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  • Obst und Gemüse selber anpflanzen: Judith Rakers über das "Homefarming" - „Nahrungsmittel sind bei mir mit Emotionen verbunden“

Moderatorin Judith Rakers gärtnert jetzt: „Nahrungsmittel sind bei mir mit Emotionen verbunden“

  • Eigentlich dachte Judith Rakers, sie hätte keinen grünen Daumen.
  • Doch dann hat sie einfach angefangen mit dem Gärtnern und darüber das Buch „Homefarming” geschrieben.
  • Im Interview spricht sie darüber, wie sich ihre Wertschätzung für Lebensmittel verändert hat und wie nachhaltig ein Gemüsegarten sein kann.
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Judith Rakers kennt man eigentlich im schicken Blazer statt in grasbefleckter Hose. Denn die Journalistin ist Sprecherin der Tagesschau und als Reporterin für den NDR unterwegs. Doch seit zwei Jahren hat sie noch eine andere Leidenschaft: ihren Gemüsegarten samt Hühnern. Im Interview spricht die Moderatorin darüber, wieso das Gärtnern ihre Wertschätzung für Lebensmittel verändert hat, wie nachhaltig ein eigener Garten ist und warum auch Menschen ohne grünen Daumen eine reiche Ernte einfahren können.

Frau Rakers, ist das Landleben immer so idyllisch, wie Sie es in Ihrem Buch beschreiben?

Ja, das Buch ist eins zu eins eine Wiedergabe dessen, was ich hier erlebt habe. Es handelt auch von Missgeschicken und Dingen, die nicht so gut gelaufen sind. (lacht) Es ist ein Buch von einer Anfängerin, die immer dachte, sie habe keinen grünen Daumen, für Menschen, denen es genauso geht: die Lust auf Natur, auf frische Lebensmittel und Bio haben, aber keine Ahnung, wie sie das umsetzen sollen.

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Gibt es einen Unterschied zwischen Gärtnern und Homefarming?

Ich habe versucht, einen Begriff zu finden, der auch die Hühner berücksichtigt. Ein Garten kann auch ein Ziergarten sein. Man kann gärtnern und keine einzige Gemüsepflanze säen. Beim Selbstversorgen denkt man vor allem an den Gemüseanbau. Home­farming schließt für mich die Hühnerzucht, die sich bei mir im Garten entwickelt hat, mit ein. Auch das Haltbarmachen und Verarbeiten von Lebensmitteln passt dazu. Normalerweise sind Gärtnern, Hühnerzüchten und das Verarbeiten von Lebensmitteln drei verschiedene Bücher. Ich habe diese Themen in eines gepackt.

Judith Rakers, Jahrgang 1976, lebt in der Nähe von Hamburg. Ihre journalistische Karriere startete sie noch während ihres Publizistikstudiums in Münster beim Radio. 2004 wechselte sie zum Fernsehsender des NDR, für den die passionierte Reiterin bis heute auch Reportagen macht und in „3nach9“ talkt. Seit 2008 moderiert sie regelmäßig die Hauptausgabe der „Tagesschau“ in der ARD. Ihr Buch „Home Farming – Selbstversorgung ohne grünen Daumen“ ist im Verlag Gräfe & Unzer erschienen (240 Seiten, 22 Euro). © Quelle: Gräfe und Unzer/Sebastian Fuchs
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Was bedeutet für Sie Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit ist ein großer Begriff, da kann man vieles drunter subsumieren. Durch meinen Garten verbrauche ich viel weniger Plastik, denn ich kaufe kein eingeschweißtes oder sonst irgendwie verpacktes Gemüse mehr. Ich habe einen eigenen Brunnen. Das Wasser, das ich dem Boden entnehme, wird dem Boden wieder zugeführt. Meine Tiere produzieren Dünger und die Hühner darüber hinaus auch noch die leckersten und frischesten Eier, die ich je gegessen habe. Die Tiere fressen wiederum, was in den Beeten wächst und übrig bleibt. Das alles spart CO₂, denn für mich muss im Sommer kein Gemüse mehr mit dem Lkw zum Supermarkt transportiert werden und ich hole es auch nicht mit dem Auto von dort ab. Mein Gemüse hat keine Transportkilometer auf dem Buckel. Außerdem habe ich durch den Garten erst gelernt, was sich hinter dem Schlagwort „saisonal“ verbirgt. Man hört immer, man soll saisonal und regional kochen, wenn man umweltgerecht agieren will. Ich wusste aber früher gar nicht so genau, welche Lebensmittel wann in unseren Gefilden natürlich reif werden. So eine ungefähre Vorstellung hatte ich, dass es Grünkohl im Herbst gibt, und wann Spargelzeit ist, wusste ich auch. Aber Tomaten? Die gibt es doch das ganze Jahr im Supermarkt, genauso wie Kartoffeln.

