Schönheitschirurg: “Die extremen Wünsche werden immer mehr”

  • Seit 18 Jahren arbeitet Volker Rippmann als Schönheitschirurg.
  • Der 48-Jährige erlebt immer mehr Patienten, die nur auf dem Foto schön aussehen wollen.
  • Die große Gefahr unterschätzen die meisten.
Ann Kathrin Wucherpfennig
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Wohlgeformte Brüste, keine Cellulite oder definierte Bauchmuskeln – in den sozialen Medien wollen die meisten Menschen perfekt aussehen. Daher setzen einige Nutzer Programme oder Apps ein, die die Nase kleiner, die Augen größer und die Haut klarer machen. Erst wenn das perfekte Bild vorhanden ist, wird es gepostet. Einer der führenden plastischen Chirurgen Deutschlands, Volker Rippmann, trifft daher immer häufiger auf Patienten, denen es nicht reicht, dass das perfekte Foto lediglich im Internet ist. Sie wollen ihrem virtuellen Abbild nacheifern und fragen nach einer Schönheitsoperation.

Rippmann leitet eine Praxis mit Standorten in Köln und Berlin und wird täglich mit den Wünschen seiner Patienten konfrontiert. Seine Berufserfahrungen hat er in dem Buch “Wahnsinnig schön! Die verrückte neue Welt der Schönheitschirurgie” niedergeschrieben. Im Interview gibt der Chirurg Einblicke hinter die Kulissen seiner Praxis und erklärt, warum es manchmal besser ist, einen Eingriff nicht vorzunehmen.

Herr Rippmann, während des Corona-Shutdowns haben viele Menschen ihren Dachboden aufgeräumt oder den Garten auf Vordermann gebracht. Gab es auch Patienten, die ihren Körper schöner machen wollten?

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Als die Corona-Krise losging, waren wir in der Praxis aufgeregt und wussten nicht, wie viele Menschen noch kommen. Entgegen unseren Erwartungen wurden wir überraschenderweise von Anfragen überschwemmt. Als die Flugzeuge nicht mehr fliegen durften, hatten wir zahlreiche Anfragen von Flugpersonal. Nachdem die Schulen geschlossen wurden, kamen die Lehrer in die Praxis. Viele Patienten haben nach Facelifting-Behandlungen, Oberlid- und Unterlidstraffungen oder auch Fettabsaugungen gefragt. Bei diesen Eingriffen ist eine längere Zeit zum Verheilen nötig. Wahrscheinlich wollten die beiden Berufsgruppen die Zeit nutzen, um sich von den Eingriffen zu erholen.

Allerdings haben wir aufgrund der Kontaktbeschränkungen die klassischen Eingriffe der ästhetischen Chirurgie nicht durchgeführt. Dazu gab es zwar keine offizielle Verordnung, das haben wir so entschieden. Stattdessen haben wir den Fokus vorwiegend auf medizinisch notwendige Eingriffe gelegt, wie zum Beispiel Handoperationen, um die Krankenhäuser zu entlasten.

Wo wird denn die Grenze gezogen zwischen Ästhetik und Gesundheit?

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Die plastische Chirurgie hat ein breites Spektrum. Ein Teil davon ist die ästhetische Chirurgie, die sich mit der Verschönerung des Körpers auseinandersetzt. Ein weiterer Anteil der plastischen Chirurgie betrifft medizinisch notwendige Eingriffe wie die Behandlung des Lipödems, bei dem erkrankte Fettzellen abgesaugt werden. Bei sehr großen und schweren Brüsten können Probleme mit der Wirbelsäule auftreten, daher ist eine Brustverkleinerung in dem Fall auch ein medizinisch notwendiger Eingriff. Ein weiteres Beispiel ist die Bauchdeckenstraffung nach massivem Gewichtsverlust. Weiterhin sind viele plastische Chirurgen auch Handchirurgen und operieren Gelenkarthrosen und Nerveneinengungen.

Was gehört denn zur Routine in der Schönheitschirurgie?

Fettabsaugungen, Körperkonturierungen, Facelifts, Nasenkorrekturen, Oberlid- und Unterlidstraffungen, Bauchdeckenstraffungen sowie Brustvergrößerungen und Faltenbehandlungen mit Hyaloronsäure oder Botulinumtoxin, auch Botox genannt. Diese Eingriffe machen wir täglich. Zusätzlich machen wir viel Gesäßvergrößerungen mit Eigenfett oder Implantaten. Dieses ist inzwischen auch Routine.

