Müslimilch ist der neueste Food-Hype

Die Amerikaner haben ein lässiges Verhältnis zu üppigen Nachspeisen. Kein Wunder, dass selbst Erwachsene Trost bei bunten Keksen suchen – oder Milch mit dem süßem Geschmack von Frühstücksflocken.

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Hannover. Yasmin Newman ist eine mutige Frau. Die australische Foodjournalistin gibt in ihrem jüngsten Buch „New York Desserts“ (Gräfe und Unzer) Ratschläge, wie man es schaffen kann, möglichst viele Nachtische an einem Tag zu essen. Dabei ist Zucker doch der Erzfeind der mühsam erarbeiteten Vernunftgesellschaft.

Die Amerikaner aber scheren sich nicht darum. Sie haben ein lässiges Verhältnis zu Süßem. Ach was, sie lieben es. Warum auch sonst sollten sie ihren Nächsten genussorientierte Kosenamen wie “Honey“ oder “Sugar“ geben, während die Deutschen kontrolliert und besitzorientiert “Schätzchen“ sagen? Die Amerikaner bekennen sich zu ihrer Maßlosigkeit.

Es gibt eine Eisfirma, die berühmt für den Slogan “Von allem zu viel“ ist. Alles ist in diesem einen Fall sogar bio. Aber für die Deutschen, deren Lieblingseissorten auch im Sommer 2018 wieder Vanille gefolgt von Schokolade und – fast schon verwegen – Stracciatella sind, mutet die Mischung der Firma aus Eis, Keksen, Schokolade, Karamell, Erdnussbutter, Kuchen und so weiter geradezu eklektizistisch an.

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Geborgenheit to go

Die Amerikaner aber sagen: Warum soll ich nur Schokolade nehmen, wenn ich alles haben kann? Die New Yorker sind besonders liberal: Sie mischen alles. Nutella in russischen Hefezopf oder geschmolzene Marshmallows mit Schokolade in Crackern. Wer’s mag, nimmt zu allem noch bunte Streusel dazu.

Es ist also keine Überraschung, dass der Erfinder des wohl berühmtesten Hybridfoods der Welt in New York lebt: Dominique Ansel. Newman hat seine Bäckerei mehrmals besucht. Bei Ansel schließlich gibt es nicht nur den weltweit gehypten Cronut (ja, genau, Croissant + Doughnut = Cronut), sondern auch in Becherform gebackene Kekse, die mit einer sehr flüssigen Vanillecreme gefüllt sind.

Das ist doch ein tröstlicher Gedanke: Offenbar ist es im Big Apple ganz normal, sich in einem Café ein Glas Milch mit Keksen zu bestellen. Geborgenheit to go, zuzusagen. Man stelle sich das mal vor: Da kommt der Investmentbanker nach dem Verkauf von ein paar Cum-ex-Papieren an ein ahnungsloses Ehepaar in die Konditorei, um all das Böse zu vergessen. Ein Oatmealcookie, ein Glas Milch und die Welt ist wieder in Ordnung. Das ist in etwa so, als würde man mal kurz bei Mama auf dem Schoß sitzen.

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Cereal Milk besteht aus Milch, Cornflakes, etwas Zucker und Salz – und kann daher auch problemlos selbst hergestellt werden.

Wer einen Tisch im Momofuku ergattert, findet auf der Karte eine ganze Reihe Trost mit bunten Streuseln. In der jüngsten Staffel der Netflix-Doku “Chef’s Table“ kann man Inhaberin Christina Tosi dabei zusehen, wie sie ihren berühmten Geburtstagskuchen backt, der in allen Farben des Regenbogens leuchtet: ein Teig, gefüllt mit Keksteigkugeln, Zuckerperlen, verziert mit rosa Creme. Wir zählen besser nicht, wie viele Kalorien ein solcher Kuchen hat.

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Die größte Erfindung Tosis aber ist die Cereal Milk, eine Art Müslimilch, nur eben ohne Müsli. Sind die Flocken erst mal eine Runde in der Milch geschwommen, nimmt diese das Aroma von Smacks, Crunchy Nuts oder Froot Loops an. Der Mensch, der sie genießt, kann unendlich faul sein. Er bekommt den vollen Geschmack, ohne einen einzigen Kaumuskel in Bewegung zu setzen.

Natürlich macht das dick. Doch probieren Sie es aus. Sieben Sie den Rest ihrer Müslimilch einfach probehalber in eine Flasche für unterwegs. Der Inhalt tröstet später im Büro über manchen Ärger hinweg. Oder aber darüber, dass in Ihrem Kuchen nur Kuchen und nicht auch noch Keksteig war.

Von Dany Schrader