Mit dem Nachthemd auf die Dinnerparty

  • Statt in Kneipe oder Club finden abendliche Treffen mit Freunden im virtuellen Raum statt.
  • Pyjamas und Nachthemden haben nun auch außerhalb des Betts ihren großen Auftritt.
  • Die Branche reagiert darauf.
Kerstin Hergt
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Schlaf schön. Das Soho House in der Berliner Torstraße gilt als exklusiver Club, in dem sich in pandemiefreien Zeiten Kreative zum Sehen und Gesehenwerden treffen. Musiker, Künstler und Medienschaffende sind Mitglieder. Chris Glass, gebürtiger US-Amerikaner, ist als „Membership Director“ sozusagen ihr Gastgeber. Der Experte für Inneneinrichtung und Eventhosting weiß, wie man stilvolle Partys gibt. Sein Credo: Lässigkeit. Nun ruht auch im Soho House das Nachtleben. Doch Glass‘ ultimativer Tipp, wie man Freunde und Bekannte empfängt, ist heute aktueller denn je: im stylischen Pyjama.

Glass‘ Ratschlag bezieht sich auf die perfekte Garderobe für eine Dinnerparty, nachzulesen in dem 2018 erschienenen Styleratgeber „Woher hat sie das? Modelieblinge für jeden Anlass“ (Callwey) von Bloggerin und Autorin Marlene Sørensen, die selbst auch gern mal öffentlich im Seidenpyjama aufschlägt. Was viele vor der Pandemie vielleicht für ein vollkommen unpassendes Outfit gehalten haben, kommt jetzt groß raus. Da Kneipen-, Club- und Restaurantbesuche bis auf Weiteres nicht möglich sind, können abendliche Treffen allenfalls im virtuellen Raum stattfinden. Doch was zieht man an, wenn man sich schon tagsüber in Hoodie und Jogginghose durch den Homeofficealltag laviert hat und die Sweatpants sozusagen die Bürokleidung ausmachen? Mehr Downdressing geht eigentlich kaum. Andererseits erscheint es als unverhältnismäßiger Aufwand, sich in Partyklamotten zu schmeißen – zumal beim Videocall eh nur der Oberkörper zu sehen ist. Was bleibt, um auch in modischer Hinsicht den Feierabend einzuläuten, aber trotzdem schick auszusehen, ist: der stylische Pyjama. Die Wäscheindustrie hat darauf bereits reagiert.

Leuchtende Farben und verspielte Details

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Die Schweizer Marke Calida verspricht zwar „glamorous nights“ mit weißen Baumwollnachthemden. Doch solche Modelle machten bereits im vergangenen Sommer als luftig-leichte Kleideralternative an heißen Tagen in den sozialen Medien Furore. Die Chancen stehen angesichts des allgemeinen Trends zu weißen Kleidern mit Spitze und Rüschen gut, dass das „Nigthgown Dress“ auch diesen Sommer wieder groß rauskommt. „Nicht nur zum Schlafen geeignet“ ist eigenen Angaben nach auch die floral gemusterte Sleepwear des in New York ansässigen Labels der kanadischen Designerin Tanya Taylor. Vielmehr eigneten sich die Modelle beispielsweise auch für eine frühe oder späte „Zoom“-Konferenz, heißt es auf der Website. Die Marke steht für leuchtende Farben und verspielte Details. Taylors Nachtwäschekreationen machen zwar nur einen kleinen Teil der Kollektion aus, sind dafür aber nicht weniger Aufsehen erregend als die betont femininen Kleider im Programm, die auch die ehemalige First Lady Michelle Obama schon getragen hat. Über allem steht größtmöglicher Wohlfühleffekt – ohne dabei an Eleganz zu sparen.

Stoff aus dem Träume sind: Das Label Olivia von Halle (links). © Quelle: Foto: Hersteller

Eine, die diesen Spagat ebenfalls perfekt beherrscht, ist die Britin Olivia von Halle. Ihr gleichnamiges Londoner Label steht für luxuriöse, vom Hollywood der Zwanzigerjahren inspirierte Seidenpyjamas und Slip Dresses, die fast zu schade dafür sind, um sie unter der Bettdecke zu verstecken. Tatsächlich will die Designerin, zu deren Fans prominente Diven wie Jennifer Lopez und Rihanna zählen, mit ihren Entwürfen weniger für angenehme Nächte sorgen, sondern vielmehr „den Alltag aufwerten“. Farben und Prints mit exotischen Blumen und Tieren laden ein zum Abtauchen wie in ein reich bebildertes Märchenbuch – ideal zum Gutenachtgeschichtenaustausch mit anderen.

„Glamour und ist nebenbei bequem“

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Traditionsreiche Wäschehersteller wie die deutschen Marken Triumph und Mey geben sich bei Nachtwäsche eher bodenständig. Triumph, beheimatet in Baden-Württemberg, hat mit seiner „Homewear-Kollektion“ textile Zwitter zwischen Sport-, Couch-, und Schlafbekleidung im Angebot. Nach dem Prinzip „Mix and Match“ lassen sich zur Baumwollhose mit elastischem Bund unterschiedliche Oberteile kombinieren. Die Marke Mey bedient mit ihrer „Serie Homeoffice“ ebenfalls den Lebensbereich zwischen Bettkante, Schreibtisch und Luftschnappen vor der Haustür. Die „Loungewear“ wiederum umfasst auch Pyjamas, die zwar aus Jersey sind, aber zum Teil in ungewöhnlichen Farben wie „Aronia“ und mit exotischen Aufdrucken daherkommen. Bei den Herren dominieren Grau und Blau. Mit smarten Zweiteilern, die laut Mey das Starten eines Einschlafpodcasts möglich machen, sollen sie auch noch stärker für Nachtwäsche begeistert werden. Schlafanzugmuffel seien die Männer aber grundsätzlich nicht, sagt Silvia Jungbauer vom Verband Gesamtmasche, in dem sich die deutsche Maschenindustrie, also Hersteller von Nacht- und Unterwäsche, zusammengeschlossen haben: Deutsche Männer hätten beim Eindecken mit Nachtwäsche in den vergangenen Jahren deutlich aufgeholt.

Insgesamt sei vor allem der stationäre Handel im Bereich Wäsche aufgrund des Lockdowns „in schlimmer Bedrängnis“, sagt Jungbauer: Die Einbußen seien sehr schmerzhaft. Aber sie schöpft auch Hoffnung aus den „veränderten Konsumpräferenzen der Kunden, hin zu mehr Komfort“. Beim Verband hat man seit dem Corona-Ausbruch einen „Trend zu hochwertiger, schickerer und dennoch bequemer Nachtwäsche und Loungewear“ ausgemacht. Jungblut betont: „Bei aller Casualisierung möchten die Menschen zu Hause komfortabel, aber gleichzeitig attraktiv gekleidet sein.“ Und da ist ein stylischer Pyjama genau richtig, denn er hat laut Glass „Glamour und ist nebenbei bequem“.

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