Mini-Me: Wenn Kinder zum Modeaccessoire ihrer Eltern werden

  • Immer mehr Luxusmodelabels haben Kollektionen für Kinder im Programm.
  • Die Outfits wirken oft wie zu klein geratene Kleidung für Erwachsene – und sind selten alltagstauglich.
  • „Das ist nicht kindgerecht“, sagt eine Expertin.
Helene Kilb
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Es sind etwas befremdliche Bilder, die einem unter der Rubrik „Kinder“ im Burberry-Webshop begegnen: Ein Foto zeigt ein dunkelhäutiges Mädchen, das mit leicht geöffnetem Mund und ausdruckslosem Blick in die Kamera schaut und ein Bild einer übergroßen Motte in der Hand hält. Es trägt den Klassiker des Labels, einen beigefarbenen Trenchcoat. Das Bild daneben zeigt einen etwa dreijährigen Jungen mit akkurat gegeltem roten Haar in schwarz-weißem Collegejäckchen. Weiter unten sitzt ein verloren wirkender Säugling in einem kurzärmligen hellblauen Dress, auf dem Boden unter ihm liegen Bilder von Landschaften, Essen und Insekten. Nach einer fröhlichen Kindheit, wo gerannt und geklettert, gerangelt und gelacht wird, sieht das nicht gerade aus.

Neben Burberry, laut einem Ranking des Luxusretailers Luisa Via Roma derzeit eine der beliebtesten Designermarken für Kindermode, haben auch andere Labels wie Armani, Balmain, Givenchy, Fendi oder Moncler das Potenzial von Kinderkollektionen entdeckt. Denn was gibt es Lukrativeres als Kundinnen und Kunden, die schon nach wenigen Wochen oder Monaten aus ihren Kleidern herauswachsen und dann wieder neuen, teuren Nachschub benötigen?

Dazu kommt, dass bei vielen Eltern die Lust am Ausstaffieren zu wachsen scheint. Ein Extrembeispiel sind Reality-TV-Star und Influencerin Kim Kardashian und ihr Nochehemann Kanye West, die ihre Tochter North bereits als Kleinkind mit Kleidern und Handtaschen im Wert von einer Million Dollar ausgestattet haben.

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Das Kind wird so unweigerlich zum schmückenden Beiwerk. Ist das verwerflich?

„Schlimm ist, wenn Kleidung dem Kind suggeriert, dass es nicht mehr Kind sein darf“

„Ich würde das per se nicht verurteilen“, sagt die deutsche Designerin Anja Gockel. Sie entwirft zwar selbst keine Kindermode, hat aber als Mutter von vier Kindern genug Erfahrung damit. „Das Kind kann ja nichts dafür, dass die Eltern das Geld zur Verfügung haben und glauben, es in dieser Hinsicht verwenden zu müssen“, sagt Gockel. Dem Kind bringe das aber erst mal gar nichts. „Ich finde es nicht schlimm, wenn Marken Kindermode machen“, stellt die Designerin mit Atelier in Mainz klar, „solange sie denn noch Kindermode ist. Schlimm ist es, wenn ein solches Kleidungsstück dem Kind suggeriert, dass es nicht mehr Kind sein darf.“ Wenn man locker mit Luxusmode für Kinder umgehe und es hinnehme, dass auch eine Hose für 300 Euro mal ein Loch oder einen Fleck abbekomme, sei das kein Problem.

Der Mini-Me-Trend auf Instagram und Co. – Wie kindgerecht ist das?

Kritisch sieht Anja Gockel, die einst für Vivienne Westwood gearbeitet hat und heute prominente Frauen wie Königin Silvia von Schweden oder Barbara Schöneberger ausstattet, den Mini-Me-Trend. Dabei tragen Eltern und Kinder die gleichen Looks. Das Übertragen von Erwachsenenschnitte auf kleine Größen ist keine Seltenheit bei namhaften Designern: etwa bei dem klassischen Burberry-Mantel. Das Label Moncler hält für Säuglinge und Kinder jeden Alters fast ausschließlich Kleidungsstücke im typischen Blau, Weiß oder Rot der Marke bereit und bei Karl Lagerfeld gibt es online die Rubrik „Mini-Me“, in der sich praktisch nur Hosen, Shirts, Schuhe und Accessoires in Schwarz und Weiß finden. Damit sticht das Kind garantiert aus jeder Spielgruppe heraus. Aber fühlt es sich mit dieser Kleidung auch wohl?

Allzu oft erscheint der Nachwuchs bei Modellen von Luxuslabels als kleine Kopie von Mama oder Papa. Oder das Kind erweitert den Look der Eltern – quasi als besonders exklusives Accessoire, geschmückt mit den Logos und Farben namhafter Designer. „Das ist nicht kindgerecht“, sagt Gockel.

Mode für Kinder: Auch bei Kleidung für die Kleinen spielt Nachhaltigkeit eine Rolle

Für sie selbst als Modeschaffende und Mutter war und ist Nachhaltigkeit nach wie vor das Wichtigste. „Da gehört dazu, dass die Kleider möglichst aus Naturmaterialien bestehen und nicht chemisch behandelt wurden“, sagt sie. Zudem sollten sie fair und nachvollziehbar produziert sein. „Ich bin immer zum Kinderladen in der Stadt gegangen, weil ich denke, dass solche Läden die nachhaltigste Struktur haben.“ Die Inhaber würden die Marken kennen und Wert auf europäische Produktion legen. Auf den Schulbasaren ihrer Kinder habe sie zudem Secondhandkleidung gekauft.

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Den Nachwuchs selbst über den Kleidungsstil entscheiden lassen

Ab einem gewissen Alter ließ Gockel zudem ihre Kinder beim Kleiderkauf selbst entscheiden. „Wehe mir, ich habe es anders gemacht“, sagt sie und lacht. Und zum Teil hätten die Kinder Kleidungsstücke nacheinander getragen. „Das geht auch bis heute so“, erzählt sie, „da kommt die Älteste und sagt: ‚Ich habe meinen Schrank ausgemistet, wer will?‘“ So manches Teil findet dann einen Abnehmer.

Auch wenn es darum ging, ihre Kinder für den Kindergarten oder die Schule anzuziehen, war Gockel eher praktisch. „Obwohl ich in der Modebranche arbeite, bin ich als Mutter kein eitler Mensch“, sagt sie. Ihren Kindern habe sie daher die Freiheit gelassen, morgens das anzuziehen, was ihnen gefiel. Meist ergebe sich eine solche Eigenständigkeit im Grundschulalter, könne aber genauso gut früher oder später der Fall sein. „Ich würde dabei zu hundert Prozent auf das Kind vertrauen“, sagt sie. „Mein jetzt 18-jähriger Sohn hat sich schon mit zwei Jahren selbst angezogen“, erzählt sie. „Manchmal kam er dann halt mit wüsten Kombinationen daher.“ Ihr zufolge stärkt aber gerade so etwas die Selbstwirksamkeit: „Das kann man mit kleinen Kindern üben“, sagt Gockel, „indem sie sich allein anziehen und vielleicht auch mal von ihren Schulkameraden gesagt kriegen: ‚Komische Farbzusammenstellung‘ – und dann können sie sich selbst eine Meinung darüber bilden, ob sie die Zusammenstellung komisch finden oder nicht.“

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