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Verflixte Hamsterkäufe! Warum die offiziellen Notfalllisten nicht zu meinem Leben passen

  • Corona-Angst in Deutschland: Hamsterkäufe nehmen zu.
  • Aber was benötigt man wirklich für zehn Tage Überleben?
  • Die offiziellen Notfalllisten sind keine große Hilfe, findet Imre Grimm in Folge 57 seiner RND-Kolumne.
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Stellen wir uns kurz vor, der Ernstfall träte ein. Dürfte ja kein Problem sein mit unseren übersensiblen Coronagehirnen. “German Angst” war gestern, heute ist “German Apocalypse”. Inzwischen denkst du ja bei jeder Alarmsirene: Jetzt ist es so weit, jetzt treiben sie uns in die Schutzräume. Da will man leidlich vorbereitet sein, bevor sich die Tür für lange Zeit schließt.

Aber was brauchst du wirklich für zehn Tage Überleben ohne Späti? Ohne Amazon Prime? Ohne Last-minute-Shopping um kurz vor 22 Uhr im Rewe um die Ecke? Und ohne, dass ein grundlos fröhlicher Flaschenpost-Student dir um kurz vor 22 Uhr noch pfeifend sechs Kisten Mineralwasser vor die Haustür wuchtet? Wir sind verwöhnte Kleinkinder im Konsumparadies. Wir erwarten die Erfüllung sämtlicher Bedürfnisse auf Knopfdruck. Wenn dieses System aus dem Lot gerät, sind wir es auch. Also: Wecken wir den inneren MacGyver.

Fleischkonserven ausverkauft: Ein Regal in einem Supermarkt bei Hannover am vergangenen Samstag.
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“Prepping für Dummies”

Das Internet ist voll von “Prepping für Dummies”-Checklisten voller Kurbeltaschenlampen, Survivalgürtel und Fischmesser. Werfen wir mal einen Blick auf die offiziellen Notfalllisten des Roten Kreuzes und der Bundesregierung zur Versorgung mit Lebensmitteln. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat eine Broschüre mit dem kurzen, prägnanten Titel “Ratgeber für Notfallvorsorge und richtiges Handeln in Notsituationen – Meine persönliche Checkliste zum Heraustrennen” veröffentlicht.

Darin heißt es: “Ihr Ziel muss es sein, zehn Tage ohne Einkaufen überstehen zu können. Die Lösung liegt in ihrer Verantwortung.”

Das ist ja schon mal prima. Die Regierung sagt also im Prinzip: Falls dir das Haus unter dem Hintern wegrutscht, alle bundesdeutschen Stromkästen auf einmal explodieren oder ein tödliches Virus deinen Kiez auslöscht, kann es bis zu zehn Tage dauern, bis der erste Katastrophenhelfer mit einer Dose Pflaster, einer löchrigen Pferdedecke und einer Kanne roten Tees deine Straße heruntergeschlappt kommt. Außerdem bist du selbst schuld.

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Die offizielle Liste der Schutzbehörden

Konkret schlägt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz für zehn Tage folgende Vorräte vor – pro Person:

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  • 20 Liter Getränke
  • 3,5 Kilogramm Brot, Kartoffeln, Nudeln oder Reis
  • 4 Kilo Gemüse oder Hülsenfrüchte (im Glas)
  • 2,5 Kilo Obst (in Dosen) oder Nüsse
  • 2,6 Kilo Milch
  • 1,5 Kilo Fisch, Fleisch und Eier oder Volleipulver
  • 0,357 Kilo Fett und Öl
  • Sonstiges nach Belieben

Das war die Liste des Bundesamtes. Da fehlen nur noch Schiffszwieback, zwei Tonnen Brackwasser und ’ne Buddel voll Rum auf des toten Mannes Kiste.

Möglich, dass man mit dieser Ration zehn Tage überleben kann. Die Frage ist, ob man es will. Mit meinem Leben hat das nicht viel zu tun. Allein die Aussicht auf zehn Tage Hülsenfrüchte, Trockenobst und Eipulver macht mich traurig. Hoffnung gibt mir nur der letzte Punkt “Sonstiges nach Belieben”. Merke: Auch Toffifee enthält lebenserhaltende Spurenelemente und Vitamine – und ist bis zu ein Jahr lang haltbar. Es ist außerdem nicht erwiesen, dass Toffifee allein Sie über zehn Tage nicht am Leben erhalten könnte.

Kaufen Sie bitte exakt 0,357 Kilo Fett und Öl

Bitte beachten Sie auch die überraschend präzise Mengenangabe von “0,357 Kilo” Fett und Öl. Kaufen Sie also keinesfalls 0,358 oder 0,356 Kilo Fett und Öl. Sie bringen damit die bundesweite Fett-und-Öl-Bilanz aus dem Lot.

Was in Krisenfällen helfen kann: Ausreichende Grießbreivorräte. © Quelle: lilechka75 - stock.adobe.com
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Grundsätzlich gilt: Mit meinen persönlichen Grundbedürfnissen hat die Empfehlungsliste nicht viel zu tun. Meine private Überlebensliste für zehn Tage ohne Außenkontakt sähe etwa so aus:

  • 30 Liter Coke Zero
  • 10 Pakete Lambertz-Divina-Röllchenkekse
  • 64 Pakete Toffifee à 15 Stück (das entspricht alle zehn Minuten einem Toffifee ohne Schlafzeiten)
  • 10 Liter H-Milch für Grießbrei
  • 1 Notfall-Hanuta
  • 20 Pakete Grieß
  • 10 Gläser Apfelmus für Grießbrei
  • 2 Kilogramm Zucker für Grießbrei
  • Vanille für Grießbrei

Möglich, dass ich die Bedeutung von Grießbrei im Katastrophenfall leicht überschätze. Aber nach 75 Jahren ohne echten Krisenfall in diesem Land kann niemand mehr mit Sicherheit sagen, ob es nicht doch sein könnte, dass am Ende eine ausreichende Bevorratung mit süßem Grießbrei über die psychische Stabilität der armen Hascherl im Schutzraum entscheidet.

