Möbeldesign aus dem hohen Norden: “Aus wenig wird viel”

  • Skandinavisches Möbeldesign ist international begehrt.
  • Die Designer Gabriella Gustafson und Mattias Ståhlbom haben mit dazu beigetragen.
  • Im Interview erzählen sie, welchen Stellenwert Nachhaltigkeit beim Möbeldesign einnimmt.
André Anwar
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Warum ist skandinavisches Design international so beliebt?

Ståhlbom: Design aus Skandinavien orientiert sich sehr an Funktionalität, an der praktischen Nutzbarkeit und leichter Zugänglichkeit, durch einfach gehaltene Ästhetik aus soliden Naturmaterialien. Auch das Thema Nachhaltigkeit ist bei skandinavischen Designern schon lange Thema. Naturmaterialien wie Holz aus den nordischen Wäldern sind schon immer zentral gewesen. Man macht einen großen Bogen um Künstliches. Diese zentralen Werte kommen auch international gut an.

Woher kommt das Bodenständige und die Liebe zur Natur?

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Ståhlbom: Die Menschen in Schweden etwa waren lange recht arm, geprägt vom ländlichen Leben im kalten nordischen Klima. Fast alles war aus einfachem Holz, auch die Häuser. Deutschland war vor hundert Jahren schon viel weiter entwickelt. Bei uns herrschte lange Pragmatismus bei knappen Ressourcen. Das hat sich vielleicht aufs Design übertragen.

Ihr habt zusammen an der Stockholmer Konstfack Innenarchitektur und Möbeldesign studiert und in Stockholm euer Studio TAF gegründet. Von dort aus habt ihr die Welt erobert. Wie fing das alles an?

Ståhlbom (lacht): Wir haben die Räume einer ehemaligen Bäckerei übernommen. Wir waren damals zehn Leute, die sich die Bäckerei zum Arbeiten geteilt haben. Wir wollten irgendwie Design wie das tägliche Brot liefern. Unsere Sachen sollten das alltägliche Leben begleiten, aber Gewöhnliches mit unseren Formen weniger gewöhnlich machen.

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Was ist heute eure Philosophie?

Gustafson: Sie knüpft noch immer dort an. Es geht um Wiedererkennung. Wenn der Nutzer sich an etwas aus seiner Vergangenheit oder auch seinem täglichen Leben erinnert, ist das auch integrativ. Wir arbeiten mit Referenzen des Alltäglichen. Da tauchen Eisstiele auf oder der Volumenknopf einer Stereoanlage, und ein Sofa hat die Form einer Badewanne. Auch widmen wir uns dem Funktionalismus. So haben wir eine Lampenserie kreiert, die an die Dreißigerjahre erinnert. Wir haben String-Wandregale gemacht und einen Armsessel. Alte Zeiten werden von uns neu interpretiert.

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Wie lasst ihr euch inspirieren?

Gustafson: Es ist recht zufällig, was wir finden. Wir sammeln alle mögliche Gegenstände und haben unsere Referenzbibliothek im Studio als Inspirationsquelle. Einmal hat ein Praktikant ein paar für uns so wertvolle Sachen weggeworfen, als er sauber machen sollte. Er dachte, es sei einfach Müll. Es ist aber viel besser, Inspirationen physisch im Studio zu haben, statt nach Dingen im Internet zu suchen.

Könnte man eure Designphilosophie laienhaft als Retro oder Postretro bezeichnen?

Ståhlbom: Na ja, wenn man nur etwas macht, was man wiedererkennt, ist es nur Retro. Wir setzen stattdessen Bekanntes in neue Zusammenhänge. So haben wir etwa den Knopf einer Stereoanlage in unsere Standlampe „Wood Lamp“ integriert. Wir fanden einfach, das schöne Gefühl am runden, etwas schweren Metall-Lautstärkeknopf an einer alten Stereoanlage zu drehen, ist unschlagbar.

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Wenn ihr für Großunternehmen Möbel gestaltet, wie läuft das ab?

Gustafson: Manchmal werden wir angewiesen, genau das und das zu machen, mit ein wenig Spielraum. Manchmal fällt uns selbst was ein, von dem wir denken, dass es der Welt noch fehlt. Dann lassen sich die Kunden überzeugen. Zum Teil geht es auch um stark limitierte Produktionen, die etwas spezieller sind. Viele unserer Produkte entstehen auch in räumlichen Projekten als Ergänzung. Raum und Einrichtungsgegenstand hängen ja eng miteinander zusammen.


Kann man es in Bezug auf Klima- und Umweltschutz heute noch rechtfertigen, neue Einrichtungsobjekte zu erschaffen, in großer Stückzahl zu produzieren und um die Welt zu schicken?

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Gustafson: Wir machen viel für Ausstellungen und Messen. Auch das ist leider zumindest kurzfristig sehr material- und transportintensiv. Bei Ausstellungen geht es aber nicht um eine große Menge, sondern um Einzelstücke und vor allem die Idee dahinter. Da ist die Umweltfrage nicht so gravierend wie bei der Massenproduktion.

Ståhlbom: Wir bemühen uns generell, so wenig Material wie möglich zu verbrauchen. Und das sieht man auch im zurückhaltenden Design. Wir haben eigentlich schon seit Beginn unseres Wirkens in den Neunzigerjahren versucht, aus so wenig wie möglich so viel wie möglich zu machen. Wir versuchen auch aktiv, unsere Produzenten zu beeinflussen, bezüglich der Größe von Paketen und dem Transport. Wir wollen, dass unsere Möbel reparierbar sind, und unsere Sachen sind qualitativ sehr hochwertig entworfen und gebaut, sodass sie sehr lange halten. Unsere Stücke sollen über Generationen vererbt werden können.

Wie sieht das Design der Zukunft aus?

Gustafson: Es wird in der Zukunft noch mehr um Nachhaltigkeit gehen. Möbel wegzuwerfen ist nicht mehr der Weg.


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