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Glauben Sie, es geht vielen Menschen so, dass sie das gar nicht mehr im Kopf haben?

Ja, ich glaube schon – weil wir uns in unserer modernen Welt von der Produktion unserer Lebensmittel einfach sehr weit entfernt haben. Meine Großeltern hatten noch einen Gemüsegarten und Beerensträucher. Meine Großtante hatte sogar noch Kaninchen im Stall, um sie zu essen. Ich habe das also als Kleinkind noch mitbekommen, mich damals aber noch nicht so dafür interessiert. Später dachte ich, Gemüse anzubauen passt nicht in mein Leben als berufstätige Frau. Über die Jahre hat sich dann aber der Wunsch entwickelt, wieder mehr Verbindung zur Natur zu haben. Ich wollte, wenn ich aus dem Fenster gucke, Grünes sehen und nicht den Beton des Nachbarhauses. Mit Ende 30 habe ich dann angefangen, Bücher über das Selbstversorgen zu lesen, ein Haus auf dem Land gekauft und einfach angefangen mit dem Gemüseanbau und der Hühnerhaltung. Das Homefarming macht mich wahnsinnig glücklich, es bringt unheimlich viel Spaß und dann ist es auch noch nachhaltig.

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Wie hat das Homefarming Ihr Verhältnis zum Essen verändert – ist Ihre Wertschätzung eine andere?

Ja, total. Nahrungsmittel sind jetzt bei mir mit Emotionen verbunden. Wenn ich im Supermarkt Eier gekauft habe, war das, als ob ich Waschmittel in den Korb lege. Dann lagen sie in meinem Kühlschrank und wenn sie abgelaufen waren, habe ich gedacht „Oh, schade” und habe sie in die Biotonne geworfen. Heute würde das nicht mehr stattfinden. Ich habe noch nie ein Ei meiner Hühner weggeworfen. Denn ich weiß jetzt, was mein Huhn körperlich geleistet hat, um dieses Ei zu produzieren. Und wenn man es morgens aus dem Stall holt, ist es so schön warm und lecker, dass man es auch direkt essen möchte. Ich schmeiße auch kein Gemüse mehr weg, sondern überlege, wie ich es verarbeiten oder haltbar machen kann. Das hat eine ganz andere Wertigkeit bekommen, wenn man einmal miterlebt hat, wie der Kohlrabi aus einem Samen wächst. Und Reste kriegen die Hühner. Die essen alles, wie Schweine. Und die freuen sich! Und wenn die Hühner Karotten essen, wollen auch die Katzen welche, weil sie neidisch sind. (lacht)

Sie schreiben, „Radieschen sind Motivationsbooster“. Können Sie den Satz bitte noch einmal erklären?

Ich habe als Anfängerin ganz viele Gartenbücher gelesen. Aber ich habe keine Handreichung gefunden, womit man beginnen sollte. Deshalb habe ich den Fehler gemacht und mit Tomaten angefangen, weil ich die besonders gern mag. Tomaten sind aber leider super zickig und divenmäßig. Die brauchen ganz viel Pflege. Bei Radieschen und Salat muss man nur den Samen in die Erde stecken, ab und zu gießen und dann hat man schon nach wenigen Wochen die fertige Frucht, die man essen kann. Oder auch Kartoffeln. Die legt man in die Erde, häufelt zwischendurch etwas an, wartet und dann sind aus einer Kartoffel 15 oder sogar 20 Kartoffeln geworden. Man muss einfach viel weniger machen, als man denkt. Die Natur will ja wachsen, das Gemüse will groß werden, man muss es nicht überreden. Man muss nur möglichst wenig stören. (lacht)

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