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Hilfe übers Web: Warum Nachbarschaftsnetzwerke gerade so gut funktionieren

  • Während der Corona-Krise organisieren Menschen vermehrt Hilfsaktionen über Internetplattformen.
  • Rund 12.000 Beiträge wurden in dieser Weihnachtszeit auf nebenan.de veröffentlicht.
  • „Die Menschen halten im Kleinen zusammen“, sagt Ina Remmels, Geschäftsführerin des Nachbarschaftsportals.
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Kaum hatte sie den Spendenaufruf ins Netz gestellt, war ihr kleiner Fiat auch schon voll beladen. „Ich bin wirklich baff!“, sagt Susanne, mit dieser Spendenbereitschaft ihrer Nachbarinnen und Nachbarn hätte sie nicht gerechnet. Die Frau aus einer kleinen Gemeinde nahe Berlin hatte auf einer Onlineplattform ihre Nachbarn dazu aufgerufen, Spiel- und Bastelsachen als Weihnachtsgeschenke für die Kinder der Arche zu spenden. Nach 24 Stunden musste sie ihr Posting schließen, „sonst hätte ich einen LKW auf die Straße stellen müssen“.

Dieses Corona-Jahr hat eben nicht nur Missstände aufgedeckt, es hat auch Erstaunliches zutage gefördert. Etwas, über das wir viel zu selten sprechen, was aber, wenn wir genau hingucken, selbst in den Großstädten immer noch zu finden ist: die Nächstenliebe. Ihre pragmatische Umsetzung findet sie in den Abertausenden kleinen und großen Nachbarschaftsinitiativen, die sich in den Gemeinden und Städten der Republik entwickelt haben. Sichtbar mal ganz analog als Zettel im Hausflur mit dem Angebot, für die Nachbarn einkaufen gehen zu können. Oder digital als Posting in einem der Nachbarschaftsportale.

Über Onlineplattformen organisiert

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Als treibe sie eine Sehnsucht danach an, dieser Krise etwas entgegenzusetzen, gehen täglich Dutzende neuer Angebote und Aufrufe online: eine Einladung fürs Weihnachtsessen etwa, um den Heiligabend nicht allein verbringen zu müssen. Eine Nachbarschaft, die zu Weihnachten Fenster besonders dekoriert und Süßigkeiten in den Vorgarten legt, damit die Kinder einen besonderen Nikolausspaziergang haben. Oder ein Familienvater, der händeringend jemanden sucht, der für seine Kinder den Weihnachtsmann spielt – und der 17-jährige Nachbarsjunge einspringt.

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Allein auf der Onlineplattform nebenan.de wurden in dieser Weihnachtszeit rund 12.000 Beiträge veröffentlicht. Seit Beginn der Corona-Pandemie sind viele neue Nutzerinnen und Nutzer hinzugekommen. Inzwischen sind 1,7 Millionen Nachbarinnen und Nachbarn über diese Plattform organisiert. „Was mich in diesem Jahr so beeindruckt hat, war zu sehen, wie unsere Welt im Großen sehr abstrakt wurde, die Menschen aber im Kleinen zusammengehalten haben. Viele hatten und haben das Bedürfnis anzupacken“, sagt Ina Remmers, Mitbegründerin des Nachbarschaftsnetzwerks.

Menschen brauchen Heimat

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Während im ersten Lockdown die Hilfsangebote, etwa fürs Einkaufen, deutlich zunahmen, werde das Thema Einsamkeit immer bedeutsamer. Ohnehin ein Thema an Weihnachten, aber inzwischen fehlten den Menschen echte Begegnungen, so Remmers. Ein Weihnachtsessen, gemeinsames Singen am Balkon, ein Gruß aus dem dekorierten Fenster – sie mögen klein sein, diese Begegnungen, aber sie geben den Menschen in dieser Krise das Gefühl, etwas bewirken zu können. „Das Schöne an unserem Job ist, dass wir täglich in unsere Gesellschaft gucken können und sehen, wie viel Gutes da geschieht“, sagt Remmers.

Fünf Jahre ist es her, als sie gemeinsam mit fünf Männern die Plattform gegründet hat. Sie lebt inzwischen in Berlin, doch aufgewachsen ist Ina Remmers in einem kleinen Dorf. Und das Gefühl dazu hat sie immer noch in sich verankert. „Diese Sehnsucht nach Heimat ist ein Teil von uns. Ich glaube, uns Menschen geht es deutlich besser, wenn wir beheimatet sind.“ Und dazu zähle eben nicht nur ein schönes Zuhause, sondern ein Blick fürs Umfeld – ob nun im kleinen Dorf oder auch in der Großstadt.

Kindern vor Ort helfen

So wie Janine. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in München. Auch sie hat binnen kürzester Zeit ihr Auto voll beladen mit Spenden aus der Nachbarschaft. Nach ihrem Aufruf auf der Onlineplattform hatten ihr die Menschen Winterkleidung, Spielzeug, Haushaltsgeräte oder auch Weihnachtsdekoration vor die Haustür gelegt. Janine hat die Spenden dann an ein Sozialprojekt für benachteiligte Kinder und Familien im Münchner Brennpunkt Hasenbergl gebracht. „Corona macht mit uns allen was. Wir sind privilegiert, trotzdem ist die Zeit anstrengend. Sozial benachteiligte Familien aber trifft die Krise doch besonders hart“, sagt Janine.

Zu helfen war ihr schon immer ein Anliegen. Seit sieben Jahren ist ihre Familie Pate für einen Jugendlichen aus einem sozialen Brennpunkt. An Weihnachten hat sie stets kleine Geschenke ins Ausland verschickt. In diesem Jahr nun hat sie das erste Mal online nach Mitstreitern gesucht. „Diesem Virus kann ich vielleicht nichts entgegensetzen. Aber den Menschen, denen kann ich helfen.“ Dafür sei sie dankbar. Und diese Art der Vernetzung, davon profitiere sie auch selbst. „Auf einmal aber merkt man, dass hier lauter Leute wohnen, die eine ähnliche Haltung wie wir haben. Die wohnen vielleicht nicht im gleichen Haus, aber drei Straßen weiter. Sonst hätte ich sie vielleicht nicht kennengelernt. Jetzt weiß ich aber, dass sie da sind, und das gibt mir ein gutes Gefühl.“

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