Los geht’s: Spazierengehen ist die Neuentdeckung der Corona-Zeit

  • Jetzt, während der Corona-Krise, entdecken viele das Spazierengehen neu.
  • Bei dieser Freizeitaktivität muss jedoch keine Leistung erbracht werden.
  • Es gilt: Der Weg ist das Ziel.
Martina Sulner
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Da ist zum Beispiel diese rot-weiße Warnmarkierung, mit der die Baustelle an der nächsten Kreuzung abgesichert ist. Seit mehr als zwei Jahren wird dort die Kanalisation saniert. Manchmal ist der Autoverkehr auf der einen Straßenseite gesperrt, manchmal auf der anderen, und auch der Fußgängerparcours an der Baustelle hat sich in dieser Zeit mehrmals geändert. Dass die Warnmarkierungen jedoch so oft umplatziert werden, das fällt einem erst seit ein paar Wochen auf.

Und da steht, ein paar Häuser von unserer Wohnung entfernt, eine Magnolie. Jedes Mal, wenn wir daran vorbeikommen, staunen wir über die Farbenpracht. Und im Moment gehen wir ziemlich oft an dem Baum vorbei.

Spazierengehen ist die neue Freizeitbeschäftigung

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Haben wir uns schon jemals so sehr für unsere unmittelbare Umgebung interessiert wie derzeit? Jetzt, da Spazierengehen sich – mangels Alternativen – zur beliebten Freizeitbeschäftigung entwickelt hat. Nun, da das Coronavirus unseren Bewegungsspielraum drastisch einschränkt und der Gang durch den Stadtteil oder durchs Grüne sich nicht mehr banal, sondern besonders anfühlt.

Dabei war der Spaziergang eine Weile ziemlich unpopulär. Ältere Menschen erinnern sich noch mit Unbehagen an familiäre Sonntagsspaziergänge, als es – Eltern und Kinder chic gemacht und frisch gekämmt – gemeinschaftlich und nicht ganz freiwillig nach draußen ging, bevor man an der Kaffeetafel Platz nehmen musste. Doch solche Runden sind zusammen mit dem Sonntagsbraten und dem Sonntagskleid aus der Mode gekommen, und allein der Begriff “Sonntagsspaziergang” klingt heute biedermeierlich-betulich.

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Neue Freude: In gemächlichem Tempo die Umgebung erkunden

Großes Interesse am Spazierengehen hatten die Deutschen in den vergangenen Jahren jedenfalls nicht. Zwar gaben laut dem Onlineportal Statista 2019 immerhin 61,7 Prozent der Befragten an, in ihrer Freizeit gern spazieren zu gehen. Doch eine repräsentative Umfrage für die DAK-Krankenkasse aus demselben Jahr zeigt: 57 Prozent der Deutschen gehen täglich weniger als 17 Minuten spazieren, 29 Prozent sogar weniger als acht Minuten. Was die Frage aufwirft, ob man da überhaupt noch von Spaziergang reden kann oder ob diese paar Minuten Bewegung nicht schon erreicht sind, wenn man die Strecke von der Haustür zur Bushaltestelle oder zum Auto zurücklegt.

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Doch auch das hat sich seit Ausbruch der Corona-Pandemie geändert. In Parks und Stadtwäldern, auf Straßen und Feldwegen sieht man jetzt allenthalben Menschen spazieren – alt und jung, allein oder zu zweit. Wer mit Freunden und der Familie spricht, merkt: Vielen Neu-Spaziergängern macht diese Betätigung überraschend viel Spaß. Hier geht es nicht darum, wie beim Joggen seine Fitness zu steigern oder wie beim Wandern größere Distanzen in forschem Schritt zurückzulegen. Sondern es geht darum, im gemächlichen Tempo die nähere Umgebung ohne Ziel und Zweck zu erlaufen – und gerade so zu entspannen und sich zu erholen.

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Gehen hilft beim Stressabbau

Das subjektive Wohlbefinden, das Spaziergänger bei ihren Runden empfinden, ist wissenschaftlich belegt: Beim Gehen schüttet der Körper vermehrt Endorphine aus. Diese “Glückshormone” sorgen dafür, dass sich unsere Stimmung aufhellt und sich Stress abbaut. Das funktioniert übrigens auch bei Kindern – selbst wenn sie dieser Freizeitbeschäftigung selten viel abgewinnen können.

Der studierte Landschaftsplaner und passionierte Spaziergangsforscher Bertram Weisshaar vermutet, dass der aktuelle Trend zum Spazieren auch nach der Corona-Krise anhält. “In der Zukunft werden mehr Menschen spazieren gehen als in den letzten Jahren”, sagt er. Der 58-Jährige hofft daher, dass Gehwege künftig auch in der Kommunalpolitik einen größeren Stellenwert bekommen und sich die Verantwortlichen stärker für größere Parks und breitere Fußwege einsetzen.

Mit dieser Hoffnung liegt Weisshaar ganz auf der Linie des Schweizer Soziologen Lucius Burckhardt, der die Spaziergangswissenschaft, die Promenadologie, entwickelte. Der 2003 verstorbene Burckhardt verstand seine Disziplin als Beitrag zu Städtebau und Landschaftsplanung. Planer, so seine Forderung, sollten die Belange von Fußgängern stärker in den Blick nehmen.

