Tag der Jogginghose: Irgendwann trifft es jeden

  • Es ist eigentlich wenig verwunderlich: Die Jogginghose wurde zum Modeaccessoire des Jahres gekürt.
  • Und auch einen eigenen Tag hat das Kleidungsstück schon seit einigen Jahren – was nicht jedem gefällt.
  • RND-Autorin Alice Mecke ist diesbezüglich der festen Überzeugung: Irgendwann arrangiert sich eh jeder mit ihr.
Alice Mecke
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Hannover. Man liebt sie, oder man verachtet sie (und ihre Träger). Es wird im Leben keine einzige geben, oder eine ganze Schublade ist voll mit den verschiedensten Modellen. Nach fast einem Jahr Corona-Pandemie fangen allerdings auch die Ungläubigsten an, sie wertzuschätzen – oder sie zumindest mal in Betracht zu ziehen: Die Rede ist von der Jogginghose.

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.

Ich war lange im Jogginghosen-Verachtungs-Team. Ich glaube, das habe ich von meinem Vater übernommen. Er findet Jogginghosen schlichtweg schrecklich und stempelt junge Menschen, die das sportliche Modell im Alltag tragen, rigoros ab. Dabei ist mein Vater ein gemütlicher, toleranter, weltoffener Typ. Die Abneigung kommt nicht aus elitären Gründen, oder weil er so ein großer Modefan ist. Jogginghosen waren einfach ein rotes Tuch für ihn, die Betonung liegt auf „waren“.

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Denn da die Krise uns alle verändert, mitnimmt, zum Umdenken anregt, musste der Tag der Tage kommen. Mein Vater hat sich seine erste Jogginghose gekauft. Ein Spitzenmodel, das nicht zu sehr nach „Gammellook“ aussieht und gefühlt hundert Taschen zum Verstauen sehr wichtiger Dinge hat. Praktisch und gemütlich muss es also sein. Er versichert uns – der entsetzten Familie –, sie nur abends auf dem Sofa zu tragen. Auf eine Rückmeldung, ob dem auch so ist, warte ich bis heute.

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Jogginghosenalarm bei der „Tagesschau“

Damit ist mein Vater bei Weitem nicht der Einzige, der auf die dunkle Seite der Jogginghosen gewechselt ist. Die Homeoffice-Uniform vieler ist während der Corona-Pandemie: obenrum ordentlich, untenrum gemütlich, also in Jogginghose. Selbst „Tagesschau“-Sprecherin Linda Zervakis ist Fan des bequemen Hosenbeins. Zervakis hat bei Facebook ein Video geteilt, das sie im Studio der ARD-Nachrichtensendung mit lässiger Jogginghose zeigt und obenrum im seriösen Blazer. Dazu schreibt sie: „Heute ist internationaler Tag der Jogginghose. Let’s fetz.“ Und auch die Modeikone und „Vogue“-Chefin Anna Wintour trägt ebenfalls Jogginghose – ein epischer Moment.

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Die Bequemlichkeit bekommt sogar einen eigenen Feiertag. Am 21. Januar ist offizieller Tag der Jogginghose. Darüber hinaus ist sie auch noch der Modetrend des noch jungen Jahres 2021, was in der Corona-Krise nicht sonderlich verwundern dürfte. Doch die ausgebeulte, zehn Jahre alte Buxe muss es dabei nicht immer sein.

Für den Trendexperten Carl Tillessen vom Deutschen Mode-Institut in Köln kommen auch höherwertige Materialien zum Tragen. „Jersey wird das Material der Zukunft sein, man wird alles Mögliche aus Jersey machen. Das heißt zum Beispiel, dass viel mehr Hosen aus Jerseystoff sein werden. Die müssen dann aber gar nicht wie eine Jogginghose aussehen“, sagt Tillessen.

Eleganter ausgedrückt: „Homewear“

Gott sei Dank – wird jetzt der ein oder andere denken, denn die sportliche Hose hat noch immer ein Imageproblem. Dabei tun Stars und Designer alles, um sie aus der Gammelecke zu holen. Schon vor Pandemiezeiten war das mehr oder weniger neu interpretierte Kleidungsstück schwer angesagt. Ein neumodischer Begriff der Jogginghose ist auch „Homewear“. Das sind elegante meist Zweiteiler aus hochwertigen Stoffen, die durchaus alltagstauglich sind und derzeit eine große Masse anziehen. Mit viel Fantasie – und teilweise Geld – lässt sich das Corona-Dasein zu Hause also auch in sehr schick verpacken.

Ein Hoch auf die Gemütlichkeit

Ob nun Homewear, abgetragener Gammellook, oder die durchaus praktische Variante meines Vaters – ich für meinen Teil akzeptiere Jogginghosen in diesen Tagen nun voll und ganz. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten. Und ich denke, das sollten viel mehr Menschen tun und die Jogginghose wie eine warme, gemütliche und aufbauende Umarmung sehen. Die enge, zwickende Jeans, deren Knopf nach dem Essen immer aufgemacht werden muss, darf noch ein bisschen im Schrank bleiben. Alles, was uns in „diesen Tagen“ zum Wohlfühlen verhilft, ist – solange es legal ist, versteht sich – erlaubt. Schluss mit dem Gedanken, man hätte die Kontrolle über sein Leben verloren. Es ist viel mehr ein Symbol des Durchhaltens.

Darum ist der Tag der Jogginghose auch eine Aufforderung an alle, die sich bisher geweigert haben: Traut euch, tragt die Jogginghose mit Stolz. Es werden bald Zeiten kommen, wo es aus dem Homeoffice wieder ins Büro geht und die Jogginghose das Dasein auf dem Sofa fristet – oder zum Sporttreiben, zum „Joggen“, wofür der Begriff ja eigentlich steht.

mit dpa

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