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Mama-Bloggerin zur Care-Arbeit: „Wir dürfen nicht immer nur Bedürfniserfüllungsmaschinen sein“

  • Auf ihrem Blog „Stadt Land Mama“ schreiben Lisa Harmann und Katharina Nachtsheim über die breite Gefühlspalette heutiger Elternschaft.
  • Nun haben sie ein neues Buch veröffentlicht: „Wow Mom: Der Mama-Mutmacher“.
  • Ein Gespräch über Care-Arbeit, Achtsamkeit und den Mut, für sich selbst einzustehen.
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„Wow Mom: Der Mama-Mutmacher“, so lautet der Titel des neuen Buches der Journalistinnen Lisa Harmann und Katharina Nachtsheim. Entstanden ist es im Frühjahr während des ersten Corona-Lockdowns – einer Phase, in der besonders Eltern starke Nerven brauchten.

Harmann und Nachtsheim, die auch den Blog „Stadt Land Mama“ betreiben, haben diese Phase genutzt, um mit ihren Partnern über die Aufteilung von Aufgaben rund um Kinder und Haushalt neu zu verhandeln. Warum es nicht nur für die Kindererziehung ein ganzes Dorf braucht und warum Mütter häufiger an eine Stewardess denken sollten, erzählt Lisa Harmann im Interview.

In Ihrem neuen „Wow Mom”-Buch geht es ums Tauchen – nämlich ums Auftauchen aus der Baby- und Kleinkindphase. Was ist das für eine Welt, die da auf Mütter wartet?

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Die Mutterschaft lässt viele Frauen erst mal abtauchen aus ihrem gewohnten Leben. Sie erschließen sich neue Welten unter Wasser, die zwar auch spannend sind, die aber immer auch einen Strohhalm nach draußen verlangen, um wieder zu Atem zu kommen. Bis sie dann immer öfter auch mal wieder ganz auftauchen, den Kopf heben und sich umschauen und neu orientieren. Etwas erschöpft vielleicht, aber mit so viel neuem – auch emotionalem – Wissen.

Weil wieder mehr Zeit frei wird?

Ja, aber eben nicht nur. Je größer die Kinder werden, desto mehr können wir als Frauen auch wieder die alte Luft schnuppern, wir gewinnen wieder mehr Freiheiten für uns, nicht nur körperlich, sondern eben auch mental. Viele justieren ihr Leben dann noch mal neu, setzen andere Prioritäten und fragen sich: Was ist denn von meinem Vor-Mama-Ich noch übrig? Was ist Neues dazugekommen und wie kriege ich aus dem Ganzen ein schönes Mosaik zusammengestellt?

Lisa Harmann und Katharina Nachtsheim haben "Wow Mom: Der Mama-Mutmacher für MEHR ICH in all dem WIR" geschrieben. Das Buch erschien im Krüger Verlag und kostet 16,99 Euro. © Quelle: Krüger Verlag
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Die Antworten darauf fallen höchst unterschiedlich aus. Einige Frauen kommen in Ihrem Buch ja zu Wort.

Genau. Die einen sagen: „Für diese Chefin habe ich keinen Bock mehr zu arbeiten, ich mach mich selbstständig!” Oder schreiben endlich den Krimi, der schon so lange angefangen in der Schublade liegt. Andere erfüllen sich den langjährigen Traum vom eigenen Pferd. Oder gönnen sich, was sie brauchen, wie Svenja Struck aus unserem Buch. Als Tante Kante legt die Lehrerin und DJane im Netz auf, aber sie hat sich auch schon ein WG-Zimmer gemietet, um mal abends feiern zu gehen und den nächsten Tag verkatert im Bett liegen zu können. Zu Hause mit zwei Kindern kann sie das ja nicht. Unterschiedliche Frauen – unterschiedliche Bedürfnisse.

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Ich selbst habe mit drei kleinen Kindern irgendwann noch mal ein Studium angefangen und erst im Nachhinein begriffen, dass das meine Me-Time war. Ich wohnte damals in Berlin und war dann jedes zweite Wochenende zum Studieren in Köln. Ein bisschen Futter fürs Gehirn, eine Auszeit von der großen Verantwortung – ganz ohne schlechtes Gewissen.

Das schlechte Gewissen — warum spielt das überhaupt eine Rolle?

