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Materialien mit Seele: Historische Baustoffe gewinnen wieder an Bedeutung

  • Historische Baustoffe sind ein Nischenmarkt.
  • In letzter Zeit ist die Nachfrage jedoch wieder gestiegen – gerade während der Corona-Pandemie.
  • Bei Händlern historischer Baustoffe werden Liebhaber häufig fündig.
Sebastian Hoff
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Schlossdielen, Ziegelsteine einer Scheune, Statuen aus dem Garten eines Herrenhauses: Wer alte und traditionsreiche Bau- und Dekomaterialien sucht, wird bei Händlern historischer Baustoffe fündig. Dabei handelt es sich immer um handwerkliche Originale oder Produkte aus historischer industrieller Fertigung. Sie müssen bereits in Gebrauch gewesen und vor 1940 entstanden sein, erklärt Olaf Elias vom Unternehmerverband Historische Baustoffe. „Einzelne Stücke stammen auch aus späterer Zeit – zum Beispiel hervorragende Handwerksarbeiten im Bauhaus-Stil.“

Mehrere Händler in Deutschland haben sogar ein Spezialgebiet

Elias schätzt, dass es in Deutschland rund 60 Händler für historische Baustoffe gibt, etwa die Hälfte davon ist im Verband organisiert. Einige haben sich auf einzelne Teile wie Beschläge spezialisiert, andere halten eine große Vielfalt und hohe Stückzahlen vor. Elias selbst bietet in der Nähe von Berlin unter anderem eine Auswahl an rund 3000 Türen an, bei Persch Erlesene Baustoffe in Schleswig-Holstein sind bis zu 800.000 Steine vorrätig, Ingo Selent führt in seinem Geschäft im nordrhein-westfälischen Porta Westfalica vornehmlich Produkte aus Sandstein und Eisen: „Mein Schwerpunkt sind historische Brunnen“, sagt er.

Seine Kunden kommen teilweise von weit her. Viele haben zuvor gezielt nach bestimmten Baustoffen und Produkten im Internet gesucht. Einige wurden über die Website des Verbands, www.historische-baustoffe.de, vermittelt. Viele Kunden arbeiten im Bereich Hotelerie oder Wellness. Einige besitzen alte Gebäude, darunter Schlösser und Burgen, und benötigen passende Ersatzmaterialien. „Authentizität ist ihnen wichtig. Wenn sie zum Beispiel ein Fenster zumauern wollen, sieht das mit neuen Steinen nicht gut aus“, erzählt Selent. Aber es gibt auch viele Interessenten, die neu bauen und Akzente setzen wollen. Bei Persch trifft das auf etwa jeden dritten Kunden zu.

Historische Fenster aus dem vergangenen Jahrhundert. © Quelle: www.historische-baustoffe.de
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Die Nachfrage wächst stetig weiter

Zwar handele es sich um einen Nischenmarkt, aber die Nachfrage nach historischen Baustoffen wachse seit Jahren, berichtet Elias. Er freut sich über ein gestiegenes Bewusstsein für den Erhalt des baulichen Erbes und den Wert traditioneller Handwerkskunst: „Das lokale, handwerkliche Bauen nimmt wieder zu“, sagt er. Auch der Nachhaltigkeitsaspekt spiele oftmals eine Rolle, ergänzt Selent: „In einem Ziegelstein steckt viel sogenannte graue Energie. Die kann man weiter nutzen.“ In dem Fall wird auch CO₂ gespart, das bei der Produktion anfallen würde. In anderen Ländern wie Großbritannien, Italien oder Frankreich sei das Weiterverwenden von Materialien weit verbreitet, sagt Elias.

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Für ihn haben historische Baustoffe einen ideellen Mehrwert: „Die Patina ist Zeugnis des Alters und Alterns. Viele Teile erzählen eine Geschichte und besitzen eine Seele.“ Einige seiner Artikel kommen als Kulisse in Spielfilmen zum Einsatz. Einmal hat Elias sogar einen Dampfer für eine Gartenschau verkauft, der aus einer Werft stammte, die zurückgebaut wurde.

Das Know-how und die Erfahrung sind beim Bau mit solchen Materialien Pflicht

Die meisten historischen Baustoffe stammen aus Gebäuden, die abgerissen oder entkernt worden sind. Oft geben Kommunen, private Sammler und die Denkmalpflege Hinweise. Da die Entsorgung inzwischen eine Menge Geld kostet, sind viele Bauherren dankbar, wenn ihnen jemand Altmaterialien abnimmt. Beim Ausbau sind Erfahrung und spezielles Wissen erforderlich. Vor allem für Parkett, Fenster, Türen und Ziegel gebe es einen Markt, sagt Elias. „Wir können aber leider nur einen Bruchteil davon retten, tagtäglich geht viel verloren.“

Die meisten Materialien werden so, wie sie ausgebaut wurden, gelagert. Einige Teile, etwa schmiedeeiserne Tore, werden hingegen aufgearbeitet. Dafür braucht es Zeit und viel Know-how. „Ich hauche den Dingen wieder Leben ein“, erklärt Elias. Die handwerkliche Bearbeitung treibt die Kosten in die Höhe. Manchmal handelt es sich deshalb um Luxusobjekte.

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Ausgesuchte Handwerker sind sogar auf die Verarbeitung historischer Materialien spezialisiert. © Quelle: www.historische-baustoffe.de

Die meisten historischen Baustoffe werden von Profis beim Kunden weiter­verarbeitet. Dafür kooperieren die Händler mit ausgesuchten Handwerkern, darunter Stuckateure und Restauratoren. „Historische Baustoffe kann man per Mausklick kaufen, aber nicht per Mausklick einbauen“, betont Elias. Immer häufiger kommen aber auch handwerklich begabte Kunden, die die Produkte selbst auf- und einarbeiten. Das Interesse daran habe seit Beginn der Corona-Pandemie deutlich zugenommen, berichtet Elias: „Viele Eigentümer und Bauherren haben nun mehr Zeit und Muße dafür.“

Täuschend echt

Nicht immer sind historische Baustoffe in ausreichender Menge erhältlich. Dann können Repliken angefertigt werden. So werden etwa alte Türgriffe, Lichtschalter oder Fenster nachgebildet. Entscheidend ist, dass Funktion, Material und Formensprache originalgetreu sind. Einige Händler, die historische Baustoffe führen, bieten auch solche Repliken an.

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