Ananas, Eukalyptus, Pilze: Diese Stoffe machen die Mode nachhaltiger

  • Mode aus Kunst- und Mischfasern belastet die Umwelt und trägt zur Erderwärmung bei.
  • Die Modewelt sucht aber auch nach Alternativen.
  • Kleider aus Algen, Pilzen oder saurer Milch zeigen, dass es möglich ist, hautfreundliche und umweltfreundliche Stoffe herzustellen.
Nadine Zeller
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Geht es darum, den persönlichen CO2-Fußabdruck zu verringern, denken viele Menschen als Erstes an Flugreisen. Stichwort: Flugscham. Eine ähnlich hitzig geführte Debatte über Konsumscham fehlt bislang. Dabei ist die Textilindustrie eine der umweltschädlichsten Industrien überhaupt.

Sie emittiert mehr CO₂ als Flug- und Schifffahrtsverkehr zusammen. Die Branche recycelt ihre Produkte nur im Promillebereich und setzt massenhaft Chemikalien und Pestizide ein. Zudem hat sich der Absatz von Kleidung seit Anfang der 2000er Jahre bis jetzt verdoppelt.

Polyester-Pulli löst sich erst nach 500 Jahren auf

60 neue Kleidungsstücke kaufen die Deutschen pro Jahr. Jede Woche ein Artikel. Das meiste ist aus Polyester, gut zwei Drittel unserer Kleidung besteht daraus. Die Plastikfasern werden aus Erdöl gewonnen, sie sind stabil und langlebig. Dennoch werfen Fast-Fashion-Firmen wie H&M und Zara weiter bis zu 20 Kollektionen pro Jahr auf den Markt. Die neuesten Schnitte, Prints und Designs landen von den Laufstegen im Warenkorb und kurz danach im Müll. Bis zu 500 Jahre dauert es, bis ein Polyester-Pullover zersetzt ist.

Immer mehr Modefirmen suchen daher nach nachhaltigen Fasern. Kleider aus Lachsleder, Algen, Pilzen oder saurer Milch zeigen, dass es möglich ist, hautfreundliche und umweltfreundliche Stoffe herzustellen.

QMilk: Reißfeste Naturfaser

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Abgelaufene Milch landet üblicherweise im Abfluss. Doch die Modedesignerin Anke Domaske hat daraus eine chemiefreie und reißfeste Naturfaser hergestellt. Nachdem ihr Vater allergisch auf verschiedenste Textilien reagierte, experimentiert die gelernte Mikrobiologin mit alter, saurer Milch aus dem Supermarkt. In einem Spinnverfahren isoliert sie daraus das Milchprotein Kasein und wandelt es um in ein Biopolymer. Um es haltbar zu machen, trocknet und erhitzt sie es. Anschließend lässt sie es durch eine Art Nudel-Maschine mit sehr dünnen Löchern laufen.

Heraus kommt eine natürliche Textilfaser, die atmungsaktiv, antibakteriell und temperaturregulierend ist. Für die Herstellung hat Domaske den Green Tec Award gewonnen. Kleider aus qMilk fühlen sich auf der Haut an wie Seide. Hersteller aus den USA, Südkorea und China kaufen mittlerweile bei Domaske ein.

Veganes Leder aus Pilzen

Wer Pilze an den Füßen trägt, muss nicht zwangsläufig unter Fußpilz leiden. Er kann auch einfach zu veganem Leder von Nina Fabert gegriffen haben. Die Berliner Designerin bezieht sogenanntes Tramaleder aus Rumänien, das aus dem Zunderschwammpilz gewonnen wird. Da echtes Tierleder in der Kritik steht und Kunstleder aus Erdöl hergestellt wird, steigen zwischenzeitlich immer mehr Firmen auf botanisches Leder um.

So sieht der Zunderschwamm aus.
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Der Zunderschwammpilz wächst an schwachen Laubbäumen zu einem großen Fruchtkörper heran. Unter der Schale des äußerlich festen Knollens versteckt sich ein weiches Gewebe. Das sogenannte Trama. Pilzleder wiegt wenig und ist atmungsaktiv.

Überreste von Ananas als Ersatzleder

Neben Pilzen gibt es noch weitere Rohstoffe, aus denen man Lederersatz machen kann – zum Beispiel aus den Abfällen der Lachszucht. Aus Lachsleder von Bio-Lachsfarmen können ökologisch nachhaltige Schuhe, Lampen oder Jacken hergestellt werden. Auch die Überreste von Ananas sind für die Modebranche interessant. So stellt die spanische Firma Pinatex aus alten Ananas-Blättern Lederersatzprodukte her, andere Unternehmen entwickeln Gürtel oder Taschen aus Eukalyptusleder oder Teakleder.

Ananasblätter müssen nicht unbedingt im Abfall landen.

Auch die Gründer des italienischen Unternehmens Vegea haben einen Weg gefunden, aus Abfällen Lederersatz herzustellen. Alles, was der Endkunde nicht trinken will, also Stiele, Kerne und Schalen – der komplette Traubentrester – kommt in die „Lederproduktion“. In den Abfallbergen der Landwirtschaft steckt also ein großes Potenzial.

Lyocell aus Eukalyptus-Bäumen

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Einer der vielversprechendsten Naturfasern der nachhaltigen Modeindustrie ist Lyocell. Gewonnen wird die Faser aus dem Zellstoff nachwachsender Eukalyptusbäume. Die Hersteller lösen dazu den Zellstoff auf und verspinnen die daraus gewonnene Lösung zu Fasern, die am Ende einen festen, glatten Stoff ergeben.

Dieser wird auch unter dem Markennamen Tencel angeboten. Das Verfahren gilt als schonender als die Baumwoll-Herstellung, da weniger Wasser und Pestizide zum Einsatz kommen. Auf der Haut fühlt sich Lyocell weich an und absorbiert gut Feuchtigkeit.

Welche Textilsiegel helfen bei der Auswahl?

Textilsiegel gibt es so viele. Die strengsten und unabhängigsten Siegel am Kleidungs-Markt, die von Greenpeace mit drei Sternen ausgezeichnet wurden, lauten:

  • IVN BEST vom Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft (IVN) für eine nachhaltige und soziale Textilproduktion. Es gilt aus Sicht von Greenpeace als strengstes Kleidersiegel, denn es lässt nur Naturfasern aus Bio-Anbau zu, die komplett biologisch abbaubar sind. Jegliche Synthetik und damit auch die schlecht zu recycelnden Mischfasern sind ausgeschlossen.
  • Auch Made in Green hat die Messlatte höher gelegt. Die Fabriken unterliegen dem Nachhaltigkeits-Programm Sustainable Textile Production (STeP), das von Chemikalien über Umweltmanagement bis hin zu Arbeitssicherheit alles abdeckt. Die erlaubten Rückstände im Endprodukt sind sogar ambitionierter als bei GOTS.
  • Das „Global Organic Textile“-Siegel (GOTS) schreibt 70 Prozent Bio-Naturfasern vor, dazu dürfen bis zu 30 Prozent Recyclingfasern beigemischt werden. Kleidung mit GOTS-Siegel gibt es bei Alnatura, Avocado Store, Glore, Greenality, Hessnatur, Grüne Erde und auch bei Händlern wie Peek&Cloppenburg.
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