Unisex in der Parfümbranche: Gleicher Duft für alle

  • Nach der Modeindustrie hebt nun auch die Parfümbranche die Unterschiede zwischen den Geschlechtern immer weiter auf.
  • Nie war das Angebot an Unisexdüften so groß.
  • Warum?
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Blumig-zart oder herb-würzig? Patchouli oder Rosen in der Kopfnote? Lange Zeit reichte schon ein Spritzer aus dem Zerstäuber, um am Geruch zu erkennen, ob der Parfümeur einen Duft explizit Frauen oder Männern zugedacht hat. Mittlerweile sind die Kompositionen nicht immer so eindeutig: Unisexparfüms erobern zunehmend den Markt. Namhafte Hersteller wie Gucci, Dior und Calvin Klein haben Parfüms im Angebot, die für alle Geschlechter gleichermaßen funktionieren sollen. Damit ist Geschlechtergerechtigkeit auch in der Welt der Düfte angekommen – oder?

Der Berliner Parfümeur Geza Schön, international bekannt geworden durch seine „Escentric Molecules“-Parfüme, hält viel von Unisexdüften. „Die Einteilung in ‚pour homme/pour femme’ ist ein Relikt vergangener Tage“, urteilt Schön, der als einer der revolutionärsten Parfümeure der Welt gilt. Jeder solle das tragen können, was er oder sie möchte. „Man stelle sich mal vor, es gäbe Essen für Männer und für Frauen“, verteidigt Schön die Abkehr von nach Geschlecht aufgeteilten Düften.

Jede große Marke lanciert mittlerweile auch eigene Düfte

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Immerhin treffen Unisexdüfte den Puls der Zeit. Denn Feminismus und Diversity gewinnen immer mehr an gesellschaftlicher Bedeutung. In der Mode präsentieren Gucci und Co. schon seit geraumer Zeit immer wieder Unisexkollektionen und setzen auf Kleidung, die für Männer und Frauen gleichermaßen tragbar ist. Und da jede große Marke mittlerweile auch eigene Düfte lanciert, macht die Idee der Geschlechtsneutralität auch davor nicht halt.

In Parfümerien gibt es nicht selten einen eigenen Bereich für Unisexdüfte. Und das sowohl im Ladengeschäft als auch im Onlineshop nicht etwa versteckt, sondern prominent platziert. Bei Douglas stehen auf der Website etwa 500 Unisexdüfte zur Auswahl. Auf Nachfrage erklärt das Unternehmen, dass in den vergangenen Jahren das Interesse von Kundinnen und Kunden an Unisexdüften gestiegen sei. „Der Trend hin zu diesen Nischendüften spiegelt den zunehmenden Wunsch nach Individualität wider, der heute ausgeprägter ist denn je“, sagt eine Sprecherin der Parfümeriekette. Man wolle auf diese Weise eine breite, geschlechtsunabhängige Zielgruppe ansprechen.

Rund 1,5 Milliarden Euro pro Jahr für Parfüm

Das weltweite Marktvolumen für Parfüms schätzt das Portal Statista allein für dieses Jahr auf 42 Milliarden US-Dollar. Zum Vergleich: Für Kosmetika und Körperpflegemittel bezahlen Deutsche im Einzelhandel jährlich circa 17,5 Milliarden Euro. Rund 1,5 Milliarden Euro davon geben Menschen hierzulande pro Jahr für Parfüm aus – übrigens zu etwa zwei Dritteln für Damendüfte.

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Unisexparfüms bieten auch eine Möglichkeit, eine andere Zielgruppe zu erreichen. Nämlich Menschen, die sich bei der strikten Einteilung in männlich und weiblich nicht repräsentiert sehen.

Doch bei der Werbung für Unisexdüfte werde immer noch zu stark mit tradierten Rollenmustern gespielt, sagt Stevie Meriel Schmiedel, Gründerin von Pinkstinks, einer Organisation, die sich gegen Sexismus und Homophobie richtet und nennt als Beispiel „CK One“, den Unisexduft von Calvin Klein. „Die erste Werbung dazu verkündete eher, dass weibliche Models sich jungen Männern angleichen und ihre weiblichen Rundungen abhungern sollten“, sagt sie. Mit „CK One“ und den Neunzigerjahren sei das sehr austauschbare Magermodel auf den Laufstegen eingezogen. „Interessant“ findet Schmiedel die aktuelle Kampagne rund um Guccis Unisexduft „Memoire d’une Odeur“. Dafür wirbt der jungenhafte Sänger Harry Styles, der sich selbst in Interviews gern als Feminist bezeichnet. Mit ihm hat sich Gucci für einen Markenbotschafter entschieden, der sowohl Männer als auch Frauen anspricht. Die Strategie zeigt nach Schmiedels Ansicht: „Es kommt nicht so sehr auf das Unisexprodukt an, sondern auf die Werbekampagne dazu.“

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Doch auch wenn sie zum Zeitgeist passen: Unisexparfüms sind keine neue Erfindung. Als erster Duft dieser Kategorie gilt „Jicky“ von Aimé Guerlain aus dem Jahr 1889. Bis heute gibt es den Duft. Auch das bekannte „4711 Eau de Cologne“ ist eines der frühen und bis heute verkauften Duftwässerchen, die für alle Geschlechter funktionieren sollen. Durch „CK One“ ist dann in den 1990er-Jahren die frühe Idee eines geschlechtsneutralen Duftes wieder aufgelebt – und hat sich nicht zuletzt auch weiterentwickelt.

Doch wie kreiert man ein Parfüm, das auch für jede Nase was ist? „Na ja“, sagt Geza Schön, „eigentlich sollte der Fokus immer auf der Kreation an sich liegen und dem Konzept, der Idee, die ihr zugrunde liegt.“ Für ihn gebe es keine allgemeingültige Schnittmenge, die bedient werden müsse, um eine Akzeptanz zu erreichen. „Der Duft muss spannend sein, möglichst anders als die, die wir schon haben. Er muss Lust machen, ihn tragen zu wollen, und vor allem muss er einfach gut riechen“, sagt der Experte.

Nicht jeder Duft passt zu jedem Menschen

Aber längst nicht jeder Duft passt zu jedem Menschen. „Der Hauttyp, eine kulturell unterschiedliche Sozialisation von Duftpräferenz, aber auch ganz banale Dinge wie das Wetter oder die Stimmung können einen Einfluss darauf haben, warum bei einer Person ein Duft gut zu passen scheint und bei der nächsten eigenartig anmutet“, erläutert Schön. Das sei wie in der Mode. Was dem einem gut steht, sieht beim nächsten womöglich geschmacklos aus.

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Auch beim Auswählen eines Parfüms gibt es also letztlich viel zu beachten. Aber: Ob der Hersteller ein Parfüm nun für Männer oder für Frauen oder für alle Geschlechter ausweist – individuell ist der Duft immer. Jeder Mensch hat seinen eigenen Körpergeruch, auch die Beschaffenheit der Haut variiert. Eines sind Unisexdüfte damit nicht: Gleichmacherei. Denn an jedem riechen Parfüms ein bisschen anders. Und das unabhängig vom Geschlecht.

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