Was viele gar nicht wissen: Ein Handyladekabel nützt ihnen gar nichts, wenn der Strom ausgefallen ist. © Quelle: tomertu - stock.adobe.com

Netflix per Kurbelgenerator

Wichtiger Punkt: Stromversorgung. Viele wissen gar nicht, dass ihnen ein Handyladekabel gar nichts nützt, wenn der Strom ausgefallen ist. Noch zu klären: ob Netflix notfalls auch per Kurbelgenerator läuft. Ansonsten halt: Brettspiele. Allein “Monopoly” kann bis zu sechs Stunden dauern. Oder wir erzählen einfach die schönsten Netflix-Serien aus der Erinnerung nach. Wir haben ja Zeit.

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Die Broschüre des Bundesamtes hält aber trotz ihrer Fokussierung auf freudlose Lebensmittel auch nützliche Hinweise bereit. Zum Beispiel: “Ist ein Notfall erst eingetreten, ist es für Vorsorgemaßnahmen meist zu spät.” Das ist völlig richtig und ergibt sich aus den Gesetzen der Logik. Das ist, als würden Sie sich mit dem Hammer kräftig auf den Daumen hauen und hinterher sagen: “Ach Mensch, ich lasse das lieber jemand anders machen, sonst haue ich mir noch mit dem Hammer auf den Daumen.”

“Wenn es brennt, müssen Sie sofort reagieren”

Bitte beachten Sie auch den Satz: “Wenn es brennt, müssen Sie sofort reagieren.” Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist Ihre Broschüre gefälscht, wenn Sie den folgenden Satz enthält: “Wenn es brennt, können Sie sich ruhig erst mal ein Butterbrot machen und ‘Sportschau’ gucken.”

Oder auch: “Haben Sie Haustiere? Decken Sie deren Bedarf ab!” Was das Bundesamt nicht offen zugibt: Auch Haustiere stellen im äußersten Fall natürlich ein lange haltbares und nährstoffreiches Notfallnahrungsmittel dar.

Österreich, du hast es besser

Auch das Österreichische Rote Kreuz rät zur Bevorratung in Krisenfällen. Die dortigen Tipps sind allerdings ein bisschen präziser an meine individuellen Bedürfnisse angepasst. So enthält der Ratgeber des Roten Kreuzes den tröstlichen Planungshinweis: “Berücksichtigen Sie die individuellen Ess- und Trinkgewohnheiten der Haushaltsmitglieder.”

Sehr richtig. Ein wichtiger Punkt. Sie können Menschen mit verminderter Hülsenfruchttoleranz nicht blitzartig auf roten Tee und Reis umstellen. Was dann passiert, sendet RTL in jedem Januar als “Dschungelcamp”.

Denken Sie daran, dass Sie unter Umständen mehrere Wochen gemeinsam in einem Zimmer versammelt sein werden. Da hilft schon ein Stück Schokolade. Wenn kein Grießbrei mehr da ist.

Wrigley’s-Kaugummi und Nylonstrümpfe

A propos Schokolade: Rechnen Sie damit, dass der Schwarzmarkthandel eine größere Rolle spielen könnte, wenn sich die Luke zur Außenwelt wieder öffnet. Bevorraten Sie sich also mit Schokolade, Lucky-Strike-Zigaretten, Wrigley’s-Kaugummi und Nylonstrümpfen, um ihre Familie durchzubringen. Aber sagen Sie draußen nicht “German Fraulein”.

Die Zehn-Tage-Menge des Österreichischen Roten Kreuzes übrigens weicht in wesentlichen Teilen von der deutschen Liste ab.

Die Empfehlung pro Person in Österreich:

  • 25 Liter Getränke
  • 5,5 Kilo Brot, Kartoffeln, Nudeln oder Reis (plus “eine Packung Kartoffelpüreepulver”)
  • 3 Kilo Gemüse oder Hülsenfrüchte
  • 1,5 Kilo Obst
  • keine Nüsse
  • 1,25 Kilo Fleisch und Fisch
  • keine Eier
  • 1 Kilo Fett und Öl
  • 1 Kilo Zucker
  • 1 Kilo Honig

Österreicher haben den Zucker, Deutsche die Eier

Ich fasse zusammen: Österreicher brauchen zum Überleben in zehn Tagen offensichtlich fast dreimal so viel Öl und Fett wie Deutsche, trinken etwas mehr, haben keine Nüsse und müssen sich die Eier für ihren Kaiserschmarrn im deutschen Schutzraum nebenan ausleihen. Dafür kann der deutsche Survivor Zucker und Honig eintauschen. Ich finde, Deutsche und Österreicher sollten im Krisenfall einfach zusammen frühstücken, dann ist für alle gesorgt.

Als unerlässlich für den Katastrophenfall betrachtet das Bundesamt für Bevölkerungsschutz außer Lebensmitteln und Getränken übrigens auch eine Splitterpinzette, eine Kübelspritze und ein Kurbelradio und rät dringend zur “zweckmäßigen Ordnung aller Unterlagen” sowie zur “Entrümpelung des Dachbodens”. Ich sag mal so: Eine Pinzette hab ich schon. Immerhin.

“Staat, Sex, Amen”
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