Mehr Schein als Sein: Wer hochwertige Kleidung trägt, wirkt klug

  • Unsere Kleidung hat großen Anteil daran, wie wir von anderen wahrgenommen werden.
  • Eine Studie zeigt: Eher reich gekleidete Menschen werden als fähiger eingestuft als solche, deren Äußeres auf einen niedrigen ökonomischen Status hinweist.
  • Soziale Ausgrenzung ist die Folge.
Kerstin Hergt
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Hannover. Ein reicher Schnösel stopft sich in der Flughafenlounge ungeniert die Taschen seiner Barbour-Jacke mit Gratis-Joghurtbechern und -Schokoriegeln voll, während er kritisch von einem durchschnittlich gekleideten älteren Herrn beäugt wird. „Und wenn ich ein Ausländer wäre und kein Jackett anhätte, wofür er einen halben Monatslohn hergeben müsste, dann hätte er auch bestimmt etwas gesagt“, denkt der Schnösel aus Christian Krachts 1995 erschienenem Debütroman „Faserland“.

Er dürfte recht haben. Mit einem noblen Outfit genießen wir mehr Respekt und kommen weiter im Leben, weil uns mehr zugetraut wird. Das hat jetzt einmal mehr eine Studie belegt: Psychologen der US-Universität Princeton haben untersucht, wie Probanden ein und dieselbe Person abhängig von ihrer Oberbekleidung einschätzen. Dem jüngst im Fachblatt „Nature Human Behaviour“ veröffentlichten Untersuchungsergebnis zufolge stufen wir Menschen, deren Kleidung wir mit Wohlstand assoziieren, tendenziell als kompetenter ein als solche, die eher ärmlich gekleidet sind.

Kleider machen Leute – und zwar in einem Sekundenbruchteil

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Für ihr Experiment legten die Forscher den Versuchsteilnehmern Porträtfotos Fremder vor und fragten, für wie fähig sie die jeweilige Person auf einer Skala von eins (überhaupt nicht fähig) bis neun (extrem fähig) hielten. Außer dem Gesicht war auf den Bildern lediglich ein Teil des bekleideten Oberkörpers zu sehen. Die Wissenschaftler montierten ein und dasselbe Gesicht sowohl auf einen Oberkörper, der in zuvor von einer unabhängigen Jury als eher reich eingestuften Klamotten steckte, als auch auf einen in eher ärmlich aussehender Kleidung. In mehr als 80 Prozent der Fälle hielten die Probanden eine Person für fähiger, wenn deren Gesicht auf einen reich bekleideten Oberkörper montiert war.

Der Effekt stellte sich sogar ein, wenn den Probanden das Bild für nur 129 Millisekunden gezeigt wurde. Diese kurze Zeit reicht den Forschern zufolge gerade einmal, um zu realisieren, dass man ein Gesicht gesehen hat. Selbst als die Studienteilnehmer ausdrücklich aufgefordert wurden, nicht auf die Kleidung zu achten, und ihnen von den Wissenschaftlern versichert wurde, dass es keinen Zusammenhang zwischen Kleidung und Kompetenz gibt, hielten sie mehrheitlich Menschen mit reicher wirkendem Outfit für kompetenter. Markennamen waren auf den Kleidungsstücken, die von eher verschlissenen Pullis über bedruckte T-Shirts bis hin zu Anzughemden reichten, nicht zu erkennen.

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Gesellschaftliches Ansehen und Aussehen: Ein Zusammenspiel

Dass Kleider Leute machen, ist nicht erst seit Gottfried Kellers gleichnamiger Novelle von 1874 bekannt, in der ein armer Schneiderlehrling für einen Grafen gehalten wird. Schon in der Antike war Kleidung ein Hinweis auf die gesellschaftliche Stellung. Bis in das 18. Jahrhundert hinein regelten Kleiderordnungen das Tragen bestimmter Stoffe, Muster und Schnitte für die einzelnen Stände. Insbesondere in der Märchenwelt werden diese strengen Vorschriften gern auf den Kopf gestellt: Reiche schlüpfen in ärmliche Kleidung („Der Schweinehirt“) und Mittellose in Prachtroben („Aschenputtel“), um ihr Umfeld erfolgreich in die Irre zu führen.

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Heutige Mode erschwert eine Einteilung in Reich und Arm

Heute kann man auch im wirklichen Leben sehr schnell falsch liegen mit der Einteilung in Reich und Arm allein aufgrund der Kleidung. Denn anders als noch zu Zeiten des Sonnenkönigs Ludwig XIV., der Frankreich zum Modezentrum der frühen Neuzeit machte, ist die Kleidung eher wohlhabender Leute mittlerweile nicht mehr prachtvoll und protzig. Im Gegenteil. Auf edle Stoffe wird zwar immer noch Wert gelegt, doch was vor allem zählt, ist Understatement. Echte Royals würden nie Markenlogos zur Schau tragen. Und wer nicht weiß, dass Mark Zuckerbergs unscheinbare graue T-Shirts 250-Euro-Maßanfertigungen sind, könnte womöglich an der Kompetenz des Facebook-Chefs zweifeln. Andererseits ist nicht jeder Gucci-Bauchtaschen-Träger automatisch eine fähige Führungskraft.

Oberflächlichkeit: Eine schlechte Gewohnheit?

Bei all diesen Fallstricken sollten wir komplett ausblenden, was andere anhaben. Aber können wir es auch? „Man kann und darf jemanden, den man nicht kennt, nur über die Oberfläche und das Aussehen beurteilen. Alles andere wäre arrogant und vermessen“, sagte Autor Kracht einst in einem Zeitungsinterview kurz nach dem Erscheinen von „Faserland“. Was im ersten Moment provokant klingt, erinnert an ein Zitat von Oscar Wilde. Im „Bildnis des Dorian Gray“ heißt es: „Das wahre Geheimnis der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare.“ Ist Oberflächlichkeit also das eigentlich Interessante?

Die Princeton-Forscher warnen in jedem Fall vor zu viel davon bei der Beurteilung von Mitmenschen: „Statt Respekt für ihre Anstrengungen zu bekommen, sind arme Menschen mit anhaltender Geringschätzung und Respektlosigkeit durch den Rest der Gesellschaft konfrontiert“, sagt der Psychologe Eldar Shafir, einer der Studienautoren, in einer Mitteilung der Universität Princeton. Die Untersuchung von ihm und seinem Team zeige, dass diese Geringschätzung ihre Anfänge im ersten Sekundenbruchteil einer Begegnung haben kann. Soziale Ausgrenzung sei die Folge.

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Vorurteile unterbinden: Inwiefern können Arbeitgeber ihre Strategie verbessern?

Andererseits sieht Shafir in dem Wissen um die Verzerrung bei der Wahrnehmung „einen guten ersten Schritt“, um eine Lösung zu finden: So wie Lehrer manchmal blind benoteten, um zu vermeiden, dass sie bestimmte Schüler bevorzugen, könnten auch Arbeitgeber bei Einstellungen ihre Strategien ändern, um falsche Kompetenzurteile zu vermeiden. „Akademische Abteilungen wissen schon lange, dass eine Einstellung ohne Vorstellungsgespräch bessere Wissenschaftler hervorbringen kann“, sagt Shafir. Konsequenterweise sollte dann eine Bewerbung auch ohne Foto auskommen.

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