Immer mehr Müll: Recycling alleine reicht nicht

  • Deutschland gilt als Vorreiter bei der Mülltrennung – doch nur ein geringer Anteil der Plastikabfälle wird recycelt.
  • Welche Lösungen gibt es? Dieser Fragen widmen wir uns anlässlich der Themenwoche „Wie wollen wir leben?“.
  • Im Kampf gegen die Berge an Plastikmüll ist auch Eigenverantwortung gefragt.
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70 Prozent des hiesigen Plastikmülls werden noch immer verbrannt. Ein weiterer Teil geht ins Ausland. Nur rund 16 Prozent unserer Plastikabfälle werden innerhalb Deutschlands recycelt. Diese Zahlen gehen aus dem sogenannten Plastikatlas der Heinrich-Böll-Stiftung hervor. „Da gibt es noch sehr viel Luft nach oben“, sagt Thomas Fischer, Leiter des Bereichs Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe.

Gründe dafür gibt es viele. So landen längst nicht alle Plastikabfälle in der gelben Tonne – laut Plastikatlas nur rund 40 Prozent. Einige Plastikstoffe werden von Sortieranlagen nicht erkannt. Und Verpackungen aus mehreren Materialien lassen sich nicht trennen und sind daher nicht zum Recycling geeignet. Um einen Kreislauf herzustellen, müssten Plastikabfälle außerdem als das wiederverwendet werden, was sie ursprünglich waren. Aus dem Müll in der gelben Tonne werden aber keine neuen Verpackungen für Lebensmittel hergestellt, sagt Fischer: „Das rechnet sich nicht, denn das Plastik müsste erst aufwendig gereinigt werden.“

Der Berg an Plastikmüll wächst: Hersteller und Händler tragen Verantwortung

Das Problem des Plastikmülls lässt sich durch Recycling also vorerst nicht lösen. Erst recht nicht, wenn immer mehr davon anfällt. „Von Jahr zu Jahr gibt es immer mehr Verpackungen, der Berg wächst“, sagt Fischer. Die meisten davon seien unnötig: eingeschweißtes Obst, Kaffeekapseln, Umverpackungen, die 80 Prozent Luft enthalten.

Für Fischer ist klar: „Die Hauptverantwortung hierfür tragen die Hersteller und Händler. Auch wenn versucht wird, sie den Verbrauchern in die Schuhe zu schieben.“ Viele wollten sich umweltfreundlich verhalten, könnten es aber nicht. Beim Discounter gebe es nicht einmal Mehrwegflaschen. Seine Forderung: Unnötige Verpackungsmaterialien müssten für die Industrie so teuer gemacht werden, dass ein verschwenderischer Umgang damit nicht mehr bezahlbar ist. „Kunden haben natürlich trotzdem die Möglichkeit, Entscheidungen am Ladenregal zu treffen“, sagt Fischer.

Eigenverantwortung gefragt: Auf unnötige Verpackungen verzichten

Jeder könne zum Beispiel selbst darauf achten, Obst und Gemüse lose zu kaufen und Produkte mit unnötigen Verpackungen zu meiden. Besonders klimabelastend seien Miniverpackungen, wie sie zum Beispiel bei Joghurt üblich sind. Wenig hält Fischer auch von dem Trend, Plastiktüten durch solche aus Papier zu ersetzen oder Einwegbesteck aus Holz herzustellen: „Einwegprodukte und Verpackungen sind generell schlecht, egal ob aus Plastik oder Pappe, denn sie müssen energieintensiv hergestellt werden.“ Umgekehrt müssten zum Beispiel Mehrwegflaschen nicht unbedingt aus Glas sein. Auch eine Mehrwegflasche aus Plastik sei im Vergleich zur Einwegflasche deutlich ressourcenschonender.

Fischer stellt sich ein System von Mehrwegverpackungen mit Pfand nicht nur bei Getränken, sondern auch für viele weitere Lebensmittel vor. Diese könnten an Automaten im Supermarkt zurückgegeben werden: „Das wäre in jedem Fall umsetzbar, war dem Handel bisher nur zu kompliziert.“

Mehr Altkleider, schlechtere Qualität

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Bei Altkleidern ist es ähnlich wie mit dem Plastik – es wird viel gesammelt, es gibt aber längst nicht für alles eine Wiederverwendung. „Seit Jahren steigen die Mengen der abgegebenen Kleider. Aber der Anteil an Kleidung, die noch tragbar ist, nimmt immer mehr ab“, sagt Thomas Ahlmann. Er ist Geschäftsführer von Fairwertung, dem Dachverband der gemeinnützigen Organisationen, die in Deutschland Altkleider sammeln. Der Grund sei der Fast-Fashion-Trend, Mode, die kaum getragen und schnell wieder entsorgt wird, häufig aus Billigläden.

