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  • Tiere verschenken an Weihnachten? Vermittlungsstopp bei Tierheimen - darum geben Tierheime vor dem Fest keine Tiere mehr heraus

Kein “Geschenk”: Warum Tierheime um Weihnachten keine Tiere vermitteln

  • Haustiere sollten nicht unter dem Weihnachtsbaum landen, aus diesem Grund legen viele Tierheime Vermittlungsstopps zu Weihnachten ein.
  • Die Anschaffung eines Haustiers sollte genau überlegt sein.
  • Denn anfängliche Begeisterung kann sich gerade bei Kindern schnell legen. Auch Aufwand und Kosten werden oft falsch eingeschätzt.
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Hannover. Jedes Jahr sagt man es wieder: Haustiere gehören nicht als Geschenk unter den Weihnachtsbaum. Allerdings werden sie dennoch recht zahlreich genau dort landen. „Allzu oft landen zu Weihnachten verschenkte Tiere im Tierheim oder werden sogar ausgesetzt“, berichtet Lea Schmitz vom Deutschen Tierschutzbund. Um das zu verhindern, werden nach Erwartung des Tierschutzbundes die meisten Tierheime im Dezember wieder ihre Vermittlung einstellen werden.

So wird es grundsätzlich auch das Tierheim in Elmshorn handhaben: „Im Tierheim Elmshorn wird es einen Vermittlungsstopp ab dem 18.12.2020 geben, um das Verschenken von Haustieren zu verhindern“, sagt die erste Vorsitzende Brigitte Maeder im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Sie ist der Ansicht, dass Interessenten dafür Verständnis haben und im neuen Jahr wiederkommen, wenn sie es ernst meinen.

Auch nach Corona sollte das Tier zum Lebensstil passen

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Hinzu kommt die aktuelle Corona-Pandemie. Eine Anschaffung sei nur dann sinnvoll, wenn unabhängig von der aktuellen Coronazeit ein starker Wunsch nach einem Haustier bestünde. “Wir warnen deshalb davor, Haustiere spontan nur vor dem Hintergrund der aktuellen Situation anzuschaffen”, sagt der Erste Vorsitzende des rheinland-pfälzischen Landesverbands, Andreas Lindig.

Zwar würden etwa Kurzarbeit oder auch das Homeoffice die Tierhaltung erleichtern. Es sei aber davon auszugehen, dass sich die Lebensbedingungen vieler Menschen wieder ändern würden, wenn die Corona-Pandemie ausgestanden sei. “Daher sollten sich die Menschen fragen, ob das Tier noch zum Lebensstil passt”, so Lindig.

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Im Einzelfall seien Vermittlungen bei manchen Tierheimen auch im Dezember denkbar - wenn ernsthaftes Interesse bestehe. Eine Vermittlung von Hunden und Katzen dauert in der Regel drei Wochen. Denn die Tierheim-Mitarbeiter möchten, dass die Tiere in ein gutes Zuhause kommen. Daher sollten Menschen ihr neues Haustier kennenlernen - mit Hunden sollte ein paar mal miteinander Gassi gegangen und mit Katzen gemeinsam Zeit verbracht werden.

Warum Sie keine Haustiere zu Weihnachten verschenken sollten

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Tapsige Pfoten und strahlende Kinderaugen - in der Vorstellung klingt das wunderbar. Ist es im ersten Moment vermutlich auch. Die Freude ist häufig aber nur von kurzer Dauer. Im Jahr 2018 vermeldete der Deutsche Tierschutzbund eine enorme Anzahl von Tierrückgaben im Januar. Diese seien in den letzten zehn Jahren bei Hunden um bis zu 40 Prozent, bei Katzen sogar um bis zu 50 Prozent angestiegen. Gerade Großstadt-Tierheime vermerkten einen deutlichen Anstieg bei der Tierrückgabe nach Weihnachten, berichtete der Deutschlandfunk.

Die Gründe dafür sind zahlreich. Laut Tierschutzbund sind es um Beispiel unerwartete Kosten oder die bis dahin unbekannten Ansprüche des Tieres lassen die Freude über ein neues Familienmitglied schnell vergehen. Oft bemerken Eltern auch erst zu spät, dass ein Großteil der Versorgung – das Füttern, das Säubern des Geheges oder das Gassigehen – nicht von den Kindern übernommen werden kann und an ihnen hängen bleibt. Eltern sollten sich darüber im Klaren sein, dass der Wunsch nach einem Haustier zwar meist von den Kindern ausgeht, die Eltern jedoch die gesamte Verantwortung tragen und so manches Haustier ist noch da, wenn die Kinder bereits ausgezogen sind, gibt Brigitte Maeder im Tierheim Elmshorn zu bedenken.

