Kochbücher für Senioren: “Reis von gestern ist das Beste”

  • Mit dem Alter vergeht die Lust am Kochen – und am Essen.
  • Die 93-jährige Sybil Gräfin Schönfeldt hat zwei Kochbücher für Senioren geschrieben, die statt Hochglanz Herzwärme bieten.
  • Sie zeigen: Man kann auch im Alter gut essen und lecker kochen.
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Sie sind seit 13 Jahren Witwe. War das der Auslöser für Ihr “Kochbuch für die kleine alte Frau”?

Nein, nicht direkt. Eigentlich war es der Wunsch meiner Verlegerin, so etwas Ähnliches zu schreiben, passend zu dem “Literarischen Küchenkalender”, den ich seit fast 15 Jahren herausgebe. Aus irgendeinem Grunde schoss es da aus mir heraus: “Dann nennen wir das ‘Kochbuch für die kleine alte Frau’.”

Das Buch ist eine kulinarische Geschichtensammlung – vom Frühstücks-Porridge Ihres Großvaters bis zum letzten Apfelkuchen für Ihren Mann. Warum ist es keine typische Rezeptsammlung mit Hochglanzbildern geworden?

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Wenn Sie irgendwann eine kleine oder große oder wie auch immer geartete alte oder ältere Frau geworden sind, dann brauchen Sie keine klassischen Kochbücher mehr. Die haben Sie vor 50 Jahren angefangen zu sammeln. Irgendwann haben Sie genug davon.

“Kochst du dir eigentlich etwas?”

Wer genau ist diese kleine alte Frau, an die Sie sich richten?

Die kleine alte Frau sind meine Freundinnen und Bekannten, die meistens jünger sind als ich, aber genau wie ich inzwischen allein sind und mich fragen: “Kochst du dir eigentlich noch etwas?” Und dann sehe ich mich, wie ich in meiner Küche stehe zwischen all den Sachen, die ich nicht mehr brauche. Die ich entweder anfange zu verschenken, wenn es gute Sachen sind, oder wegwerfe. Ich bin selbst in der Situation der kleinen alten Frau und beschreibe das.

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Viele von Ihnen hatten einst große Familien und Haushalte, in denen viel gekocht und gegessen wurde. Warum fällt das Kochen plötzlich so schwer, gelernt ist doch gelernt?

Erstens ist es ein biologischer Vorgang. Je älter Sie werden, desto geringer ist Ihr Grundumsatz, desto weniger müssen Sie essen, desto weniger Appetit haben Sie, desto kleiner werden die Portionen. Das ist das eine. Das Zweite ist, dass Sie allein sind. Zum Essen gehört eigentlich die Gesellschaft. Allein irgendwo zu sitzen und zu essen kann etwas wahnsinnig Trübseliges sein. Ich habe in den ersten Wochen und Monaten nach dem Tod meines Mannes nicht gewusst, wo ich mich mit meinem Teller hinsetzen soll. Am Esstisch, an dem wir so viele Festtage und Alltage zusammen gesessen haben, mit Kindern, mit Freunden, mit alten Verwandten? Nun ich da ganz allein? Das war schwer. Gott sei Dank fing dann der Sommer an, und ich konnte mich zum Essen auf den Balkon setzen.

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Kochen Sie noch regelmäßig?

Ich koche meistens das, was ich in dem Buch “Kettenkochen” genannt habe. Das heißt, wenn ich einen Topf mit Pellkartoffeln aufsetze, dann koche ich am besten gleich zwölf Kartoffeln, so habe ich noch zwei Tage länger etwas davon. Mein Liebstes ist Reis, denn das war das Nahrungsmittel, das meine Großmutter am meisten schätzte und auf das sie viel Fantasie verwendete. Bei Reis koche ich immer gleich einen großen Topf und mache dann mehrere Tage lang verschiedene Dinge daraus. Die Chinesen sagen nicht zu Unrecht: Reis von gestern, das ist das Beste.