Gut erhaltene Markenkleidung hingegen werde kaum noch gespendet. Früher sei das anders gewesen, sagt Ahlmann: „Da fand sich neben der alten Jogginghose auch mal ein Pullover oder ein Kleid von einem Luxuslabel im Container.“ Für die gemeinnützigen Organisationen ist das ein Riesenproblem, denn mit dem Verkauf gut erhaltener Kleidung lässt sich die Entsorgung des Unbrauchbarem, das in den Containern landet, querfinanzieren. Und selbst diese ist bei der Ware von preisgünstigen Bekleidungsketten aufwendiger. „Es muss immer schneller und billiger produziert werden“, sagt Ahlmann. „Dadurch steigt der Polyesteranteil in der Kleidung. Mischgewebe sind aber schwieriger zu recyceln.“

Siegel für fairen Umgang mit Kleidung

Nur etwa 60 Prozent der gesammelten Altkleider seien noch tragbar. 30 Prozent können immerhin noch zu Putzlappen, Malervlies oder Dämmstoffen verarbeitet werden und 10 Prozent sind reiner Müll, der entsorgt werden muss. Die noch tragbare Kleidung wird überwiegend in Osteuropa oder Afrika verkauft. Nur ein kleiner Anteil wird von deutschen Secondhandläden und Sozialkaufhäusern abgenommen.

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Der Gewinn aus dem Verkauf wird für wohltätige Zwecke gespendet – zumindest, wenn der Container von einer gemeinnützigen Organisation betrieben wird. (Der nächste Standort eines solchen Containers lässt sich über die Seite www.fairwertung.de abrufen). Das Fairwertungssiegel garantiert hierbei auch, dass der Umgang mit den Altkleidern fair und ökologisch erfolgt. So wurde in der Vergangenheit oft kritisiert, dass der Verkauf von europäischer Secondhandmode lokalen Märkten in Afrika schade. Fairwertung kommt nach eigenen Recherchen zu einem anderen Schluss: Die Geschäfte liefen über Großhändler aus Afrika, mit denen auf Augenhöhe verhandelt werde, sagt Ahlmann.

Auf dem afrikanischen Markt stünde Secondhandmode aus Europa auch nicht in Konkurrenz zu lokal produzierter Kleidung – sondern zu Billigmode aus China. Für einen nachhaltigeren Bekleidungsmarkt schlägt Ahlmann vor, Hersteller von Billigmode mit einer Gebühr zu belegen, da für deren Textilmüll letztendlich Kosten anfallen. Fair und ökologisch produzierte Mode hingegen sollte der Staat besser fördern. „Alles, was länger getragen werden kann, ist gut“, sagt Ahlmann. Wer Wert auf Nachhaltigkeit lege, sollte daher lieber einige wenige Stücke von guter Qualität kaufen und auftragen statt ständig Neues. „Ich will niemandem den Spaß an Mode verderben“, sagt Ahlmann. „Im Gegenteil: Ich bin für einen bewussteren und wertschätzenden Umgang.“

Warum das duale System falsche Anreize setzt

Vor rund 30 Jahren wurde in Deutschland der grüne Punkt eingeführt und mit ihm das duale System. Hersteller von Verpackungen sind verpflichtet, diese beim Anbieter eines dualen Systems lizenzieren zu lassen. Sie zahlen dem Anbieter eine bestimmte Gebühr, damit die Verpackung in der gelben Tonne entsorgt werden kann. Die Lizenzierer sind dann für die Wiederverwertung des Plastikmülls zuständig und teilen die Gewinne aus dem Verkauf.

Vom dualen System spricht man deshalb, weil der Müll der gelben Tonne getrennt vom anderen Müll entsorgt wird. Früher gab es als duales System nur den grünen Punkt, heute gibt es neun weitere Anbieter von Lizenzen. Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe kritisiert, dass das System keinen Anreiz zur Müllvermeidung setzt: „Hersteller unnötiger Verpackungen müssen nicht viel für eine Lizenzierung bezahlen, denn die Anbieter unterbieten sich im Wettbewerb um den niedrigsten Preis.“ Er schlägt stattdessen vor, die Unternehmen finanziell zu belohnen, wenn sie mehr umweltfreundliche und recycelbare Verpackungen lizenzieren. Dann würden die Preise für deren Lizenzierung sinken und auch die Hersteller hätten einen Anreiz zum Umdenken.

In unserer Serie „Wie wollen wir jetzt Leben?“ stellen wir Ihnen vom 7. bis zum 14. November Ideen für eine nachhaltige Welt vor.

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