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Jedes Zimmer braucht individuelles Licht - Interview mit einem Lichtdesigner

  • Licht ist für Menschen enorm wichtig - und viel komplexer, als man denken mag.
  • Lichtdesigner Prof. Thomas Römhild erklärt, welche Wirkung Licht auf uns haben kann.
  • Man müsse zum Beispiel nicht nur an Leuchten denken, sondern das gewünschte Licht in den Vordergrund stellen.
Kerstin Hergt
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Ein farbenfroher Sonnenuntergang wirkt friedlich und entspannend, bei einer flackernden Glühbirne im Film bekommen wir Herzklopfen und in einem schummrigen italienischen Restaurant wird es schnell romantisch. Auch wenn es uns manchmal nicht bewusst ist: Licht hat eine enorme Wirkung auf uns.

Licht ist lebenswichtig für den Menschen. Wie Tiere und Pflanzen brauchen wir die Sonne, doch auch der Einfluss von künstlichem Licht auf unser Wohlbefinden und unsere Leistungsfähigkeit ist groß. Was unterscheidet gutes von schlechtem Licht? Fragen an den Lichtdesigner Prof. Thomas Römhild.

Was vor ein paar Jahren noch unter den Begriff Beleuchtung fiel, heißt heute Lichtgestaltung. Ist heute mehr Kreativität im Spiel, wenn es um Licht im privaten, aber auch im öffentlichen Raum geht?

Die Menschen waren in dieser Hinsicht schon früher kreativ. Denken Sie nur an alte Kronleuchter oder das Aufstellen von Kerzen. Insbesondere in den 1920er Jahren hat man außerdem viel über Lichtarchitektur nachgedacht. Ein schönes Beispiel dafür ist der vertikale Leuchtkörper aus Milchglas am Berolinahaus von Peter Behrens am Berliner Alexanderplatz.

Diese frühe Auseinandersetzung mit der Ästhetik von Licht ist in der Folgezeit dann allerdings tatsächlich ein wenig in Vergessenheit geraten. Im Vordergrund stand gerade in Deutschland lange die visuelle Leistungsfähigkeit. Licht sollte vor allem dazu dienen, gut sehen zu können. In den Achtzigerjahren setzte dann ein Umdenken ein.

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Wie kam es dazu?

Man beschäftigte sich gerade in der Architektur wieder stärker mit Lichteinflüssen. Und aus den USA kam der Ansatz, mit Licht Geschichten zu erzählen. Die Symbolkraft von Licht haben die Amerikaner schon früh erkannt. Hollywood hat daran natürlich einen großen Anteil. Dort hat man schon viel mit Licht und Stimmung experimentiert und Licht variiert, als man hierzulande noch in erster Linie den praktischen Nutzen von Beleuchtung sah. Heute hat die zentrale Deckenbeleuchtung in Privatwohnungen ausgedient, und auch in gewerblichen Räumen geht man weg vom standardisierten Licht und schafft mehr individuell angepasste Lichtquellen.

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Was verstehen Sie unter gutem, was unter schlechtem Licht?

Leider gibt es keine Formel, die gutes Licht garantiert. Selbst eine technisch perfekte Normung bringt keine Lösung. Ob Licht gut oder schlecht ist, liegt tatsächlich im Auge des Betrachters. Aus Sicht des Lichtgestalters kann es daher nur individuelle Lösungen geben.

Aber gilt nicht gerade Licht mit zu viel Blauanteil als schlechtes Licht?

Zu hoher Blaulichtanteil kann Medizinern zufolge auf Dauer die Netzhaut schädigen und Müdigkeit unterdrücken. Auf diese Erkenntnisse aus der Forschung hat die Industrie aber bereits reagiert. Smartphones oder Tablets verfügen über Funktionen, mit denen sich die Bildschirmfarbe modifizieren lässt, und auch bei den Leuchtmitteln gibt es mittlerweile sogenannte warmweiße LEDs mit einer Farbtemperatur von etwa 2700 Kelvin, bei denen der Blaulichtanteil vermindert ist.