Sie sind im Schwarzwald aufgewachsen, Ihr Vater war Landarzt. Sie studierten Medizin in Frankfurt, Innsbruck, München, New York und Chicago. In der Notaufnahme eines Londoner Krankenhauses behandelten Sie eine ältere Dame mit starken Verbrennungen. Daraufhin entschieden Sie sich für die plastische Chirurgie. Wie hat sich der Alltag in 18 Jahren Berufspraxis verändert?

Früher war das Thema Schönheitsoperationen noch mehr verpönt und es sollte möglichst keiner mitbekommen, wenn Oberlider gestrafft wurden. Diese Haltung der Gesellschaft hat sich glücklicherweise grundlegend verändert. Wobei ich mir immer noch mehr Gelassenheit mit diesem Thema wünsche. Im Moment lässt sich beobachten, dass die Formen immer extremer sein sollen. Brustimplantate sind heute deutlich größer als noch vor zehn Jahren. Zudem hat das Gesäß unglaublich an Bedeutung gewonnen. In meiner Anfangszeit hat sich keiner um das Gesäß gesorgt. Heute liegt bei mir an jedem dritten Tag ein Po auf dem Tisch, den ich entweder straffe, vergrößere oder mit Eigenfett auffülle.

Kann man von den Trends 2020 sprechen?

Neben dem Po, der immer größer werden soll, steht das Body Conturing häufiger an. Bei dem Eingriff wird das Fett so abgesaugt, dass die Muskelkonturierung nachgeahmt wird. So bekommen die Patienten zum Beispiel ein Sixpack. Beim Facelifting wird auf auffällige Narben verzichtet. In einigen Fällen wird auch das Philtrum, also der Bereich zwischen Nase und Lippe, verkürzt. Nach dem Eingriff mit dem Namen “Bullhorn-Lift” sollen die Lippen voller aussehen, sodass ein jüngeres Erscheinungsbild entsteht.

Gibt es durch Corona einen neuen Trend?

Im Moment noch nicht. Allerdings könnte ich eine Vermutung aufstellen. Durch die Maske könnte die Augenpartie in den Fokus rücken. Dahingegen könnte der Mund an Bedeutung verlieren.

Bei vielen herrscht noch das Bild vor, dass sich mehr Frauen als Männer unter das Messer legen. Stimmt das noch? Und kann Ihr Kundenklientel sonst noch unterteilt werden?

Das mit dem größeren Anteil der Frauen ist absolut noch so. Obwohl es in unserer Praxis einen relativ hohen Männeranteil gibt, das liegt vermutlich an den Standorten Köln und Berlin. Bei uns lassen sich rund 30 Prozent Männer und 70 Prozent Frauen behandeln. Die Männer holen aber weiter auf, gerade durch die Haartransplantationen. Jürgen Klopp ist dafür ein gutes Beispiel.

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Haben Sie die Haartransplantation bei Jürgen Klopp durchgeführt?

Nein, das war ein Kollege in Düsseldorf.

Welche Trends bemerken Sie mit Blick auf Ihre Patientinnen?

Grundsätzlich können unsere weiblichen Patienten in drei Gruppen aufgeteilt werden. Einmal die jungen Frauen ab 18 Jahren, die Patientinnen ab Mitte 30, die erste Alterserscheinungen entdecken, und dann die Frauen ab 50 Jahren, die klassischen Facelifting-Patienten. Seit einigen Jahren beobachte ich, dass immer mehr jüngere Patientinnen kommen. Dann ist zum Beispiel, die Brust zu klein, die Nase zu groß oder die Lippen sind zu schmal. Die Jüngeren sind relativ offensiv und sagen direkt, dass sie es verändern wollen. In solchen Gesprächen muss ich herausfinden, ob das Thema schon gereift ist. Teilweise hängen die Wünsche nur mit der Selbstdarstellung in den sozialen Netzwerken zusammen. Die virtuelle Welt hat eindeutig die Prioritäten verschoben. Den Patienten ist wichtiger, dass das Ergebnis auf dem Foto gut aussieht. Deshalb wird zuerst das Smartphone gezückt, statt zum Spiegel zu greifen.

Welche Entwicklungen sind in dem Rahmen denn besonders kritisch zu betrachten?

Schade ist es, wenn die Schönheit nur noch im virtuellen Raum bewundert wird. Die Gefahr dabei ist, dass extreme Körperformen wie ein großer Po auf einem Bildschirm meistens besser aussehen als in der Realität. Doch viele Patienten orientieren sich nur noch an dem Foto und neigen dann dazu, es mit den Operationen zu übertreiben. Somit entstehen manchmal Körperformen, die im echten Leben sehr ungewöhnlich aussehen. Solche Influencer gibt es schon, die in den sozialen Medien unzählige Klicks bekommen, aber auf der Straße eher an eine Freakshow erinnern.