Die Gesellschaft legt ja wahnsinnige – nahezu unerreichbare – Maßstäbe an Mütter an. Bei Tante Kante heißt es vielleicht: Wieso kriegst du Kinder, wenn du nur feiern willst? Und wäre ich damals als dreifache Kleinkindmama jedes zweite Wochenende mit meinen Mädels zur Weinsause an die Mosel gefahren, hätten die Leute wohl auch den Kopf geschüttelt. Wohingegen mein Studium gesellschaftlich legitimiert war. Mein Freifahrtschein für ein bisschen Zeit für mich. Statt Kopfschütteln gab es Respekt. Wow, die studiert trotz kleiner Kinder noch mal, nicht schlecht! Dabei ist es für die Kinder doch gar kein Unterschied, ob Mama zum Studieren abhaut oder zum Feiern. Und auch heute noch bin ich nicht ganz frei davon, sage bei Dienstreisen schnell zu, während ich über ein Mädelswochenende länger nachdenke. Darf ich mir das genehmigen? Total bescheuert. Das sind diese alten Glaubenssätze, die Mutter müsse immer für die Kinder da sein, die wir wirklich überwinden müssen. Und dafür braucht es Mut und Selbstbewusstsein.

Sich selbst so aus den Augen zu verlieren, ist das vor allem ein Problem, das Mütter haben?

Absolut. Viele Frauen – mich inbegriffen – neigen dazu, erst mal zu schauen, ob es allen anderen gut geht, bevor sie sich um sich selbst kümmern. Das ist eine wahnsinnig tolle Eigenschaft, die auch viele Teams besser funktionieren lässt, weil eben jemand auf die Stimmung, den Zusammenhalt und eine gute Atmosphäre achtet. Das kann aber eben auch leider bis hin zur Selbstzerstörung führen und da dürfen wir auf keinen Fall hin.

Und was ist, wenn die Mutter gar keine Ahnung hat, was sie mit diesem neuen Ich anfangen soll, diese Frau außerhalb der Babyphase ihr vielleicht völlig fremd geworden ist?

Ich glaube, das kommt gar nicht so selten vor. Viele Frauen verlieren sich selbst über die Kinder erst mal vorübergehend aus dem Auge. Deswegen halten wir es für so wichtig, nach der intensiven Kleinkindphase auch wieder aufzutauchen aus dem Kleinklein der Familie und mal zu fragen: Wer bin ich, wenn ich nur Ich bin? Was bin ich, wenn ich mich nicht ausschließlich übers Muttersein definiere? Das kann auch mal schmerzhaft sein, wenn uns da erst mal gar nicht so viel zu einfällt. Aber es lohnt sich trotzdem, da hinzuschauen und die Lücke Stück für Stück wieder zu füllen.

Fordert die Mutter wieder mehr Zeit für sich ein, wird es vermutlich nicht ohne Konflikte gehen, oder?

Vom inneren Konflikt habe ich ja eben schon erzählt. Es können aber natürlich auch äußere hinzukommen. Manchmal schauen Frauen ja auch neidisch auf ihre Partner oder die getrennt lebenden Väter der Kinder. „Du nimmst dir halt auch alle Freiheiten”, „Du kannst ja dein Leben weiterleben”. Und ich war auch selbst in der Babyphase manchmal neidisch, wenn der Herr sich ins Büro verabschiedete, wo er wenigstens mal in Ruhe einen Kaffee trinken oder einen Gedanken zu Ende denken konnte. Doof ist, dass wir das dann leider selbst ändern müssen. Das nimmt uns keiner ab, darauf können wir nicht warten, denn uns werden unsere Freiheiten nicht auf dem Silbertablett serviert. Es kommt keine Fee, die sagt: Hau ruhig ab, ich regele hier den Rest.

Wenn der Mann sonntags immer vier Stunden Rad fährt wie selbstverständlich, dann bin ich halt samstags auch mal vier Stunden weg. Und zwar bitte genauso selbstverständlich. Hört sich absurd an, ist aber wirklich ein Thema in vielen Familien.

Haben Sie sich mal gefragt, was aus Ihnen geworden wäre, hätten Sie sich Ihre Auszeiten nicht genommen?

Nein, das habe ich mich nicht gefragt. Aber ich habe im Nachhinein begriffen, was mich angetrieben hat. Wir bemühen da immer gern das Bild einer Stewardess, die Eltern rät, sich im unwahrscheinlichen Falle eines Druckabfalls erst einmal selbst die Sauerstoffmaske aufzusetzen, ehe sie sich um die Kinder kümmern. Dieses Bild sollte uns auch durch die Mutterschaft begleiten.

Und wie finden Frauen sich zurecht in dieser neuen Phase der Mutterschaft, in der die Kinder nicht mehr ganz klein und sie selbst nicht mehr die alte sind?

