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„Halston“: Wieso ein Modedesigner der Siebziger plötzlich der Star einer Netflix-Serie ist

  • Modegeschichte wird vor allem aus europäischer Sicht erzählt.
  • Die Netflix-Serie „Halston“ lenkt nun verstärkt den Blick auf die USA, wo schon früh die Demokratisierung der Mode begann.
  • Eine Expertin hält das plötzliche Interesse an dem Modedesigner für eine Marketingstrategie.
Kerstin Hergt
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Die legendäre Schlacht von Versailles im Jahr 1973 beginnt schon bei der Unterbringung der Truppen: Die französische Modeschöpferelite darf in großen, lichten und sauberen Zimmern der einstigen Residenz des Sonnenkönigs ihre Vorbereitungen treffen, wohingegen sich die aus den USA zum Vergleichsduell angereisten Designer mit eher maroden Kämmerchen begnügen müssen. Da tropft es zwischen erlesenen Stoffen schon mal durch die Decke.

Doch wahren Glamour kann nichts so schnell zum Verblassen bringen. Und so werden die Franzosen zwar für ihre erhabene Haute-Couture-Kunst beim großen Schaulaufen vor auserwähltem Publikum mit vornehmem Beifall bedacht, für die Amerikaner jedoch gibt es Ovationen im Stehen. Insbesondere für Roy Halston Frowick, genannt Halston.

So jedenfalls wird es in der gleichnamigen und derzeit sehr erfolgreichen Netflix-Serie dargestellt.

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Damalige Medienberichte über den außergewöhnlichen Laufstegwettkampf, bei dem die fünf großen französischen Häuser Yves Saint Laurent, Givenchy, Pierre Cardin, Ungaro und Dior gegen die fünf US-Mode­chefs Halston, Oscar de la Renta, Bill Blass, Anne Klein und Stephen Burrows antraten, belegen jedoch die Begeisterung des Publikums für die progressiven und zeitgemäßen Entwürfe der Amerikaner. Endlich konnten sie zeigen, dass Modegeschichte nicht nur in Europa, speziell Paris, geschrieben wurde – auch wenn sie es selbst lange glaubten.

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Unterschiede in der Mode: „Geleitet von einem anderen Frauenbild“

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Die Modejournalistin und Pulitzerpreisträgerin Robin Givhan, die unter anderem ein Buch über die Fashionschlacht von Versailles geschrieben hat, erinnert in einem Interview mit der US-Ausgabe von „Harper’s Bazaar“ daran, dass die französische Modeindustrie auch in den USA noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg in überwältigendem Maße dominant gewesen sei. Amerikanische Bekleidungsfirmen hätten hohe Gebühren gezahlt, um Rechte zum Kopieren von europäischen Kreationen zu erwerben.

Es gab durchaus frühe Versuche, einen eigenen Stil zu erschaffen: Claire McCardell (1905–1958) etwa gilt mit ihren Vorläufern des Wickelkleids und dem Etablieren von Ballerinaschuhen in die Alltagsmode als Vorreiterin der lässig-eleganten amerikanischen Sportswear.

Eine, die sich ebenfalls nicht dem europäischen Modediktat beugen wollte und die Demokratisierung der Mode vorantrieb, indem sie für Frauen hochwertige und funktionale Konfektionskleidung entwarf, war Elizabeth Hawes (1903–1971). Ihr Ansatz hat dazu beigetragen, heute weltweit bekannten US-Marken wie Tommy Hilfiger, Calvin Klein oder Ralph Lauren den Weg zu bereiten.

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Hawes lebte auch zeitweise in Paris. In ihrer Autobiografie „Zur Hölle mit der Mode“ beschreibt sie, wie geringschätzig zu ihrer Zeit in Paris Mode aus den USA betrachtet wurde. „Dabei sollte diese weniger elitär, zugänglicher und moderner sein – geleitet von einem anderen Frauenbild“, erläutert Prof. Renate Stauss, die Modetheorie und Kulturgeschichte der Mode an der Universität der Künste (UDK) in Berlin lehrt und zudem eine Professur an der American University of Paris innehat.

