Nachhaltigkeit: Automobilindustrie setzt auf Öko-Materialien

  • Trend gewittert? Die Automobilindustrie ist auf den Nachhaltigkeitszug aufgesprungen und will so ihren Ruf aufbessern.
  • BMW, Mercedes und Skoda etwa setzen zukünftig auf nachhaltige und recycelte Materialien, die im Innenraum der Autos verbaut werden.
  • Wie das beim Verbraucher ankommt, bleibt abzuwarten - denn einem Experten zufolge gibt der ungerne seine Vorstellungen von einem hochwertigen Interieur auf.
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München/Pforzheim. Ausgediente PET-Flaschen, Altkleider, Flachs und der Verschnitt aus der eigenen Produktion: Autohersteller bedienen sich seit langem recycelter und nachwachsender Rohstoffe – künftig sollen die Käufer das auch sehen.

Weniger Abfall, mehr Recycling

Weil Nachhaltigkeit im Trend liegt, müssen die Kreativen die Materialien aus der Bio- oder der Wertstofftonne nicht mehr verstecken, sondern können sie prominent inszenieren: "Natürlich gab es schon immer Dämmmatten aus nachwachsenden Rohstoffen oder recyceltem Müll", sagt Steffen Köhl, der bei Mercedes das Advanced Design leitet. "Doch jetzt holen wir solche Materialien aus der Deckung und trauen uns auch, sie zu zeigen."

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Die im Januar auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas enthüllte Mercedes-Studie AVTR soll mit seinem vielen Zierelementen aus Rattanholz eine Art Werbeträger für den Naturschutz sein.

Auch Volvo setzt schon seit längerem auf Nachhaltigkeit und Interieurs wie Treibholz oder Kristallglas. Mit dem “Polestar 2” der Elektrotochter “Polestar” kommt 2020 sogar ein komplett veganes Fahrzeug auf den Markt. Eine 3D-Stricktechnik, die in der Schuhindustrie bereits bekannt ist, wird benutzt um Sitzflächen zu erstellen. Abfall wird hierbei reduziert und zugleich werden recycelte Materialquellen gefördert. Aus einem einzigen Faden wird ein dreidimensionales Einzelbauteil in seiner Gesamtheit hergestellt. Das Grundmaterial besteht dabei zu 100% aus recyceltem Garn, das aus PET-Flaschen gewonnen wird. Abfälle entfallen im Produktionsprozess, da das Material ohne Verschnitt passgenau hergestellt wird.

Der Sitzbezug des neuen Polestar 2 – alles vegan und nachhaltig.
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Ebenfalls trägt die Wein- und Fischereiindustrie zu Polestars Anspruch, nachhaltig zu agieren, bei, indem Kork und Fischernetze recycelt und in die Fahrzeuginnen-ausstattung wiederverwendet werden. Abfälle aus der Korkherstellung und sogar ganze Flaschenverschlüsse können in die PVC-Innenausstattung einfließen. Recyceltes Nylon 6, das aus weggeworfenen Fischernetzen gewonnen wird, kann zu gewebten Teppichen verarbeitet werden und wird über ein internationales Sammelnetzwerk gesammelt und somit praktisch unbegrenzt regeneriert.

Zertifiziertes Holz und olivengegerbtes Leder

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Konkurrent BMW geht offensiv mit diesem Thema um. Nachdem die Modelle i3 und i8 ohnehin schon Innenräume aus besonders nachhaltigen Materialien hatten, haben die Bayern zur CES noch einmal nachgelegt und eine Kleinserie des i3 weiter ins Grüne geschoben: Der Tisch und die Taschenablage im i3 Urban Suite seien aus geöltem Eichenholz hergestellt worden, das aus zertifizierter Holzwirtschaft stamme und das Leder im Fond sei dank Olivengerbung komplett schadstofffrei. Auch der Stoff sei nachhaltig: Er bestehe aus reinem PET-Rezyklat.

Wurde die Fußmatte bislang mit mehreren unterschiedlichen Kunststoffarten hergestellt, die laut BMW nicht wieder voneinander getrennt und wiederverwendet werden konnten, habe man diese auf eine Materialienkombination reduziert. Die Fußmatte könne jetzt nach ihrer Verwendung im Fahrzeug zu 100 Prozent wieder in den Materialkreislauf integriert werden, so der Hersteller.

Ebenfalls mit alternativen Materialien wirbt Skoda bei der Studie Vision IN, die im Februar auf der Motor Show in Delhi debütierte. Das SUV zeigt vegane Verkleidungen am Boden und Dach. Konsolen und Sitzbezüge sind aus Leder, das mit Eichenextrakten oder mit Rhabarber statt mit Chemikalien behandelt wurde. Die Fußmatten sind aus so genannten Ananasleder, das aus Blättern der Tropenfrucht hergestellt wird, so Designchef Oliver Stefani.

Grüner Geist zum Anfassen: Der Tisch und die Taschenablage im i3 Urban Suite bestehen aus geöltem Eichenholz. © Quelle: BMW AG/dpa-tmn

Öko-Einsatz soll Reputation aufpolieren

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Solche Überlegungen kommen nicht von ungefähr, sagt Designer Lutz Fügener. "Das Thema Nachhaltigkeit schwingt in den letzten Jahren sehr hoch in der Automobilindustrie", hat der Professor an der Hochschule Pforzheim beobachtet. Er glaubt, dass die Hersteller damit ihre in vielen Märkten schwindende Reputation aufpolieren wollen. Der Innenraum biete dafür ein zunehmend geeignetes Spielfeld, da er nicht zuletzt durch die Überlegungen zur Automatisierung des Fahrens viel mehr in den Mittelpunkt der Wahrnehmung gerückt sei.

"Die parallele Entwicklung von der Nachhaltigkeit der Materialien und deren Ästhetik ist schwierig." Nicht alles, was nachhaltig ist, werde auch als schön empfunden. Zudem ließen sich viele mittlerweile etwa in der Wohnung akzeptierte, alternative Materialien im Auto nicht einsetzen, weil sie zu leicht brennen oder bei einem Unfall splittern könnten oder schlicht nicht die hohen Anforderungen an die Haltbarkeit erfüllen.

Erschwerend hinzu komme, dass der oft konservativ kaufende Kunde bestimmte Vorstellungen von einem hochwertigen Interieur habe, die er meist nicht gerne ablegt, gibt Fügener den "Schwarzen Peter" an den Verbraucher weiter. "Denn die Heilige Dreifaltigkeit von Leder, Klima, Wurzelholz lebt in den Köpfen der Kunden weiter".

RND/dpa

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