Onlinelehre und leere Geldbeutel: Das vertrackte Corona-Semester

  • Die Corona-Krise macht vielen Studierenden schwer zu schaffen.
  • Onlinevorlesungen können aus ihrer Sicht mit Präsenzveranstaltungen nicht mithalten.
  • Anderen geht schlicht das Geld aus, weil sie ihren Nebenjob verloren haben.
Ben Kendal
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Frankfurt am Main/Hannover. Mit Kommilitonen im Seminar zu sitzen, mit ihnen Mittag essen zu gehen oder sich einfach mit ihnen auf dem Campus zu treffen sind nur einige der Dinge, die Lorenz Kaufmann* (24) derzeit vermisst. Er studiert Soziologie an der Frankfurter Goethe-Universität. Es ist ein Fach, das von der Diskussion abstrakter Texte lebt – und zwar von Angesicht zu Angesicht. Doch in Corona-Zeiten ist all das nicht möglich.

Kaufmanns Univeranstaltungen finden allesamt online statt – und das hat seine Tücken: Kaufmann studiert im gleichen Zimmer, in dem er auch arbeitet und seine Freizeit verbringt. “Es ist sehr verwirrend, dass man immer in der gleichen Umwelt ist. Darunter leidet meine Konzentrationsfähigkeit”, sagt er. Er befürchtet, dass seine Leistungen in diesem Semester unter den Umständen leiden.

Ein Studium in den eigenen vier Wänden

Zugleich sei die Arbeitsbelastung nicht geringer geworden. So sei das Konzept für die digitale Lehre anfangs nicht ausgereift gewesen. “Eigentlich wurden die Veranstaltungen nicht wirklich digitalisiert, sondern eher einfach ins Internet übersetzt. Das Programm war das gleiche. Es wurde, zumindest am Anfang, wenig reflektiert, welche großen Herausforderungen auf die Studierenden und auf das Lehrpersonal zukommt“, erinnert sich der 24-Jährige. In einigen Veranstaltungen sei sogar die Arbeitsbelastung größer geworden

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Hinzu kommt: Kaufmann und viele seiner Kommilitonen haben sich anfangs mehr aufgebunden als sonst. Schließlich fielen ja die Anfahrtswege weg. Doch die Vorstellung, dass sie von zu Hause mehr schaffen würden, hat sich als Fehlschluss erwiesen. “In einem Seminar läuft alles über eine Lernplattform, wo Texte in verschiedenen Foren diskutiert werden. Meiner Meinung nach ist es völlig utopisch, abstrakte Themen über ein Chatprogramm zu diskutieren”, sagt Kaufmann.

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Studierende in Not: Fehlende technische Möglichkeiten

Kaufmann zählt sich noch zu den eher privilegierteren Studierenden. Trotz Corona hat er seinen Job behalten. Und als Soziologiestudent ist er nicht wie andere Studierende darauf angewiesen, wöchentlich vor Ort zu sein, um das Studium erfolgreich zu bestehen. Für ein naturwissenschaftliches Studium müssen Studierende beispielsweise häufig ins Labor. In seiner Wohngemeinschaft in Frankfurt verfügt Kaufmann außerdem über die technischen Möglichkeiten, an Onlineveranstaltungen teilzunehmen.

Das ist auch in heutiger Zeit nicht selbstverständlich, wie Kimberly Haarstik, Sprecherin des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta) der Leibniz Universität Hannover betont: “Einige Studierende haben gar keine Internetverbindung zu Hause und teilweise auch keinen PC oder Laptop, um an Onlineseminaren teilzunehmen.” Auch an Zubehör wie einem Mikrofon oder einer Webcam mangele es vielen.

Den Asta erreichten in Corona-Zeiten täglich Unmengen an E-Mails: von Studierenden, die Existenzängste haben, nicht ausreichend technisch ausgestattet sind oder schlichtweg überfordert sind. “Wir wollen den Studierenden ein Stück weit die Unsicherheiten nehmen, indem wir für sie da sind und sie an verschiedene Stellen verweisen, die ihnen bei ihren Problemen helfen können”, sagt Antonia Otte, Referentin für Soziales beim Asta.

Das Geld wird knapp

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Genau diese Hilfe benötigen Studierende, die sich durch Corona auch in einer prekären finanziellen Lage befinden. 40 Prozent der Studierenden haben einer repräsentativen Umfrage des Personaldienstleisters Zenjob zufolge durch die Corona-Krise ihren Job verloren. Einen Anspruch auf Kurzarbeitergeld oder Arbeitslosengeld II haben sie so gut wie nie. Dennoch mussten sie die vollen Gebühren für das laufende Semester zahlen. In Hannover sind das mehr als 400 Euro pro Semester, für Langzeitstudierende kommen in Niedersachsen 500 Euro pro Semester hinzu.

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Studierende fordern Unterstützung in Corona-Krise
1:14 min
In Bonn kritisieren Studenten die zuständige Bundesministerin, weil sie keine finanzielle Unterstützung in der Corona-Krise bekommen.  © Ben Kendal/Reuters

Nur wenige Hilfen für Studierende mit finanziellen Engpässen

Doch was können Studierende aktuell tun, wenn sie Miete zahlen und für Semestergebühren aufkommen müssen? Beim Asta haben Studierende die Möglichkeit, einmalig ein zinsfreies Darlehen von 400 Euro zu beantragen, das sie innerhalb eines bestimmten Zeitraumes zurückzahlen müssen. Die Zahl der Anträge ist laut Haarstik derzeit viel höher als sonst.

