Morgens Aldi, abends Singen - So verläuft ein typischer Corona-Tag

  • Allmählich groovt sich Deutschland ein. Eine gewisse Corona-Routine hält Einzug.
  • Aber es gibt ein paar feste Termine zu beachten: Aldi, Drosten-Podcast, gemeinsames Singen – bloß nichts verpassen!
  • Imre Grimm zeichnet in Folge 61 seiner RND-Kolumne einen typischen Corona-Tag nach.
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So. Die Keller sind voll, die Tage sind leer. Die Hamsterrepublik Deutschland hat sich eingedeckt. Nun gilt es, die Zeit sinnvoll zu füllen. Aus dem Chaos der letzten Wochen schält sich ein neuer Corona-Alltag heraus. Die ersten Erkenntnisse nach zehn Tagen Homeoffice:

1. Es ist nicht möglich, zu viel Nudeln mit grünem Pesto zu essen.

2. Skype und die deutsche digitale Infrastruktur passen etwa so gut zusammen wie die FDP und die Kanzlerschaft.

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3. Die Familie als Keimzelle der Gesellschaft hat als Glückskonzept Grenzen.

Und 4. Es ist nicht klug, den Mangel an körperlicher Aktivität durch hochfrequente Kurzspaziergänge vom Schreibtisch zum Kühlschrank zu kompensieren. Merke: Mit der Homeoffice-Plauze, die du dir jetzt anfutterst, ist es wie mit den Schulden, die der Staat gerade macht: Beides wirst du im Leben nicht mehr los.

Der Tag ist voll mit wichtigen Corona-Terminen

Jetzt sei die Zeit für Muße und Kontemplation, heißt es überall. Diverse Experten für sinnvolle Zeittotschlagung empfehlen, man möge die Stunden doch bitte nutzen, um sich nach Kräften auf die wirklich wichtigen Dinge des Lebens zu besinnen. Dieser Corona-Break biete doch Anlass genug, statt wie sonst Schönheit und Sozialkontakte mal das eigene Innenleben zu pflegen. Schönheit sei ohne Sozialkontakte eh überflüssig. Und Sozialkontakte ohne Freigang sind unmöglich. Also sind wir gehalten, mal wieder über die Welt nachzudenken und ein Buch zu lesen.

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Kurze Frage: Wann denn bitte?? Der Tag ist doch bis obenhin voll mit Corona-Content. Ein kurzer Überblick über die wichtigsten Tagespunkte:

  • 7 Uhr: Aldi öffnet. Zeit, sich in die angstschweißumwölkte Menschentraube vor der Schiebetür einzureihen. Und nicht vergessen: zwei Meter Abstand. 7 Uhr. Der Jagdinstinkt verengt die Augen zu Schlitzen, die Muskeln sind angespannt. Jetzt ist die Zeit, den Tomatenbefühlerinnen zu zeigen, wie man Beute macht. Das hier ist keine Übung. Dafür haben wir trainiert. Denn der Besitz von Klopapier ist nur ein Symbol für die Fähigkeit, die Reinlichkeit der eigenen Sippe gegen die drohende kulturelle Verrohung zu verteidigen. Es ist eine Frage des Stolzes, auch angesichts einer globalen Katastrophe nicht auf Breitwegerich und Mammutblatt angewiesen zu sein.
  • 9 Uhr: Die Onlineturnstunde des Basketballvereins Alba Berlin startet. Das bietet mir die Gelegenheit, mich auf dem Sofa ausgiebig von den Mühen der Kulturverteidigung bei Aldi zu erholen, während die Kinder mal kurz die “Bibi & Tina”-CD anhalten, um zu turnen.
  • 11.30 Uhr: Die tägliche “Sendung mit der Maus” im WDR Fernsehen beginnt. Eine feine Idee gegen die schleichende Verblödung durch kulturelle Vereinzelung und gegen die drohende Implosion unterbeschäftigter Kinder. Denn am späten Vormittag ist sonst üblicherweise die Zeit, zu der ich meinen Sohn erstmals am Tag nicht mehr “Sohn” nenne, sondern “Neffe meiner Schwester”. Die “Maus” holt uns allesamt wieder auf den Boden der Tatsachen. Wussten Sie, dass Ohrenkneifer Flügel haben? Und wussten Sie, dass sie ein bisschen uncool sind, weil sie diese Flügel nämlich mit der Kneifzange am Hintern in Form streichen müssen, um zu fliegen? Das ist doch wie ein Cabriofahrer, der sein Verdeck mit der Hand öffnen muss.
  • Mittagszeit: Ein spannender Moment an einem Corona-Tag. Denn in diesen Minuten erscheint die tägliche neue Ausgabe des Podcasts “Coronavirus-Update” mit Prof. Dr. Christiaaaaan (und jetzt alle!) “DROS-TEN!” – dem Chef der Virologie der Charité. Seien wir so ehrlich: Bis zu Corona wussten die meisten von uns nicht, dass es eine Virologie gibt. Und ob die Leute dort Virolisten, Viratiker oder Viromateure heißen. Und was die dort so treiben. Das wissen wir zwar immer noch nicht, aber es gibt niemanden, der es so schön zu erklären versucht wie Dr. Drosten. Sein Markenkern ist die totale Versachlichung. Sein immer gleicher, honigwarmer Erzähltonfall ohne jede Kulanz in Sachfragen wirkt wie ein Laudanum auf die erregte Seele. Wie damals bei Bob Ross, dem Fernsehmaler, nur ohne Ölfarben. Niemand sagt so schön “Ionen-Milieu” oder “Transmembran-Protease” wie Dr. Drosten. Dafür sagt er am Ende nicht “Happy Painting – and god bless, my friend!”
  • 15 Uhr: Die Stunde der Zahlen. Crunch-Time bei den Mitarbeitern der Gesundheitsämter von Städten und Landkreisen. Jetzt ist die Zeit gekommen, in der sie die Daten über neue Corona-Fälle, die laut “Spiegel” oft noch per Fax (!) aus den entlegenen Weilern des Vaterlandes in den Marktflecken eingetroffen sind, per Hand (!) in ein Meldesystem einpflegen, das die Landesbehörden dann auslesen und den Inhalt in eine eigene Datenbank importieren, bevor sie die Statistik ans Robert-Koch-Institut übertragen. Die ohnehin schon nicht atemberaubende Geschwindigkeit des Informationstransfers liegt am Wochenende allerdings in einigen Regionen bei null, weshalb die Montagszahlen des Instituts gewisse statistische Anomalien aufweisen.
  • 18 Uhr: Es beginnt nun der Tagesabschnitt des kollektiven Niedersingens der Corona-Schwermut. Alle Deutschen sind zunächst gehalten, um 18 Uhr in “länderübergreifender Verbundenheit” das Lied “Amazing Grace” zu singen. So zumindest empfiehlt es eine Psychologin und Rednerin aus der Schwäbischen Alb. “Deine Gnade wird uns heimwärts führen”, heißt es da – obwohl wir doch eigentlich längst heimwärts geführt sein sollten. Nicht repräsentative Umfragen in meinem Bekanntenkreis haben ergeben, dass es in der Bevölkerung noch Wissenslücken über die Aktion gibt. Das liegt an der Flut von Konkurrenzvorschlägen zum gemeinsamen Musizieren gegen die Krise. Deutlich populärer ist zum Beispiel die folgende Initiative:
  • 19 Uhr: Gemeinsames Singen von “Der Mond ist aufgegangen” auf Anraten der Evangelischen Kirche – nach dem feinen Vorbild jener Italiener und Spanier, die sich in häuslicher Isolation gegenseitig singend aufmuntern. Doch die Evangelische Kirche hat, dem protestantischen Arbeitsethos folgend, einen fiesen Trick eingebaut: Zu singen sind nicht nur die bekannten Strophen 1, 2, 3 und 7, sondern auch die drei mittleren, die abgesehen von einem greisen Mütterlein aus dem Alten Land bisher niemandem geläufig waren. Wir erinnern uns – nicht: “Wir stolzen Menschenkinder”, dann “Gott, lass dein Heil uns schauen” und schließlich “Wollst endlich sonder Grämen”. Das ist Corona-Balkonsingen unter erschwerten Bedingungen. Aber das Netz ist voll von Beweisen: Es funktioniert trotzdem.
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Und jetzt wird es stressig im Corona-Alltag, denn nun beginnen ungefähr 64.972 Wohnzimmerkonzerte gleichzeitig. Der hiesige Abend ist quasi die Festivalsaison des Corona-Tages. Einer der populärsten Musiker in der Disziplin Twitter-Livekonzert ist der Pianist Igor Levit:

