Solo-Travel für Frauen: Urlaub voller Chancen und Risiken

  • Reisebloggerin Ute Kranz und Reise-Expertin Corinna Rudolph über die Chancen und Risiken, allein auf Tour zu gehen.
  • Über soziale Netzwerke verbünden sie sich, tauschen ihre Erlebnisse aus, warnen einander vor gefährlichen Situationen.
  • Und helfen sich so gegenseitig - auch zu ihrer eigenen Sicherheit.
Juliane Groh
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Leipzig. "Hast du da keine Angst? Hast du niemanden gefunden, der mitkommt?" Einst mit mitleidigen Blicken oder besorgten Kommentaren quittiert, verzeichnen Solo-Reisen jetzt eine starke Zunahme. Die Idee, unabhängig die Welt zu entdecken, scheint vor allem Frauen zu gefallen. Die Online-Datenbank Statista veröffentliche 2017 eine Umfrage, der zufolge 23 Prozent der befragten Männer schon alleine gereist sind. Bei den Frauen waren es 64 Prozent. Es dürften wohl noch mehr werden, denn unter Frauen ist "Solo Travel" – das Alleinreisen – längst zum Trend geworden. Über soziale Netzwerke verbünden sie sich, tauschen ihre Erlebnisse aus, warnen einander vor gefährlichen Situationen und helfen sich gegenseitig – auch zu ihrer eigenen Sicherheit. Weil es notwendig ist. Gerade in sozialen Netzwerken wird um konkrete Tipps für bestimmte Reise-Situationen gebeten, die Frage "Ist es sicher?" ist eine häufig gestellte. Meistens ist die Antwort: Nein, 100-prozentig sicher ist es nie. Du kannst nur versuchen, dich so gut es geht vor Diebstahl, Betrug oder Übergriffen schützen. Erfahrene Alleinreisende verraten dann, wie das funktionieren kann.

Frauen allein auf Reisen: "Wir machen uns zu viele Sorgen"

Autorin Ute Kranz beschäftigt sich auf ihrem Blog vor allem mit Solo-Reisen und nachhaltigen Arten des Reisens.
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Eine von ihnen ist Corinna Rudolph. Sie arbeitet als Marketing-Expertin bei einem großen Online-Reiseportal und hat mit 34 Jahren bereits ­­35 Länder bereist, viele davon allein. Auch sie hatte schon ein mulmiges Gefühl: "Generell ist der Angstfaktor da, dass man gar nicht weiß, was auf einen zukommt. Auch gibt es allein schon Einschrän­kungen, zum Beispiel, dass man in einigen Ländern abends nicht allein unterwegs sein sollte."

Reisebloggerin und Autorin Ute Kranz kennt die Bedenken vor der Soloreise. "Es ist sehr schwer, jemandem zu sagen, es ist sicher", sagt sie. "Über Bali sagen viele, es sei sicher, aber es ist das einzige Land, in dem ich mal angegrapscht wurde. Südafrika hingegen gilt als sehr gefährlich und ist trotzdem ein absolutes Trendziel." Die 43-Jährige glaubt, wir machen uns zu viele Sorgen. "Ich informiere mich immer über das Auswärtige Amt, aber da denkt man: Ui, eigentlich darf man nirgendwo hinreisen." Naiv darf man aber auch nicht auf Reisen gehen. Ein Mittelweg ist hier gefragt.

Tipps von den Profis: Nicht so auffallen

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"Das Allerwichtigste ist, sich landestypisch zu kleiden, auch aus Respekt", findet Ute Kranz. Auf ihrem Blog finden Alleinreisende zahlreiche Ideen und Hinweise. Welche Sicherheitstipps kann sie noch geben? "Das kommt auf das Land an, aber grundsätzlich passt ein Taschenalarm oder eine Trillerpfeife in jede Handtasche. Kamera und Wert­sachen sollte man nicht sichtbar am Körper tragen, zum Verstecken eignen sich Brustbeutel oder Hüftgurt. Beruhigend kann ein Türkeil für das Hotelzimmer sein, der muss aus rutschfestem Silikon sein und möglichst spitz, so dass er unter jede Tür passt."

Corinna Rudolph setzt auf Information. "Ich spreche mit Leuten, die schon dort waren, über mein Reiseziel. Die haben Tipps, auf die man selbst nicht kommt, wie etwa einen falschen Ehering zu tragen." Was ihrer Ansicht nach wirklich hilft, ist Selbstbewusstsein – "niemandem das Gefühl geben, dass man Angst hat". Am verletzlichsten sind Reisende direkt nach der Ankunft. Dafür empfiehlt die Expertin einen Hoteltransfer vom Flughafen zu nutzen. "Als Einstieg in ein neues Land ist das schon das Sicherste."