Mittlerweile haben sich Bundesregierung und Bundesländer auf Hilfen für Studierende verständigt. Einerseits soll demnächst – wann, ist immer noch unklar – eine Soforthilfe in Höhe von 500 Euro zur Verfügung stehen. Für den Asta ist das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein: “Das ist für uns keine richtige Option: Es ist nicht durchdacht und stellt keine Soforthilfe dar”, sagt Haarstik. Denn den Betrag würden Studierende nur bekommen, wenn sie auch wirklich kein Geld mehr auf dem Konto haben. Sprich: Sind 200 Euro noch drauf, gibt der Staat nur 300 Euro hinzu. Und 500 Euro dürften ausweislich der durchschnittlichen Wohnkosten von Studierende in vielen Fällen gerade einmal für die Miete reichen.

Der zweite Baustein des angekündigten Hilfspakets sind Studienkredite der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Die sind bis zum 31. März 2021 zinslos, sowohl für neue Antrag­steller als auch für Studierende, die zwischen Mai 2020 und März 2021 laufende Kredite ausgezahlt bekommen. Allerdings muss die volle Summe zurückgezahlt werden.

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Asta setzt sich für “Nichtsemester” ein

Studierendenvertreter in ganz Deutschland fordern nun, dass das laufende Sommersemester als “Nichtsemester” gezählt wird. Diejenigen, die Bafög erhalten, würden eine verlängerte Regelstudienzeit bekommen – was den Bafög-Anspruch sichern würde. “Wir empfehlen Studierenden, einen Härtefallantrag zu stellen, wenn sie wegen der Corona-Beschränkungen über die Regelstudienzeit hinaus studieren müssen. Stand jetzt heißt es jedoch, dass das Bafög-Amt diese Anträge nicht akzeptieren würde”, sagt Haarstik.

Haarstik ärgert sich jedoch über die allgemeine Unklarheit: “Das sind alles schwammige Aussagen von der Landesregierung.” Die Landesregierung sei der Auffassung, dass die Überschreitung der Regelstudienzeit nur wenige Studierende betreffen würde. Nach Ansicht des Asta könnte es allein in der Uni Hannover Tausende Studierende betreffen.

Bundesweit sieht es kaum anders aus: Der Freiwillige Zusammenschluss der Studierendenschaften (FZS) hatte schon früh Sonderregelungen für das Corona-Semester ins Gespräch gebracht. Im Bundesministerium für Bildung und Forschung stieß das auf wenig Resonanz. Mittlerweile fordern die Studierendenvertreter den Rücktritt von Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU) – vor allem, weil die Notkredite zu spät kämen, zu gering ausfielen und zu bürokratisch gestaltet seien.

Auslandssemester: In Frankfurt leben, in Basel eingeschrieben

In der Goethe-Universität Frankfurt zählt das aktuelle Semester bereits als Nichtsemester. Eine Sorge weniger, doch noch ist unklar, was das nächste Semester mit sich bringen wird. Lorenz Kaufmann steht ein Auslandssemester in Basel im Rahmen des Förderprogramms Erasmus bevor. Wie seine Zeit dort ablaufen wird, beschäftigt ihn schon jetzt. “Dazu gibt es aber einfach noch keine verlässlichen Informationen. Niemand weiß, wie das kommende Semester genau aussehen wird”, so der Student.

Eine Freundin habe in Madrid ein Auslandssemester gemacht, musste dort aufgrund der Corona-Beschränkungen zwei Monate in ihrer Wohnung bleiben. Dann flog sie zurück nach Deutschland und studierte dort während ihres eigentlichen Auslandssemesters Spanisch. “Dabei geht ja das ganze Erasmus-Semester flöten. Eigentlich sammelt man viele neue Erfahrungen, lernt neue Menschen und eine neue Universität kennen, doch das würde in so einem Fall völlig verloren gehen.”

Ausländische Studierende besonders betroffen

Und es gibt noch viele weitere Probleme. Für ausländische Studierende in Deutschland ist die Lage laut dem hannoverschen Asta schwierig. “Sie müssen am Anfang des Semesters einen hohen Betrag zahlen, doch das ist vielen ohne Nebenjob gar nicht möglich. Außerdem verstehen viele von ihnen in diesem Wirrwarr nicht mehr, wie es für sie weitergehen wird”, betont Haarstik.

Auch Studierende mit Kindern hätten Schwierigkeiten, weil sie sich wegen der Betreuung ihrer Kinder aufgrund von geschlossenen Kitas und Schulen nicht um ihre universitären Aufgaben kümmern könnten. Mit schreienden Kindern mangelt es an Konzentration und zudem können sie an keinen Prüfungen teilnehmen, die derzeit teilweise noch vor Ort unter Hygieneauflagen stattfinden. “Auch diejenigen, die zu den Klausuren gehen, haben häufig ein schlechtes Gefühl dabei, mit so vielen Menschen in einem Raum zu sein”, berichtet Haarstik.

Auch das Wintersemester im Netz?

In Hannover zeichnet sich derweil ab, dass auch das Wintersemester vor allem im Netz stattfinden wird, wie aus einem Schreiben der Universität an Studierende und Dozenten hervorgeht. An zahlreichen Universitäten in Deutschland sieht es ähnlich aus.

*Name von der Redaktion geändert

“Staat, Sex, Amen”
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