Teurer Spaß im Glas: das Geschäft mit dem Wein

  • Nur noch im Kunsthandel stehen sich wahrscheinlich Kapitalismus und Sinnesfreuden so unversöhnlich gegenüber wie beim Geschäft mit großen Weinen.
  • Pro Flasche werden teilweise Tausende Euro bezahlt.
  • Wie gerechtfertigt die Preise sind und wie der Markt um Plagiate wächst, lesen Sie hier.
Hannes Finkbeiner
|
Anzeige
Anzeige

Zwei Stunden bevor die vom Winzer und Weinjournalisten Armin Diel organisierte Raritätenverkostung von Bordeauxweinen des Jahrgangs 1990 beginnt, wird hinter den Kulissen geschuftet: Fünf Dutzend Flaschen werden von vier Sommeliers im Akkord entkorkt, verkostet und dekantiert, um sie anschließend einer Gruppe von Weinraritätenfans zu kredenzen. Die edlen Tropfen stammen von solch berühmten Weingütern wie Châteaux Pétrus, Latour oder Lafite-Rotschild.

Allein diese Namen lassen die Herzen von Weinfreaks auf der ganzen Welt höherschlagen. Dabei machen die astronomischen Preise für viele die Hoffnung zunichte, jemals eine dieser Flaschen zu erwerben.

Zahlreiche Umstände können die Reifung beeinflussen

Der Reiz großer, körperreicher Bordeauxweine liegt oft darin begründet, dass sie neben Würze und Kraft auch eine ungemeine Frische und delikate Frucht aufweisen. Teuer waren Latour und Co. schon immer, heute sind sie nahezu unerschwinglich. In der Spitze werden manche dieser Flaschen für Tausende Euro gehandelt. Ein Preisirrsinn, den auch Armin Diel bestätigt: „Etliche Weine kaufe ich nicht mehr, sie sind mir zu teuer geworden.“ Drei Jahrzehnte führte der 68-Jährige das Familienweingut Schlossgut Diel, 16 Jahre war er Chefredakteur des deutschen Gault-&-Millau-Weinguides sowie Vizepräsident der Vereinigung Deutscher Prädikatsweingüter.

Anzeige

Seit einigen Jahren organisiert er nun Reisen in namhafte Weinregionen oder Weinverkostungen. Seine jüngste Raritätenverkostung zum Teilnahmepreis von rund 1000 Euro sei letztlich noch günstig kalkuliert, so Diel. Mit seinen eigenen Beständen kann auch der leidenschaftliche Weinsammler diesen Abend in einem Hotel im Hunsrück nicht ausrichten. Er hat Flaschen mit Freunden getauscht oder von seriösen Quellen hinzugekauft, von denen er weiß, dass der Inhalt nicht von Auktion zu Auktion um die Welt geflogen wurde oder zwanzig Jahre in einem Küchenschrank lag. Erschütterungen, Temperatur, Lichtverhältnisse – all das beeinflusst die Reifung.

Anzeige

Wurden Flaschen besonderer Bordeauxweine bereits in den Neunzigerjahren erworben, waren die Investitionen noch überschaubar. Mehr denn je sind solche Weine in den vergangenen beiden Jahrzehnten zu Kapitalanlagen geworden. Nur noch im Kunsthandel stehen sich wohl nackter Kapitalismus und pure Sinnesfreuden so unversöhnlich gegenüber.

Die Stückzahl der Spitzenklasseweine ist begrenzt

Wie sich Preisspannen in der Weinsammlerbranche entwickeln können, zeigt Diel am Beispiel einer persönlichen Erfahrung auf: 1983 wurde er zufällig auf das damals noch recht unbekannte Weingut Le Pin im Bordelais aufmerksam. Er fand den Wein so betörend gut, dass er 120 Flaschen des Jahrgangs 1982 für je 15 Euro kaufte. Er trank sie nach und nach mit Genuss. Heute läge eine Flasche dieses Jahrgangs bei 10­.000 Euro – wie ist so eine Steigerung möglich?

