Praktisch, bequem und glamourös: Darum sind Ballerinas wieder im Trend

  • Sind die Zeiten schwer, setzt die Mode auf Leichtigkeit.
  • Für die Schuhmode in diesem Frühjahr und Sommer bedeutet das: Bühne frei für Ballerinas.
  • Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfunden, gibt es den klassischen Damenschuh mittlerweile in etlichen Varianten.
Kerstin Hergt
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Hannover. Niemand starb so schön und anmutig auf der Bühne wie Anna Pawlowa. Und das lag nicht zuletzt an ihren Schuhen. Die russische Ballerina, die zu den berühmtesten Tänzerinnen des 20. Jahrhunderts zählt, wurde ausgerechnet mit dem nur wenige Minuten langen Solo „Der sterbende Schwan“ unsterblich. Pawlowa setzte mit ihrer unvergleichlichen Grazie und Ausdruckskraft Maßstäbe, die bis heute gelten. Die 1907 uraufgeführte Choreografie gilt als eine Tortur für die Füße – für Tänzer ihr kostbarstes Gut.

Einen Schuh zu fertigen, der das richtige Maß an Flexibilität und Halt, Weichheit und Härte besaß, um unfallfrei auf Spitze tanzen zu können, war zu Pawlowas Zeiten eine noch eher rare Kunst. Salvatore Capezio beherrschte sie jedoch perfekt. Er stattete die Tänzer der New Yorker Metropolitan Oper aus. 1910, auf ihrer ersten Amerika-Tournee, ließ sich auch Anna Pawlowa Spitzentanzschuhe von dem Schuhmacher anfertigen. Das Modell Pawlowa mit konisch geformter Kappe gibt es bis heute.

Doch der Name Capezio ist noch mit einer anderen Frau untrennbar verbunden: Claire McCardell. Sie sorgte dafür, dass man mit Ballerinas auch durch den Alltag tanzen konnte. Ihr ist der schönste und bequemste Klassiker der Damenschuhmode zu verdanken. Entstanden ist er aus der Not heraus.

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McCardell begann ihre Karriere als Modedesignerin für Alltagskleidung in den Dreißigerjahren in New York. Mit ihren lockeren, häufig von Tennis- und Skimode inspirierten Kreationen, die in Kaufhäusern vermarktet wurden, gilt sie als Pionierin praktisch-funktionaler Sportswear. Sie erfand den Vorläufer des Wickelkleids. Darüber hinaus hatten ihre Kleidungsstücke allesamt Taschen und konnten problemlos miteinander kombiniert werden, was in der Damenmode der damaligen Zeit keine Selbstverständlichkeit war.

Der Siegeszug der Ballerinas beginnt auf dem Cover der Vogue

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„Ich habe immer Dinge entworfen, die ich selbst brauchte. Es hat sich einfach herausgestellt, dass andere Leute sie auch brauchen“, hat sie einmal über ihren Erfolg gesagt. McCardell dachte Zeit ihres Lebens praktisch. So auch in den Jahren des Zweiten Weltkriegs, als auch in den USA Materialknappheit herrschte. Leder durfte in der Schuhmode plötzlich nicht mehr verarbeitet werden.

Das betraf jedoch nicht den Künstlerbedarf. Capezio fertigte weiter lederne Tanzschuhe. McCardell kooperierte mit ihm: Warum nicht bequeme „Ballet Flats“ in die Damenmode integrieren? So präsentierte die amerikanische Vogue 1941 ein Paar zitronengelbe Ballerinas mit Bänderschnürung auf ihrem Cover. Es war die Geburtsstunde eines Klassikers, der nie wirklich out war, in diesem Frühling und Sommer aber wieder besonders angesagt ist.

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Ballerinas sind bequemer als Pumps, eleganter als Sneaker und leichter als Schnürschuhe, passen aber sowohl zur Jeans als auch zum Abendkleid. Sie verleihen vielleicht nicht gerade Flügel, aber doch Unbeschwertheit. Sie haben etwas Mädchenhaftes an sich, ohne jedoch krampfhaft jugendlich zu wirken. Sie stehen jeder Frau in allen Lebensphasen. Man schlüpft hinein und spürt sie kaum am Fuß.

Kein Wunder, dass Ballerinas gerade jetzt wieder im Trend sind

War nicht das auch mit ein Grund, warum die Ballerinas gerade in den Kriegs- und Nachkriegsjahren so beliebt waren? Man wollte Leichtigkeit spüren. Ähnlich war es in den Jahren nach der Französischen Revolution, als fließende Empirekleider und seidenbestickte weiche Pantoffeln die überfrachteten Roben und hohen Absatzschuhe des Ancien Régime ersetzten.

Die Pandemic Fashion verleiht ebenfalls einem starken Bedürfnis nach Unkompliziertheit und Wohlbehagen Ausdruck. Alltags- und Bürooutfits sind reduziert. Wir brauchen keine Anzüge und Kostüme im Homeoffice. Hoodies und Sweatpants reichen vielen. Lounge-Wear dominiert. Ballerinas passen perfekt in diese Zeit. Sie bedienen die Sehnsucht nach Unbeschwertheit, sorgen aber auch für einen Hauch von Glamour.

Wer Ballerinas trägt, darf sich immer auch ein bisschen wie Audrey Hepburn, Brigitte Bardot oder Sarah Jessica Parker fühlen, die in ihren Filmen bevorzugt in Ballerinas agierten, häufig maßgefertigt. Der Cendrillon etwa, benannt nach der französischen Version von „Cinderella“, wurde nach Bardots Vorstellungen für ihren Auftritt in „Und immer lockt das Weib“ 1956 von Rose Repetto entworfen und hat heute als „klassischer Tanzschuh für die Stadt“ Kultstatus.

Bevorzugte Ballerinas auch beim Dreh: Audrey Hepburn mit Fred Astaire in „Funny Face“. © Quelle: dpa

Mit Riemchen, aus Lackleder oder mit Schlangenmuster: Ballerinas gibt es in vielen Varianten

Repetto war die Mutter von Roland Petit, einem der bedeutendsten Tänzer und Choreografen Frankreichs im 20. Jahrhundert. Ihre Karriere hatte damit begonnen, dass sie zunächst nur für ihren Sohn Ballettschuhe mit einer besonderen Technik nähte, bei der sie den Schuh für die Nähte auf links drehte, damit sie den Träger anschließend nicht störten. Bardot wusste derlei Qualität zu schätzen. Sie war vom Fach. Wie auch ihre Kolleginnen Hepburn und Parker hatte sie eine klassische Ballettausbildung absolviert. Es ist wohl kein Zufall, dass die Schauspielerinnen gern Ballerinas vor der Kamera trugen.

Das Beherrschen der fünf Positionen im Ballett ist indes keine Voraussetzung, um in diesen Schuhen eine gute Figur zu machen. Die Bandbreite ist groß: Vom klassischen zweifarbigen Modell, der schwarzen, spitz zulaufenden Lackledervariante über Schuhe mit Schlangenmuster oder mit Riemchen bis hin zu Ballerinas im Mary-Jane-Stil mit Schnalle oder in Form von Slingbacks oder Mules reicht die Auswahl. Genug, um auch nach der Pandemie noch lange angesagt zu sein. Claire McCardell war jedenfalls der Meinung: „Gute Mode hat es irgendwie verdient zu überleben.“ Recht hat sie.

RND

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