. Ärzte verordneten ihm ein halbes Jahr Auszeit. Doch nun ist Abloh wieder zurück: Im Januar wird eine Kunstausstellung in der Pariser Galerie Kreo von ihm zu sehen sein, bei dem er Objekte aus Beton zeigen wird. Weniger exklusiv sind seine Entwürfe für die schwedische Möbelhauskette Ikea: Anfang November sorgte seine limitierte Markerad-Kollektion für Hysterie unter Fashion-Liebhabern, die die Einrichtungshäuser stürmten. Ablohs Mona-Lisa-Leuchtbilder, Teppiche mit einem Kassenbon als Motiv und graue Bettwäsche sind zwar keine Meilensteine der dekorativen Inneneinrichtung, waren deutschlandweit aber schon innerhalb eines Tages so gut wie ausverkauft.

Zwischen Luxus und Massentauglichkeit

Der Name Abloh zieht. Egal ob als Designer, DJ, Regisseur und Influencer. Auf Instagram hat Abloh 4,6 Millionen Follower. Seine Zusammenarbeit mit Ikea war keine Ausnahme. Abseits der Luxusbranche kollaboriert er regelmäßig mit Marken wie Nike oder auch Levi’s. Die Originalpreise sind massentauglich. Doch der Wiederverkaufswert seiner Produkte bringt mindestens das Drei- oder Vierfache.

Ob man die Sachen von Virgil Abloh nun schön findet, oder nicht – sie sind in jedem Fall eine gute Investition. Denn die 15- bis 35-jährigen Fans lecken sich die Finger nach seinem Mix aus Luxus und Streetwear. Seine Mode zeichnet sich durch starke grafische Elemente aus, viel Typographie, Referenzen aus der Kunst und eine gute Portion Ironie.

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Auf der Fashion Week Paris präsentierte Virgil Abloh seine neue Laufsteg-Kollektion „Meteor Shower".

Für Nike gab es eine Kollektion mit garantiertem Wow-Faktor.

Gigi Hadid trug zu den CFDA Fashion Awards ein Outfit aus der Louis Vuitton-Kollektion von Virgil Abloh.

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Bei so viel Erfolg bleibt Kritik nicht aus

Er sei kein echter Modedesigner, schimpfen manche, ihm gehe es vor allem um Markenhype. Dafür mixe er in guter DJ-Manier Bewährtes zusammen und setze auf denkbar einfaches und instagramtaugliches Design. Auf derlei Vorwürfe reagiert Abloh gelassen. Gegenüber „Le Monde" sagte er, er habe keine Angst vor Kritik. „Sie gehört zur Kunst und man kann sie doch nicht aufhalten. In einem Moment genießt man den blauen Himmel, aber im nächsten Moment kann es auch regnen.“ Nichts scheint ihn aus der Ruhe zu bringen. Und im Moment gibt es auch keinen Grund dafür.

Denn tatsächlich hat derzeit kaum ein Designer so viel Einfluss wie Virgil Abloh. Man muss sich nur einmal umschauen, schon stößt man irgendwo auf seine Ideen und Designs, ob im Original oder als Kopie. Die blockartigen Schwarz-Weiß-Schriftzüge, die auf einmal überall zu sehen sind, gehen auf ihn zurück, ebenso wie couturehafte Kleider in Sportswear-Materialien. Das schwarze Tennis-Tutu von Serena Williams ist sein Werk, ebenso wie Aufdrucke von schrägen weißen Balken, die an Baustellenschilder erinnern.

Das Tennis-Tutu von Serena Williams beim Grand Slam-Finale der US Open sorgte für kontroverse Diskussionen.

Für Hailey Biber designte Abloh das Hochzeitskleid. Justin Bieber nahm seine Hailey in diesem Spitzenkleid mit Schriftzug „Bis dass der Tod uns scheidet" auf dem XXL-Schleier zur Frau.

Am meisten überzeugt von seiner Arbeit ist er vermutlich selbst. Für Abloh war immer klar, dass er irgendwann an der Spitze eines großen Modehauses stehen würde. An Selbstbewusstsein mangelt es ihm jedenfalls nicht. „Das Leben ist der schwere Part. Mode ist es nicht,“ sagt er. Und das klingt noch nicht einmal arrogant.