Die Reputation eines Weinguts hat ebenso Einfluss auf den Preis wie die verfügbare Menge. Diese ist bei Le Pin mit ein paar Tausend Flaschen jährlich verschwindend gering, im Vergleich zu etwa den Rothschild-Gütern Mouton und Lafite, die mit bis zu 300.000 Flaschen für je 500 Euro und mehr den Markt fluten.

In Asien, besonders Hongkong und Singapur, ist die Nachfrage nach großen Weinen in den vergangenen Jahren rasant gestiegen, das schmälert die Verfügbarkeit zusätzlich. Um die Preise in die Höhe zu treiben, werden Angebote teilweise künstlich verknappt. „Auch Weinkritiker beeinflussen mit guten oder schlechten Bewertungen die Preise“, berichtet Armin Diel. Zudem sind solche Weine für manchen Betuchten reine Prestigeobjekte, die den Weinkeller schmücken sollen. Ohne Reflexion des Genusswerts.

Anzeige

Die Spitze all dessen bilden legendäre Jahrgänge von exquisiten Weingütern. Nicht selten werden Weine auf Auktionen im Wert von 50 .000 Euro oder sogar mehr gehandelt. Eine Flasche aus dem Jahr 1945 von Romanée-Conti, dem vielleicht berühmtesten Weingut der Welt aus dem Burgund, kam im Jahr 2018 für eine knappe halbe Million Euro unter den Hammer.

Die meisten Weintrinker erkennen ein Plagiat nicht

Solche Preise beflügeln auch die Fälscherszene: Zwar setzen die Weingüter Flaschenprägungen und Siegel (auch Verätzungen und Seriennummern) ein, um Fälschungen vorzubeugen, doch das hilft nur bedingt. In China etwa deckt sich der Konsum von Lafite-Rothschild nicht mit den offiziellen Lieferangaben. Weintrinker schmecken Plagiate nicht unbedingt heraus. Hier mangelt es sicher an Trinkerfahrung, aber auch ein großer Wein ist ein Naturprodukt und nicht zwingend eine Offenbarung. Das zeigt auch Diels Gigantenverkostung. Neben der opulenten Fülle eines Château Latour oder der erhabenen Würze eines Château Margaux ist auch ein erstaunlich eindimensionaler Château Ausone zu verkosten, der in einem anderen Rahmen vielleicht nicht auffallen würde. Eine Flasche kostet dennoch rund 1000 Euro.

Anzeige

Auch von gemeinhin großen Jahrgängen gibt es eben kleine Weine, zudem verändern sich die Tropfen im Laufe der Zeit. Jung geöffnet sind sie oft unnahbar und rustikal, mit den Jahren verschließen sie sich sogar, werden erst langsam transparenter, erreichen einen Höhepunkt, den sie im Idealfall Jahrzehnte halten. Exakte Wissenschaft ist das aber nicht. So ist auch Armin Diel über den einen oder anderen Tropfen der Verkostung positiv überrascht. Beispielsweise über den Château Angélus oder den Château Lynch-Bages, beide ausgestattet mit Kraft, Fülle und außerordentlicher Eleganz – allem, was ein großer Wein Diels Ansicht nach benötigt.

Video
Die Entstehung des Glühweins
0:47 min
Alles begann im römischen Reich vor knapp 2000 Jahren.  © RND

In der Relation wären diese Tropfen mit 200 und 500 Euro sogar noch erschwinglich. Wobei man sich auch hier fragen darf, was einen derartigen Preissprung von Herstellungskosten rechtfertigt, die im Grunde die Grenze von 50 Euro nie überschreiten, eher weit darunter liegen. Ist es also wirklich der einzigartige Geschmack, der einen großen Wein ausmacht? „Wieso ein Pétrus für 5.000 Euro so viel erstrebenswerter sein soll als der eines Sociando-Mallet für 90 Euro, darüber ließe sich nächtelang philosophieren. Mir fehlt heute oft das Preis-Genuss-Verhältnis“, räumt Armin Diel ein.

Er lässt es sich trotzdem nicht nehmen, jedes Jahr ein paar Flaschen Le Pin zum Vorzugspreis zu beziehen: „Die Marktentwicklung hat aus dem genussfreudigen Entdeckungstrinker Armin Diel auch einen kalkulierenden Investmenttrinker gemacht“, sagt der Weinkenner über sich selbst.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen