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Alternative zu Einäscherung und Sarg

Nachhaltig auch nach dem Tod? Warum ein Start-up Tote kompostieren will

Bei der „Reerdigung“ wird der Leichnam innerhalb von 40 Tagen zu Humus.

Berlin. Es waren die großen Themen zweier Generationen, die bei Pablo Metz zusammentrafen: „Meine Kinder – sie sind zehn und 13 Jahre alt – fragten mich: ‚Was tust du dafür, dass die Welt, wenn wir groß sind, noch in Ordnung ist?‘“, erzählt der studierte Betriebswirt. „Und dann war da meine Großmutter, die zu diesem Zeitpunkt 96 Jahre alt war: Wir kamen auf das Thema Tod zu sprechen, darauf, was danach mit dem Menschen passiert. Dabei merkte ich, dass sie mit den Möglichkeiten, die es gibt, nicht wirklich glücklich war.“

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Für Metz ein Gedankenanstoß: Er entwickelte eine Alternative zu den bisherigen Bestattungsarten – und kam damit gleichzeitig dem Wunsch seiner Kinder nach, etwas Nachhaltiges für die Welt der Zukunft zu schaffen. Daraus entstand das Start-up „Meine Erde“.

Lange Transportwege und Arzneimittelrückstände

Wenn ein Mensch stirbt, hat das auch für die Umwelt Folgen. Das beginnt bereits beim Sarg: So stammen laut dem Bundesverband Bestattungsbedarf mindestens 60 Prozent der in Deutschland angebotenen Särge aus Osteuropa. Entsprechend legen sie bis zu ihrem Einsatzort erst einmal einen langen Weg zurück.

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Gefertigt sind die Särge klassischerweise aus Holz: „Bestattung ist Ländersache“, sagt Matthias Liebler, der seit 38 Jahren als Bestattermeister arbeitet und darüber hinaus Dozent für Grabtechnik am Bundesausbildungszentrum der Bestatter ist. „In den Rechtsgrundlagen ist geregelt, welche Materialien verwendet werden dürfen – bei Särgen muss es in aller Regel Vollholz sein.“ Särge aus anderen Materialien wie Korb, Pappe oder Wolle, wie sie etwa in Großbritannien viel angeboten werden, kämen in solchen Verordnungen gar nicht vor.

Särge sind umweltfreundlicher geworden

Allerdings habe sich im Hinblick auf die Umweltfreundlichkeit durchaus etwas getan: „Bei den Särgen dürfen nur noch lösungsmittelfreie Lacke und Leime auf Wasserbasis verwendet werden“, sagt Liebler. Auch Grabsteine brauchen mittlerweile einen Nachweis über Herkunft und Produktionsbedingungen, um aufgestellt zu werden – wenn auch weniger aus Umweltgründen, sondern vor allem, um Kinderarbeit auszuschließen.

Die Kleidung der Verstorbenen hinterlässt keinerlei Spuren: „Der Bestatter ist dafür verantwortlich, dass Verstorbene nur Kleider aus Baumwolle, Leinen oder anderen Naturfasern tragen.“ Bleiben noch die Stoffe, die Tote in sich tragen und die bei der Erdbestattung ins Grundwasser sickern, insbesondere Arzneimittelreste. „Diese bleiben im Gewebe und den Gefäßen“, sagt Liebler. „Sie zu entnehmen, ist nicht möglich.“

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Einäscherung mit hohem Energieverbrauch

Und wie sieht das bei einer Einäscherung aus? Zwar enthält die Asche Schwermetalle wie Blei, Cadmium, Kupfer, Zink, Nickel, Chrom und Quecksilber, darüber hinaus anorganische Pflanzennährstoffe wie Natrium, Kalium und Phosphor, wie eine Ende 2019 veröffentlichte Studie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Auftrag des Umweltbundesamts zeigte. Allerdings seien in der Regel durch Schwermetalleinträge aus Urnen keine schädlichen Bodenveränderungen zu erwarten. Denn die Stoffe kommen natürlicherweise im Boden vor. Wichtig ist dabei nur, dass eine bestimmte Konzentration nicht überschritten wird.

Allerdings kostet die Verbrennung viel Energie in Form von Erdgas und setzt Kohlendioxid frei. Und: „Bei der Verbrennung entstehen Schadstoffe“, sagt Liebler. Diese landeten zwar in den Filtern der Krematorien – dennoch müssten manche Filtereinsätze später als Sondermüll eingelagert werden.

Körper verwandelt sich in Erde

Geht das noch nachhaltiger? Nachdem er sich mit den Umweltfolgen einer herkömmlichen Bestattung beschäftigt hatte, entwickelte Pablo Metz gemeinsam mit seinem Mitgründer Max Huesch einen Ansatz: Dieser nennt sich „Reerdigung“. „Der Körper wird dabei innerhalb von 40 Tagen zu fruchtbarer Erde“, sagt Metz, „und zwar ohne Chemie und ohne Erdgas.“ Das funktioniert wie folgt: „Wir legen den Körper unbekleidet in einen Kokon und betten ihn dort auf Blumen und Stroh.“ Der Kokon – das ist eine Art Truhe aus Metall. „Der Prozess läuft dann ohne Chemie ab, nur durch die Mikroorganismen, die jeder Mensch etwa auf der Haut oder im Darm hat. Um diesen Vorgang bestmöglich zu unterstützen, steuern wir von außen den Sauerstoffgehalt, die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit.“

Wenn Pablo Metz und sein Team nach fast sechs Wochen den Deckel der Truhe öffnen, finden sie nur noch Humus darin. Im Prinzip wird der Tote kompostiert – auch wenn Pablo Metz lieber das Wort „Transformation“ verwendet. Dass der Zeitraum genau 40 Tage umfasst, ist kein Zufall: „Zwar dauert Zu-Erde-Werdung etwa so lange. Aber die 40 Tage passen sich gut in bestehende Traditionen ein“, sagt Metz. So spielt die Zahl in der christlichen Religion eine große Rolle, etwa mit der Dauer der Fastenzeit oder dem Sechswochenamt, das das Ende der ersten Trauerphase für Hinterbliebene markiert.

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Erde darf nicht mit nach Hause genommen werden

Bei einem 80 Kilogramm schweren Menschen entstehen so rund 100 Kilogramm Erde. Die Qualität hat Pablo Metz untersuchen lassen. „Die Erde hat eine Kompostgüteklasse von A+“, sagt er. Mit nach Hause nehmen dürfen die Hinterbliebenen sie zwar nicht – denn auch das von Metz entwickelte Verfahren unterliegt dem Bestattungszwang, der vorsieht, dass die Überreste eines Verstorbenen auf dem Friedhof bleiben müssen.

Aber die Erde landet schließlich auf dem Friedhof. „Darauf dann etwa einen Baum oder einen Rosenbusch zu pflanzen – und damit der Gedanke, dass der Verstorbene im Kreislauf der Natur bleibt – das spendet den Hinterbliebenen viel Trost. Das ist das Wichtigste: Der letzte Schritt im Leben soll sich richtig anfühlen.“

Bisher ist das Ganze nur ein Pilotprojekt: Ende März fand die erste Reerdigung statt. Bei größerer Nachfrage muss man sich aktuell noch auf eine Absage einstellen. Aber in Zukunft plant Metz, sogenannte „Alvarien“ mit mehreren Kokons im gesamten Bundesgebiet zu errichten.

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