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Kurse im fremden Land: Allein, aber nicht einsam

Die große Kunst ist, sich zu schützen, sich dabei aber nicht zu isolieren. "Ich will Land und Leute kennenlernen. Der größte Vorteil am Alleinreisen ist doch, dass man wahnsinnig schnell Kontakt zu Einheimischen und anderen Reisenden findet. Daraus entstehen manchmal Freundschaften und man besucht sich gegenseitig", sagt Corinna ­Rudolph. Tut man sich schwer mit dem Kennenlernen, empfiehlt Ute Kranz geführte Touren und Gruppenausflüge, Sprach- oder Surfkurse mit festen Stundenplänen in der Gruppe oder Couchsurfing bei anderen Frauen sowie Hostels, in denen man Gleichgesinnte treffen kann.

Manchmal hilft auch der Zufall, wie bei Corinna Rudolph. "Auf Sulawesi in Indonesien haben mich auf der Straße zwei Lehrer angesprochen, ob ich mal im Englischunterricht helfen will. Daraus ist eine schöne Freundschaft entstanden." Wohin ihre nächste Reise geht? Nach Sulawesi, Kathleen und Neil besuchen, die zwei Lehrer. Allein – aber nicht einsam.

Tipps für allein reisende Frauen

1. Anpassen und Haltung bewahren: Mit dem Stadtplan vor der Nase verwirrt in die Gegend schauen, Rucksack locker von der Schulter hängend, vorne eine Bauchtasche, den Kopf hektisch über Google Maps gebeugt, drei Schritte vor – ach, verlaufen – fünf Schritte zurück. Glückwunsch! Für einen Taschendieb oder Trickbetrüger sehen Sie aus wie leichte Beute. Versuchen Sie, nicht wie ein orientierungsloser Tourist zu wirken. Passen Sie sich, soweit es geht, den Einheimischen an. Laufen Sie selbstbewusst und festen Schrittes. Wenn Sie sich verlaufen haben, suchen Sie das nächstbeste Café auf und finden unbeobachtet heraus, wo es langgeht. Machen Sie stets den Anschein, als wüssten Sie genau, was Sie tun. Vor allem, wenn dem nicht so ist.

2. Höflichkeit über ­Bord werfen: Viele Frauen haben gelernt, in Konfliktsituationen höflich zu bleiben, auszuweichen, zu deeskalieren. Das wissen auch potenzielle Täter. Verabschieden Sie sich also von ihrem höflichen Ich. Wenn jemand aufdringlich oder eine Situation bedrohlich wird, treten Sie sofort die Flucht an oder werden Sie laut. Sagen Sie nein. Schreien Sie nein. Holen Sie sich die Aufmerksamkeit der Umstehenden. Sie müssen nicht permanent wie eine Dampfwalze durch die Gegend rollen, aber wenn ihr Instinkt sagt: "Hier stimmt was nicht" – hören Sie auf ihn.

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3. Dokumente und Geld getrennt aufbewahren: Bewahren Sie Geld und Dokumente nie gemeinsam auf. Es ist außerdem ratsam, Ausweis und Reisepass dabei zu haben – im Fall der Fälle ist somit ein Ersatz vorhanden. Im Hotelsafe liegen Dokumente und "Notfallbargeld" ganz gut, im Tagesrucksack am besten nur Kopien der Reisedokumente. Die Kreditkarte kann in einer kleinen Tasche aufbewahrt werden, die sich unter der Kleidung verstecken lässt. Ich habe unterwegs nur so viel Bargeld dabei, wie ich am Tag ausgeben möchte. So hält sich ein eventueller Schaden in Grenzen.

4. Mitwisser auf dem Laufenden halten: Ein inzwischen bewährter Tipp, den ich in einem Forum für allein reisende Frauen gelesen habe: Lassen Sie jemanden zu Hause wissen, wo sie sind. Geben Sie jemandem die Adresse Ihres Hotels und geben Sie durch, was Sie geplant haben. Für Fortgeschrittene: Halten Sie Ihren Mitwisser täglich auf dem Laufenden. Auch scheinbar unwichtige Informationen wie das Nummernschild des Taxifahrers oder die Stationen der Tagestour können Alleinreisenden im Notfall helfen, wenn eine vertraute Person sie hat.

5. Vertrauen in die Menschheit nicht verlieren: All diese Sicherheitsvorkehrungen klingen ein bisschen paranoid? Ja, ein bisschen. Zwischen Sicherheitsgefühl und unverhältnismäßiger Panik ist manchmal wenig Luft. Verlieren Sie aber nicht den Glauben in die Menschheit. Die überwältigende Mehrheit meint es gut mit Ihnen. Gerade Familien und andere Frauen haben häufig ein Auge auf Alleinreisende in ihrer Nähe – auch wenn die es gar nicht bemerken. Ich wurde oft freundlich angesprochen, vor Fehltritten und Tricksereien gewarnt, aus seltsamen Situationen gerettet, sanft aber bestimmt ins Frauenabteil des Zuges geschoben oder von Gruppen kurzzeitig "adoptiert". Wenn Sie Hilfe brauchen, machen Sie sich also bemerkbar.