Her mit dem Papierkram

  • Papier ist ein Material mit einer langen Tradition und vielseitig einsetzbar.
  • Künstler und Designer entdecken den Werkstoff wieder und kreieren Stücke aus Papier.
  • Auch in Handarbeit hergestellte Pop-up-Bücher erleben derzeit ein Comeback.
Martina Sulner
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Hannover. Das Papier hat ein Beamter erfunden. Ein gewisser Ts’ai Lun soll ausgetüftelt haben, wie es sich herstellen lässt. Die Idee des chinesischen Staatsdieners war, Fasern von Seide, Baumrinde und Bast zu zerstampfen, zu wässern und nach dem Schöpfen zu trocknen. Rund 2100 Jahre ist es her, dass dieses Verfahren entwickelt wurde. Eine papierlose Welt war danach lange nahezu unvorstellbar – zumindest bis zum Beginn der Digitalisierung. Da sank das Image des Materials beträchtlich.

Seit Kurzem zeigen Künstler wie die Mainzerin Angela Glajcar, wie kreativ sich mit dem vermeintlich altmodischen Werkstoff umgehen lässt. “Paperwall” heißen einige von Glajcars neueren Arbeiten. Diese Wände aus zerrissenem Papier auf hellem Untergrund, die zwar alle den gleichen Titel tragen, sich in Ausführung und Format aber unterscheiden, wirken filigran, zugleich aber kraftvoll. Ebenso wie eine Papierskulptur aus der Serie “Terforation”, die es auf die Maße von 138 mal 200 Zentimeter bringt und von der Decke hängt. Die Wirkung ist beachtlich: “Terforation” ist voluminös – und sieht dennoch federleicht aus.

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Vielseitig einsetzbar: Papier in der Kunst

Vielleicht ist es die Verbindung von widersprüchlich scheinenden Eigenschaften, die Papier als Material für Künstler interessant macht. Es ist nicht nur sprichwörtlich geduldig, sondern tatsächlich auch fest und dabei biegsam, es lässt sich ebenso zerknüllen wie fein falten.

“Historisch hatte Papier lange den Ruf, eher das dienende Material für die Skizze, das Modell oder die Vorzeichnung zu sein”, sagt Kristian Jarmuschek, der die Kunstmesse Paper Positions organisiert, die vom 30. April bis 3. Mai in Berlin zu sehen sein wird. Er schwärmt von der “unglaublichen Bandbreite an Arten, dieses Material als Werkstoff zu nutzen”. Seine Einschätzung: “Mit dem Medium Papier scheinen Künstler oft mehr Freiheit zu verspüren, auch unmittelbarer, beiläufiger, vorläufiger und letztendlich experimentierfreudiger arbeiten zu können.“

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Dass Künstler auf Papier zeichnen und aquarellieren ist ein alter Hut, und Arbeiten aus Papiermaché oder Pappe finden sich in der Kunstgeschichte auch. Doch viele jüngere Künstler entdecken das alte Material wieder und arbeiten, so Jarmuschek, gern gefundene Papiere in ihre Collagen ein. Möglicherweise seien diese Arbeiten und auch solche, in denen alte Drucktechniken angewendet werden, auch als Reflex auf eine zunehmend digitalisierte Welt zu verstehen, meint der Ausstellungsmacher. Beliebt seien solche Drucktechniken, “in denen der Zufall eine gewisse Rolle spielt und das Ergebnis nicht vollständig planbar und immer einzigartig und unberechenbar ist”.

Pop-up-Bücher liegen wieder im Trend

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Als “unsere Geheimwaffe gegen digitale Bücher” bezeichnet Verleger Edmund Jacoby die Pop-up-Titel, die im Berliner Verlag Stuart & Jacoby erscheinen. Für aufklappbare Bücher wie “Oh, mein schöner Hut” oder “Märchentheater” begeistern sich laut Verleger nicht nur nostalgische Eltern oder Großeltern: “Kinder mögen das gern, weil sie damit spielen können”, sagt er. Noch heute werden laut Jacoby die kleinen Papierkunstwerke, deren Fertigung im 19. Jahrhundert perfektioniert wurde, “nur in Handarbeit hergestellt und sind deshalb nicht ganz billig”.

Einmal öffnen – und schon klappt man im Pop-up-Buch eine mehrdimensionale Welt auf. © Quelle: Stuart & Jacoby

Im Kinderbuchbereich, in dem ein Buch für 24 Euro schon als hochpreisig gilt, mag das gelten. Grundsätzlich jedoch ist Papier ein vergleichsweise preiswertes Material. Möglicherweise versuchen sich auch deshalb zahlreiche Hobbykünstler an Papierarbeiten. In sozialen Netzwerken präsentieren viele von ihnen ihre Ergebnisse – das reicht von der liebevoll gestalteten Geburtstagskarte über kleine Figuren bis zu aufwendig gefalteten Origami-Tierplastiken.

Auch Käufer von papierenen Kunstwerken müssen nicht ganz tief in die Tasche greifen. “Natürlich sind Werke auf Papier oft nicht so groß und somit auch nicht so teuer. Sie brauchen oft keine riesigen Wände und können somit eine wunderbare Einstiegsdroge für potenzielle Kunstsammler sein”, sagt Ausstellungsmacher Jarmuschek. “Wenn man erfahrene Sammler fragt, welches das erste Werk gewesen ist, das sie gekauft haben, dann ist es sehr oft eine Arbeit aus, auf oder mit Papier.“

Designer entdecken das Material wieder

Auch bei Designern steht Papier hoch im Kurs. Manche fertigen daraus Schmuck, andere nutzen es für Taschen und Schals. Silke Janssen etwa verwebt für ihre Taschen auch Garn, das aus Zeitungen oder Einkaufstüten hergestellt ist. Und mit der Japandi-Einrichtungswelle, die fernöstliche und skandinavische Stilelemente verbindet, sind verstärkt japanische Schranktüren oder Raumteiler aus Reispapier auf den Markt gekommen. Sie verweisen nicht nur auf traditionelle japanische Raumgestaltung, sondern auch auf ein Bedürfnis vieler Menschen nach einer Einrichtung, die Leichtigkeit ausstrahlt und unkompliziert wirkt. Zudem lassen sich Paravents aus Papier und Papphocker ökologischer herstellen und entsorgen als Regale aus Metall und Holz oder Plastikstühle.

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Immer wieder versuchen sich Designer auch an Kleidung aus Papier. Die Regensburgerin Paula Dischinger zeigte in ihrer Frühjahrs-Sommer-Kollektion 2019 Abendkleider aus Papierstreifen, Kragen aus Eierkartons und gefaltete Papierröcke. Allerdings: In den Regen sollte man mit diesen extravaganten Teilen besser nicht geraten.

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