Wieso lassen Sie sich nicht Essen auf Rädern bringen, statt zu kochen?

Deutschsprachige Single-Kochbücher sind nicht gerade rar gesät. Was machen Sie anders in Ihrem Buch?

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Zunächst einmal ist mein Kochbuch kein Single-Kochbuch. Single kann man schließlich schon mit 20 sein. Ich richte mich an Menschen, die kochen können. Ich brauche ihnen nicht zu erklären, was sie am Herd zu tun haben.

Viele Senioren lassen sich Essen auf Rädern liefern. Warum ist das für Sie keine Alternative?

Weil ich es nicht brauche. Aber wer ein Pflegefall in der eigenen Wohnung ist, der muss froh sein, dass es so etwas gibt. Zum Glück ist das bei mir nicht der Fall.

Ihre Rezepte sind mal klassisch, mal exotisch, mal einfach. Nach welchem Muster haben Sie sie ausgewählt?

Es sind ganz einfach die Dinge, von denen ich hoffe, dass sie auch anderen Leuten schmecken würden. Und es sind Dinge, von denen ich weiß, dass sie die anderen Frauen, die das Buch geschenkt bekommen oder die es sich selbst gekauft haben, kennen. Und dann entweder sagen: “Ja, so mache ich das auch.” Oder: “Ach guck mal, so macht sie das.” Und ich bin manchmal gerührt, wie liebevoll manche Leserinnen schreiben.

Ein Jahr, nachdem Ihr “Kochbuch für die kleine alte Frau” erschienen ist, haben Sie das “Kochbuch für den großen alten Mann” nachgelegt. Wie kam es dazu?

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Die Buchhändler haben nach ihm verlangt. Sie fragten: “Wo bleibt der große alte Mann?” Und so hat er sich quasi von selbst auf die Bildfläche bugsiert. Plötzlich waren wir zu dritt in der Küche: die kleine alte Frau, der große alte Mann und ich.

Viele alte Männer haben selten in der Küche gestanden. Ist für sie das Witwerdasein dann besonders prekär?

Ja, der große alte Mann hat in der Regel nie gekocht, und jetzt muss er plötzlich dafür sorgen, dass er nicht verhungert. Männer haben es in gewisser Weise zwar leichter, weil es immer weibliche Wesen gibt, die sie umschwirren. Von daher ist die Überlebensfrage in manchen Fällen nicht so dringlich. Aber viele Männer wollen nicht in diese Abhängigkeit geraten. Mein Rat: Such dir ein halbes Dutzend Lieblingsgerichte aus, und wir schauen mal, ob du die allein herstellen kannst. Mehr nicht. Der große alte Mann muss nicht von Grund auf kochen lernen.

Hat zwei Kochbücher für Senioren geschrieben: Sybil Gräfin Schönfeldt. © Quelle: picture alliance / Erwin Elsner

Was passiert, wenn der große alte Mann zum ersten Mal in die Küche kommt?

Er guckt sich um und stellt fest: “Das alles hat meine Frau 40 oder 50 Jahre lang benutzt. Und damit hat sie das und das gekocht, gebacken, gedünstet, gegrillt. Brauche ich das noch? Oder kann ich es verschenken oder wegschmeißen?“ Das, was übrig bleibt, ist das Handwerkszeug für die nächsten Jahre.

Warum ist Ihre alte Frau “klein” und der Mann “groß”?

Bei der Frau war das einfach eine Eingebung. Sie war plötzlich da, wohnte in meinem Kopf. Und ein kleiner alter Mann? Das ist spöttisch. Deshalb habe ich ihn im Gegensatz zur kleinen alten Frau groß sein lassen. Das hat weder etwas mit der Wertschätzung von klein und groß oder Mann und Frau zu tun, das ist bloß ein Wortspiel.

“Staat, Sex, Amen”
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