Die Tierschutzorganisation Peta nennt noch weitere Gründe: Der Mietvertrag untersagt die Tierhaltung, aus dem niedlichen Katzenkind wird eine „Kratze-Katze“, das Kaninchen beginnt streng zu riechen, eine Tierhaarallergie macht sich bemerkbar oder der Hund hinterlässt Pfützen in der Wohnung.

Abgesehen davon sollten Familien sich auch hinterfragen, ob das Weihnachtsfest mit all seinem Trubel der ideale Zeitpunkt für den Einzug eines tierischen Mitbewohners sei, so der Deutsche Tierschutzbund. Die Tiere brauchen zur Eingewöhnung viel Ruhe und müssen ihre neue Umgebung und die Menschen darin kennenlernen. An Weihnachten ist es häufig stressig, es sind viele Menschen zu Besuch (von Corona-Einschränkungen mal abgesehen) und das Feuerwerk an Silvester sorgt für zusätzlichen Stress.

Wer es ernst mit einem Haustier meint, werde sich stellvertretend auch über gute Ratgeberlektüre zur Vorbereitung oder geeignetes Zubehör freuen, so Schmitz. Eine schöne Alternative könne auch ein Gutschein für einen gemeinsamen Tierheimbesuch im neuen Jahr sein.

Kommt der Alltag, schwindet das Interesse

Das Bremer Tierheim hat mit dem Vermittlungsstopp rund um die Feiertage in den vergangenen Jahren gute Erfahrungen gemacht. Im neuen Jahr würden dadurch nicht mehr so viele Tiere abgegeben, sagte Sprecherin Gabriele Schwab. „Früher konnte man Heiligabend losfahren und die ausgesetzten Tiere einsammeln.“ Auch viele Geschäfte würden inzwischen keine Tiere mehr vor den Feiertagen verkaufen.

Viele der lebenden Geschenke landen nach den Erfahrungen der Tierheime nicht direkt nach Weihnachten bei ihnen, sondern einige Zeit später. „Die allermeisten Hunde erst, wenn der Urlaub zu Ende ist und der Alltag naht“, hat Doris Peterek vom Tierheim Hannover festgestellt. Im Braunschweiger Tierheim kommen vor allem im Februar und März die meisten geschenkten Tiere an. Dann habe der Reiz nachgelassen und die Kinder bemerkt, dass ein Tier viel Arbeit mache, sagt Tierheimleiterin Verena Geißler.

Im Tierheim Elmshorn ist schon seit Jahren keine erhöhte Abgabe von Haustieren nach Weihnachten zu verzeichnen. Typisch seien jedoch Aussetzungen von Gruppen von Kaninchen, Meerschweinchen, Ratten oder Mäusen in März und April. Hier sei nicht auszuschließen, dass zu Weihnachten ein unkastriertes Päarchen geschenkt worden sei, erläutert Vorsitzende Beate Maeder.

Beim Deutschen Tierschutzbund sind man größere „Rückgabewellen“ in Tierheimen meist im Laufe des neuen Jahres mit einem Peak in der Sommerzeit.Das passiert, wenn die neuen Besitzer merken, dass der kleine Hundewelpe zu Weihnachten nur lieb und putzig ist, im Alltag aber mehr Arbeit macht oder mehr Geld kostet als gedacht.

Sollte es dazu kommen, dass man das Tier wieder abgeben muss, sollten Besitzer den Weg ins Tierheim antreten. Im Interview mit dem Deutschlandfunk sieht Tobias Neumann, Heimleiter des Tierheims Siegen, einen Trend mit Besorgnis: „Immer häufiger landen die übereilt angeschafften Tiere im Januar, statt wieder im Tierheim, bei Ebay - ein moderner Weihnachts-Horror“.

Der normale Weg wäre zu sagen: OK, das war eine dumme Geschichte, ich schau mal, wer mir helfen kann. Und da sind Tierheime die, die normalerweise helfen. Heute ist es so: ich schaue mal, wie ich da noch ein bisschen Geld machen kann. Und da ist Ebay, was helfen kann. Dann gehe ich auf die Plattform und versuche darüber mein Tier zu vermarkten.