  • 19 Uhr: Twitter-Livekonzert von Igor Levit. Dem Musiker gelingt es regelmäßig, zauberhafte Momente im Irrsinn zu schaffen. Das muss man erst mal schaffen, wenn nebenan Billie Eilish, Elton John, Alicia Keys und die Backstreet Boys singen.
  • 20 Uhr: Das kulturell-virtuelle Beisammensein wird nur kurz unterbrochen von der 20-Uhr-“Tagesschau” mit der rituellen Bekanntgabe der Epidemiestatistiken sowie der anschließenden ARD-Sondersendung “ARD Extra”. Beide sind natürlich Pflichttermine im Corona-Alltag. Und beide sind redlich bemüht, den Tag so zusammenzufassen, dass man sich als Corona-Eremit zwar informiert, aber nicht desillusioniert fühlt. Das ist angesichts der Nachrichtenlage nicht einfach, aber immerhin ist in der “Tagesschau” auch ziemlich oft Prof. Dr. Christiaaaaan (und jetzt alle!) “DROS-TEN!” zu hören. Das tröstet. Sollte der Nachrichtenstand allzu frustrierend gewirkt haben, hat die Deutsche Evangelische Allianz exakt fünf Minuten nach Ende der “Tagesschau” einen weiteren deeskalierenden Tagesordnungspunkt in den Corona-Tag integriert, und zwar:
  • 20.20 Uhr: tägliches gemeinsames Beten. Das Gebet sei in der aktuellen Situation “das Erste und Wichtigste”, heißt es in einem Schreiben der Allianz. Über die Priorisierung kann man streiten, nicht aber über die Tatsache, dass Beten vielen Menschen hilft.
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Ist damit der Corona-Tag beendet? Nicht doch. Einer der wichtigsten Vorgänge steht noch aus – der kollektive Dank an Angehörige systemrelevanter Berufe. Ihnen schlägt allerorten große Sympathie und Anerkennung entgegen. Man unterwirft in diesem Land freilich auch gern Respektsbekundungen einem klaren Zeitplan, statt sich anlassbezogen spontan hinreißen zu lassen, und so hat sich folgender finale Tagesordnungspunkt in der Corona-Agenda etabliert:

  • 21 Uhr: “Klatschen und Topfschlagen” für die Mitarbeiter in Krankenhäusern, Supermärkten, Speditionen, Lieferdiensten, bei Polizei und Feuerwehr. Das ist eine begrüßenswerte Initiative. Nur über die Uhrzeit könnte man sich mal verständigen. Denn die Idee, sich nach einem langen, pausenlosen Tag im Kreise der Lieben, nach vollständiger Absolvierung aller Corona-Pflichttermine des Tages (s. o.), wenn die kleinen Kinder endlich ausgetobt, satt und trocken schlummernd in ihren Betten liegen, mit zwei Topfdeckeln ans Fenster zu stellen, um pünktlich um 21 Uhr den ganzen Laden mit fürchterlichem Rabatz wieder in einen Hexenkessel zu verwandeln, ist dem häuslichen Frieden nicht dienlich.

Dann jedoch haben Sie Ihre Pflicht als Corona-Isolationist erfüllt. Sie sind informiert. Sie sind deeskaliert. Sie haben gekämpft, geturnt, gelernt, gesungen und geklatscht. Sie dürfen nun an den Schreibtisch zurückkehren, um im Homeoffice das zu erledigen, wozu Sie den ganzen Tag nicht gekommen sind. Aber denken Sie daran: Sie müssen früh ins Bett. Morgen um 7 Uhr macht Aldi auf.

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