Der Schönheitschirurg Dr. Volker Rippmann gibt in seinem Buch “Wahnsinnig schön! Die verrückte neue Welt der Schönheitschirurgie” einen Einblick in seinen Praxisalltag. Das 256-seitige Buch erschien am 5. Juni 2020 im Verlag Edel Books und kostet 17,95 Euro. © Quelle: Edel Books

Was waren extreme Wünsche von Patienten?

Mit extremen Wünschen hört es in meinem Beruf nie auf, sie werden sogar immer mehr. Eine Influencerin wollte sich Teile einer gesunden Hand amputieren lassen, um mehr Aufmerksamkeit in den sozialen Medien zu generieren. Einmal kam ein Mann mit seiner Ehefrau, weil er eine dritte Brust für ihren Rücken wollte, damit er bei einer bestimmten Sexstellung mehr erregt ist. Und diese Position haben sie mir in der Praxis vorgeführt. Im Einzelgespräch kam dann heraus, dass die Frau es gar nicht wollte.

Die Influencerin war sich ja sehr sicher. Wie entscheiden Sie in solchen Fällen und meldet sich manchmal ihr Gewissen?

Um in kontroversen Fällen zu entscheiden, ziehe ich drei Fragen heran. Zuerst überlege ich mir, ob der Wunsch ausreichend gereift ist und nicht aus einer Laune heraus entsteht. Anschließend überprüfe ich die medizinische Durchführbarkeit. Und die dritte Frage lautet, ob der OP-Wunsch ethisch vertretbar ist und ich ihn nachvollziehen kann. Inzwischen kann ich es mir erlauben, einige Operationen nicht durchzuführen. Am Anfang der Karriere haben einige Ärzte keine Erfahrung in dem Bereich und führen vielleicht Eingriffe durch, die sie später bereuen.

Wie reagieren die Patienten auf eine Absage?

Wichtig ist, dass jeder Patient angehört wird, und dann wird er immer in irgendeiner Form behandelt. Ob es eine Operation ist, steht auf einem anderen Blatt. In einigen Fällen müssen die Patienten auch auf eine andere Bahn gelenkt werden und ich rate ihnen zum Beispiel zu einer psychologischen Betreuung. Mit diesem Weg habe ich gute Erfahrungen gemacht.

Aus Ihrer Sicht muss ein gewisser “Leidensdruck” vorhanden sein, dass eine Operation durchgeführt werden soll. Wie macht sich so einer bemerkbar?

Bei manchen Patienten ist der Leidensdruck enorm. Die Menschen fokussieren sich fast ausschließlich auf das entsprechende Körperteil, wie die kleine Brust oder die große Nase. Dabei können Schlafstörungen, Angstzustände, psychologische Störungen und sogar suizidale Gedanken eintreten. Manche schauen jahrelang nicht mehr in den Spiegel oder duschen nur noch im Dunkeln. Das sind keine organischen Erkrankungen, sondern seelische Belastungen, die nicht unterschätzt werden dürfen.

Seit einiger Zeit gibt es den Body-Positivity-Trend, also die grundsätzliche positive Haltung zum eigenen Körper. Haben Sie Angst, dass die Patienten ausbleiben?

Prinzipiell ist Body Positivity was tolles. Zu dem Body-Positivity-Trend passt auch der Back-to-Nature-Trend. So lassen sich einige Frauen ihre Brustimplantate wieder herausnehmen, weil sie den “Fremdkörper” nicht mehr im eigenen Körper haben wollen. Dazu gibt es auch viele Beiträge auf Instagram. Beides sind schöne Entwicklungen, doch ich befürchte, dass die Wünsche der Menschen extremer werden. Abgesehen davon, gibt es immer wieder Menschen, die nicht mit allen ihren natürlichen Körperformen glücklich sind und für diese Patienten bieten wir entsprechende Lösungen an.

Sie haben keine Kinder. Aber was würden Sie sagen, wenn sich jemand aus Ihrer Familie operieren lassen will?

Das ist sogar schon geschehen. Ich habe meine Schwester operiert. Da wendete ich die gleichen Punkte an wie bei anderen Patienten auch. Wenn ich einen gewissen Leidensdruck sehe, meine drei Fragen beantworten kann und eine Operation eine Verbesserung bringt, rate ich zum Eingriff. Allerdings gehöre ich nicht zu den plastischen Chirurgen, die überreden. Einige Kollegen machen auf eine große Nase aufmerksam und drängen zu einer Operation – das ist überhaupt nicht mein Stil.

“Staat, Sex, Amen”
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