Tobias Neumann, Heimleiter Tierheim Siegen

Die Aufnahme eines Tiers sollte gut überlegt sein

In einem sind sich alle Tierschützer einig: Schenken Sie niemals blind jemanden ein Tier. „Es kommt auch vor, dass Menschen Tiere zurückgeben, die sie ungefragt geschenkt bekommen haben. Oder die Tante gibt dem Neffen ein Tier und hat die Eltern vorher nicht gefragt. Da gab’s sogar einmal ein Pferd, das keiner wollte. Die riefen hier an und sagten, sie könnten es nirgends unterbringen“, sagte Susanne David, Leiterin des Hamburger Tierheims, gegenüber der Süddeutschen Zeitung in einem älteren Interview.

Der Beschenkte sollte das Tier in jedem Fall vorher kennen lernen. Denn wie auch bei Menschen muss die Chemie zwischen Haustier und Besitzer (oder Familie) stimmen.

Der Deutsche Tierschutzbund gibt weiter zu bedenken, dass Kinder – egal welchen Alters - nie allein die volle Verantwortung für ein Tier übernehmen können. Daher sollten alle Familienmitglieder mit der Adoption einverstanden sein, „sie müssen genügend Zeit für das Tier aufbringen und ihm eine artgerechte Haltung bieten“, erläutert Lea Schmitz. Denn das Tier müsse in jedem Fall versorgt werden. Es dürfe nicht darunter leiden, wenn Kinder ihren Versprechungen nicht oder nur unregelmäßig nachkommen.

Bei der Suche nach einem passenden Haustier sollte man auch das Alter der Kinder bedenken. Schmitz sieht für kleinere Kinder grundsätzlich eher Hunde und Katzen als geeignet an. Immer vorausgesetzt, diese sind gut mit Kindern verträglich, da ist jede Katze und jeder Hund individuell. Kleine Heimtiere wie Kaninchen, Meerschweinchen oder auch Ziervögel wie Wellensittiche oder Kanarienvögel sind für kleine Kinder eher ungeeignet. „Sie sind von ihrem Körperbau eher feingliedrig und zerbrechlich. Anfassen oder Hochheben bedeuten für sie in der Regel Stress“, weiß die Tierschutz-Expertin.

Trauriges Schicksal durch illegalen Welpenhandel

Die Gefahr für die Tiere liegt aber nicht nur im schwindenden Interesse der neuen Besitzer. Der Tierschutzbund warnt vor einem Anstieg beim illegalen Welpenhandel. Dieser boomt aktuell, besonders in Norddeutschland häufen sich die Fälle, zu Weihnachten sei noch mit einer weiteren Zuspitzung der Lage zu rechnen.

Aus diesem Grund warnen der Deutsche Tierschutzbund und der Hamburger Tierschutzverein von 1841 e.V. (HTV) vor dem Kauf von Hundewelpen über das Internet. Janet Bernhardt, 1. Vorsitzende des HTV dazu: „Die Anzeigen mögen einen seriösen Eindruck machen – doch nur, weil die Händler immer skrupelloser betrügen.“

Für die gehandelte „Hundeware“ sind diese Machenschaften mit enormem Leid verbunden. Allein beim HTV gab es im vergangenen halben Jahr knapp 100 Fälle, die zu großen Teilen aus ausländischen Vermehrerzuchten stammten, meist aus Polen. Jeder vierte der Welpen starb. Sie werden viel zu früh von ihrer Mutter getrennt, es fehlt an jeglicher medizinischer Versorgung. Der Tierschutzbund weiß: Die Welpen sind meist krank, viele leiden an der oft tödlichen Viruserkrankung Parvovirose, sind viel zu mager, leiden unter Giardienbefall oder haben Hüftdefekte, die sie ihr Leben lang beeinträchtigen. Auch im Tierheim Henstedt-Ulzburg kennt man das Leid: „Die Welpen müssen sich permanent übergeben, haben blutigen Durchfall, sind schlapp und können vor Schwäche nicht mehr schlucken – ein grausames Sterben.“

Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, findet deutliche Worte: „Solange Menschen Hundewelpen über das Internet kaufen, blüht der illegale Handel. Jeder, der auf diesem Weg einen Hund anschafft, befeuert das grausame Geschäft mit dem Tierleid“.

mit dpa

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