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Spazierengehen hat eine lange Tradition

Spazierengehen sei zudem, meint Weisshaar, “Denkengehen”. Beim Schlendern und Umherschweifen kommen und gehen die Gedanken. Diese Erfahrung hat wohl fast jeder schon einmal gemacht: Wenn es mit einer Arbeit oder einer Diskussion gar nicht mehr vorangeht, hilft ein Spaziergang, um den Kopf wieder frei zu bekommen und unangestrengt neue Ideen oder Perspektiven zu entwickeln. “Ich werde unwichtig, die Welt um mich herum wird wichtig. Allein das tut schon gut. Ob es ein Baum ist, durch dessen Blätter der Wind rauscht, oder eine Ameise oder ein hübscher Stein: Das Spazierengehen bringt mich in Fühlung mit der Welt”, sagt der Autor Titus Müller, der neben mehreren historischen Romanen auch das Buch “Einfach mal spazieren gehen” geschrieben hat. “Ich liebe es, dabei das Fremde im Nahen zu entdecken. Neugierig zu bleiben. Ich bin überzeugt davon, das Besondere schlummert direkt vor unseren Augen, wir haben nur den Blick dafür verloren. Was wir brauchen, ist eine abenteuerlustige Neugier”, meint der 42-Jährige.

Auch zahlreiche Poeten waren begeisterte Spaziergänger und haben darüber geschrieben – von Goethe (“Der Osterspaziergang”) und Schiller (“Der Spaziergang”) über Seume (“Spaziergang nach Syrakus”) bis Thomas Bernhard (“Gehen”) und Robert Walser (“Der Spaziergang”), der ausgerechnet bei einem Spaziergang an Herzversagen gestorben ist. Und berühmte Flaneure, die sich durch Städte treiben ließen, wie Walter Benjamin und Fernando Pessoa, haben viele Nachahmer gefunden, wenn auch nicht alle deren literarische Brillanz erreicht haben.

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Dass so wenige Frauen unter den schreibenden Spaziergängern zu finden sind, hat vor allem einen Grund: Lange war es verpönt, dass (ehrbare) Frauen sich ohne männliche Begleitung in der Öffentlichkeit bewegen. Doch es gab durchaus flanierende Literatinnen, wie die amerikanische Essayistin Lauren Elkin in ihrem weithin beachteten Buch “Flaneusen. Frauen erobern die Stadt – in Paris, New York, Tokio, Venedig und London” an Beispielen von Virginia Woolf bis Martha Gellhorn gezeigt hat.

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Bis zum 11. Mai müssten sich die Bürger noch an die derzeit geltenden Regeln halten, sagte Präsident Emmanuel Macron am Montagabend in einer Fernsehansprache.  © Martina Sulner/Reuters

Es geht nicht um das Ziel

Von der Fähigkeit, die Welt so brillant in den Blick zu nehmen wie solche Künstler und Künstlerinnen, sind die meisten ziemlich weit entfernt. Wir nehmen eher offensichtliche Baustellenmarkierungen oder Magnolien wahr. Doch das sei in Ordnung, findet Titus Müller. “Gibt es eine Wahrnehmungsfähigkeit, die wir beim Spazieren einüben? Ich glaube nicht”, meint er. “Es soll ja auch gerade mal nichts mit Üben, Besserwerden, Bessersein zu tun haben. Ich werde nicht bewertet beim Spaziergang, ich bin einfach da und gehe ohne den Wunsch, ein großes Ziel zu erreichen, einen Weg.”

Ein Spaziergang kann eine unkomplizierte (und zudem kostenfreie) Auszeit sein und eine Einladung, das vermeintlich Altbekannte mit anderen Augen zu sehen. Gerade jetzt lässt sich begreifen: Nicht nur Sehnsuchtslandschaften wie der romantisch aufgeladene deutsche Wald lohnen einen Spaziergang – sondern manchmal schon der benachbarte Stadtteil. Vielleicht können wir von den gegenwärtigen Erfahrungen etwas mitnehmen in die Zeit nach der Corona-Krise, wenn wir wieder mehr als nur die unmittelbare Umgebung entdecken können, wenn wir wieder reisen und uns in größeren Gruppen aufhalten dürfen: dass es einfach schön und entspannend sein kann, umherzuschlendern, zu schauen, zu spüren.

Möglicherweise behalten wir auch eine andere Erfahrung im Gedächtnis, die Müller so beschreibt: “Wenn wir jetzt anderen Spaziergängern begegnen, machen wir uns respektvoll Platz und grüßen freundlich. Auch diese Begegnung tut gut, das Sichansehen, Sichanlächeln. Sich gegenseitig als Menschen zu erkennen.” Manchmal ist es fast überraschend, wie höflich Spaziergänger in unserer gegenwärtigen Ausnahmesituation einander den Vortritt lassen – damit man sich nicht zu nahe kommt, aber auch, damit die ältere Dame oder die Familie mit Kleinkind sich nicht hetzen müssen. Und manchmal lächeln einander Fremde sich dann freundlich an – fast so, als wollten sie ausdrücken: Dass wir hier jetzt ziellos herumspazieren, hätten wir vor ein paar Monaten auch nicht gedacht.

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