Nicht nur in den eigenen vier Wänden spielt Licht eine große Rolle. Auch im öffentlichen Raum muss man bedenken, welches Licht man für Sicherheit, Atmosphäre oder Design möchte. © Quelle: Pang Yuhao/Unsplash
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Hat Licht aus Ihrer Sicht einen größeren Einfluss auf die Wirkkraft eines Raumes als die Einrichtung?

Ja. Licht ist ein Medium, mit dem sich sehr intensive Gefühle und Atmosphären erzeugen lassen.

Licht hat grundsätzlich einen positiven Charakter, trägt zum Wohlfühlen bei, gibt Energie. Warum haben wir es dennoch gerade in Krankenhäusern oder auch Pflegeheimen oftmals mit grellem und kaltem Licht zu tun?

Im Gesundheitswesen hat bereits ein Umdenken eingesetzt. Man weiß, dass eine gute Atmosphäre den Heilungsprozess fördern kann. Dazu gehört auch angenehme Beleuchtung in den Patientenzimmern. Andererseits erfordert die medizinische Kontrolle ein gleichmäßiges helles Licht. Viele Einrichtungen arbeiten mit Experten an Lösungen, die sowohl für Patienten als auch das Personal zufriedenstellend sind.

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Würden Sie jemandem, der privat ein Haus baut oder eine Wohnung renoviert, zu einem professionellen Lichtdesigner raten?

Wenn man mit einem Innenarchitekten plant, sollte dieser auf jeden Fall Vorschläge zum Licht machen. Häufig wird leider nur über Leuchten gesprochen. Dann sollte man einen Lichtplaner mit ins Boot holen. Denn bevor ich überlege, wo ich welche Leuchten anbringe, muss ich die grundsätzliche Frage klären, wie das Licht sein soll.

Aber ist das nicht sehr abstrakt und auch viel schwieriger als beispielsweise eine Wandfarbe auszusuchen?

Hilfreich ist bei der Überlegung, von dem auszugehen, was man tut. Im Flur bietet sich beispielsweise ein helles und freundliches Licht an, um eine Willkommensatmosphäre zu schaffen. Im Badezimmer braucht man gleichmäßiges Licht, das dem Tageslicht nahekommt, aber nicht zu grell ist oder starke Schatten wirft. Die Lichtquellen im Wohnzimmer sollten so vielfältig sein wie das Leben, das sich darin abspielt: Lese-, Sofa- und Essecke sollten alle extra beleuchtet werden. Nur mit einer einzigen Lampe den Raum zu erhellen, schafft keine Behaglichkeit.

Eine Lampe, die den Raum erhellt, reicht nach Ansicht des Lichtdesigners nicht aus. Gerade im Wohnzimmer müsse jede Ecke entsprechendes Licht bekommen. © Quelle: Patrick Schneider/Unsplash

Entsprechende Lampen zu finden, ist oft nicht einfach. Zumal Lampendesign sich häufig an der Mode orientiert und nicht an Erkenntnissen aus der Lichtarchitektur.

Im Idealfall lassen die Wohnräume viel Spielraum, um mit Tageslicht zu variieren. Was die richtige Wahl der Lampen angeht, hilft im Grunde nur das Ausprobieren. Man sollte mit dem Händler eine Testphase vereinbaren. Und außerdem gilt der Grundsatz: Der Preis einer Lampe macht nicht das Licht. Man muss also nicht auf teure Designermodelle setzen, um gutes Licht zu haben.

Was sind die Tätigkeitsfelder der Absolventen Ihres Studiengangs „Architectural Lighting Design“ an der Hochschule Wismar?

Lichtplanung ist eine stark wachsende Branche. Unsere Absolventen arbeiten in der Industrie und in Lichtplanungsbüros. Es ist zudem ein sehr internationales Gewerbe. Neben Osteuropa kommen viele unserer Studierenden auch aus Südamerika und Indien. Gerade dort spielt Beleuchtung im öffentlichen Raum eine immer größere Rolle, beispielsweise in den Slums. Licht bedeutet auch Sicherheit. Und Leben in der Dunkelheit – das will kein Mensch.

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