Manche haben so ein Aha-Erlebnis. So ging es auch mir. Vor ein paar Jahren an Karneval, als mein Mann erkältet war und gesagt hat, er könne nicht rausgehen, aber die Kinder nehmen. Da hatte ich fünf Tage am Stück nur für mich, an denen ich selber entscheiden konnte, wann ich ins Bett gehe, wann ich aufstehe und wann ich meine Freunde treffe. Die totale Freiheit mit dieser unglaublich Kraft gebenden Leichtigkeit. In der Zeit hatte ich so wenig geschlafen, kam aber mit solcher Energie zurück, dass ich dachte: Ich muss häufiger wieder unter Leute! Wir sollten uns einfach fragen: Wann war ich das letzte Mal wirklich happy? Wo kann ich mal diese ganze Last der Verantwortung von den Schultern nehmen und mich wieder leicht fühlen? Ich glaube, das ist ganz wichtig, weil wir diese Balance im Leben dringend brauchen. Wir dürfen nicht immer nur Bedürfniserfüllungsmaschinen sein.

Ist die Gefahr aber nicht auch, hier in die nächste Optimierungsfalle zu tappen? Wenn alle sagen: Du musst dich selber finden!

Diesen Satz hasse ich, weil er uns wirklich nur unter Druck setzt. Ich finde, nie, nie, niemals darf es passieren, dass die Me-Time auch noch als Tagesordnungspunkt auf meiner To-do-Liste landet. Wir können darauf vertrauen, dass diese Zeit wiederkommt. Dazu müssen wir uns gar nicht unter Druck setzen. Wenn ich mein Baby noch nicht abgeben kann, dem Babysitter noch nicht genug vertraue, dann warte ich halt noch ein paar Jahre. Es ist doch nur so ein kleiner Teil unseres Lebens, den wir mit kleinen Kindern verbringen. Glück und Freizeit dürfen wir nicht erzwingen, aber wir sollten die Gelegenheiten, die sich uns bieten, nicht nehmen lassen. Wenn ich zum Beispiel einmal die Woche einen Zumba-Kurs oder sonst ein Hobby habe, ist das eben mein Termin und da kommt mir auch nichts dazwischen. Da stehe ich für mich ein. Das muss dann auf der Prioritätenliste eben als genauso wichtig markiert sein wie das nächste Telefonat mit dem Chef. Da dürfen wir uns auch gern fragen. Wer ist wichtiger in meinem Leben? Der Chef oder ich?

Es gibt diesen Spruch „Es braucht ein ganzes Dorf, um Kinder zu erziehen”. Für Ihr Buch haben Sie sich auch eine Art Dorf geschaffen, denn Sie haben zahlreiche Co-Autor*innen dabei. Warum ist so ein Dorf so wichtig?

Nicht nur mit unseren „Wow-Mom“-Büchern, auch mit unserem Blog „Stadt Land Mama” versuchen wir ja dieses Dorf zu sein. Dabei geht es darum, sich austauschen zu können, Identifikation zu finden, sich abgleichen zu können, sich gegenseitig unter die Arme zu greifen und Druck zu nehmen. Wir versuchen, Mutterschaft von allen Seiten zu beleuchten – immer aber ehrlich und authentisch, nichts Schöngefärbtes, sondern die gesamte Gefühlspalette vom riesigen Stolz und Glück bis hin zur puren Verzweiflung. Das wiederum hilft, sich zu verorten, und es entlastet, wenn ich sehe, dass auch bei anderen einfach der Käse in der Plastikpackung auf den Abendbrottisch geworfen wird, statt Käsetaler in Sternform auszustechen. Ich glaube, wir haben auch deshalb so hochkarätige Gastbeitragschreiberinnen wie Ildikó von Kürthy, Laura Karasek oder Dr. Herbert Renz-Polster fürs Buch gefunden, weil wir uns mitten im Lockdown und damit in einer absoluten Ausnahmesituation befunden haben und wir alle gedacht haben: Der Zusammenhalt ist wirklich nötig. Wenn wir Entlastung schaffen können, dann bitte jetzt. Und alle zusammen. Und mit ein bisschen mehr Ich in all dem Wir, weil wir doch alle halbwegs unbeschadet durch diese Krise kommen müssen.

Aus dieser Baby- und Kleinkindphase aufzutauchen heißt auch, diese Zeit hinter sich zu lassen. Abschied zu nehmen. Es wird beim Lesen auch mal traurig …

Ja, wenn Vera Schroeder etwa darüber schreibt, dass sie vor allem von den Kindern geprägt wurde, die sie früh in der Schwangerschaft verloren hat. Oder wenn ich darüber erzähle, wie schwer es ist zu sagen, dass ich wohl nie wieder schwanger sein werde. Wir können eben nicht alle immerzu die starken Supermütter sein.

“Staat, Sex, Amen”
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