Halston: Der Star der Netflix-Serie gilt als Vorreiter innovativer Mode

Eine „befreite Sicht auf die Weiblichkeit“ bescheinigte auch das Branchenblatt „Women’s Wear Daily“ im vergangenen Jahr den amerikanischen Designern und Designerinnen von Versailles. So weit waren die Europäer noch nicht. Auch beim Thema Diversität waren Halston und Co. ihrer Zeit voraus: Die Entwürfe wurden zum Teil von schwarzen Models vorgeführt. Und auch bei der Vermarktung zeigte sich insbesondere Halston innovativ: „Er hat für Frauen entworfen, nicht für eine Idealfigur kreiert“, sagt Stauss.

In der Netflix-Serie „Halston“ spielt Schauspieler Ewan McGregor (links) einen namhaften Modedesigner der Siebziger, Roy Halston Frowick (rechts). © Quelle: picture alliance/ASSOCIATED PRESS

Auch mit seiner Idee vom „Total Designer“, der nicht nur für Kleidung, sondern auch für Parfum und Accessoires stand, sei Halston ein Pionier gewesen: „‚Total Design‘ war damals in Europa so noch nicht angekommen. Mit seinem Prinzip der Massenvermarktung war er vor der Zeit und wurde vielleicht auch deshalb in den Kanon der Modegeschichte nicht so integriert“, vermutet Stauss. In jedem Fall hat er heutige Designer wie Tom Ford stark beeinflusst.

Das Beispiel Halston steht für jahrzehntelange Ignoranz der Modebranche

Trotz des Coups von Versailles hatte der Ruhm US-amerikanischer Modedesigner zunächst keine internationale Durchschlagskraft. Wer kannte hierzulande die Marke Halston, bevor sie auf Netflix in schwelgerischen Bildern von der legendären Studio-54-Ära einem breiten Publikum präsentiert wurde?

Natürlich waren Modeaffinen Hemdkleider aus Ultrasuede in Wildlederoptik sowie asymmetrische Einsaumkleider ein Begriff. Doch dass sie erstmals von Halston kreiert wurden, dürfte vielen nicht bekannt gewesen sein. Er steht exemplarisch für eine jahrzehntelange Ignoranz der europäischen Modebranche gegenüber Kreativen aus anderen Ländern.

Halstons Kollege Stephen Burrows böte ebenfalls Filmstoff: Seine glitzernden Jumpsuits und der von ihm erfundene Rüschensaum brachten ihm den Ruf ein, die Mode zum Tanzen zu bringen. Er kleidete unter anderem Cher, Barbra Streisand, später auch Michelle Obama ein. Zusammen mit Willi Smith (1948–1987), der früh Streetwear als Inspiration nutzte, zählt Burrows zu den erfolgreichsten afroamerikanischen Designern des 20. Jahrhunderts in den USA.

Expertin fordert: Schluss mit der Ära der männlichen, weißen Designer

Warum hat man Halston zum Serienstar gemacht? Vielleicht, weil Netflix eine Kooperation mit dem Luxusportal Net-a-Porter als lukrativ erschien. Dort kann man neu aufgelegte Halston-Modelle erwerben. Auch Stauss glaubt an eine durchdachte Marketingstrategie, bei der es weniger darum gehe, „einen Designer sichtbar zu machen, den die Geschichte unverdient vergessen hat“.

Sie fordert, Modegeschichte künftig nicht mehr so stark mit männlichen, weißen Designern zu verbinden: „Das muss sich ändern. Wir sollten auch stärker nach Afrika, Asien oder Südamerika blicken. Da, wo derzeit unsere Kleidung gefertigt wird, wurde immer schon fantastische Mode kreiert.“

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