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Gute Nacht, kleines Monster! Warum der Abschied vom Auto so schwerfällt

  • Das Auto gilt als Teufelszeug der Stunde. Seine Gegner träumen von Lastenfahrrädern und kostenlosem Nahverkehr.
  • Doch das Auto ist mehr als ein Vehikel, um von A nach B zu kommen. Es ist ein Zuhause auf Rädern, eine Höhle auf Zeit und ein Symbol der Freiheit.
  • Wer die Verkehrswende wirklich will, muss die Psychologie hinter der deutschen Autosehnsucht verstehen.
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Hannover. Der Mann mit der Knollennase trägt Hut und Aktentasche. Sanft schließt er das Garagentor, wirft noch einen letzten Blick auf sein „schlummerndes“ Vehikel und sagt liebevoll: „Gute Nacht, kleines Monster!“ Rund 60 Jahre alt ist die Karikatur von Loriot, ein VW Käfer kostete damals rund 6000 D‑Mark. Und kaum jemals wieder hat ein Humorist seither das emotionale Verhältnis zwischen den Deutschen und ihren Autos treffender skizziert. Zwischen Gefährt und Gefährte liegt im Deutschen nur ein Buchstabe.

Richtig ist natürlich: Das Auto in seiner jetzigen Darreichungsform trägt massiv zur Zerstörung des Planeten bei. Das Primat des motorisierten Individualverkehrs frisst Grünflächen, ist umweltschädlich, verbraucht endliche Rohstoffe und gefährdet Menschenleben – ganz egal, ob es elektrisch betrieben wird oder herkömmlich durch gezähmte, kleine Explosionen von Erdölprodukten. Blechlawinen, Luftverschmutzung, Unfälle: Die geliebte Boden-Boden-Rakete des kleinen Mannes ist ein ökologisches Desaster. Denn 70 Prozent der Umweltbelastung entstehen bei der Herstellung und Entsorgung, nicht beim Betrieb – ob elektrisch oder nicht.

Und trotzdem ist die Mär vom „Boom nachhaltiger Alternativmobile“ eine mediale Luftspiegelung. Mögen noch so viele Elektroroller in den Städten herumstehen, mögen noch so viele urbane Hipsterpärchen 12‑Euro-Ananas per Lastenrad vom Wochenmarkt in die Altbauwohnung karren – die große Mehrheit der Deutschen kauft weiterhin Autos wie geschnitten Brot, elektrisch oder nicht. Noch nie waren so viele Autos in diesem Land zugelassen wie jetzt: 66,9 Millionen Stück – der höchste Wert aller Zeiten. Das „Prinzip Auto“ droht am eigenen Erfolg zu ersticken. Kein Wunder, wenn der Bus auf dem Lande nur dienstags fährt.

Alle Gewissens- und Vernunftappelle, alle Wutreden und Pro-Verkehrswende-Demos scheinen auf taube Ohren zu stoßen. Es ist, als sprächen Autonutzer und Autogegner zwei unterschiedliche Sprachen. Das hat Gründe. Denn mag die Autoliebe auch schleichend erkalten – erloschen ist sie noch lange nicht. Das zeigen frische Zahlen: 73 Prozent der Deutschen bezeichnen in einer YouGov-Umfrage das Auto als ihr liebstes Verkehrsmittel, gefolgt von den eigenen Füßen (38 Prozent), dem Fahrrad (29 Prozent) und dem Zug (15 Prozent). 82 Prozent aller Deutschen können sich ihren Alltag nicht ohne Auto vorstellen. Nur für 7 Prozent der Befragten ist das Auto dabei ein Statussymbol. Bei den Jüngeren sind es hingegen 15 Prozent.

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Veloroute in der Großstadt: Jeder zehnte Erwerbstätige fährt nach Angaben des Statistischen Bundesamtes mit dem Fahrrad zur Arbeit. © Quelle: Julian Stratenschulte/dpa

Bitte? Hieß es nicht jahrelang, das Auto verliere bei den Jüngeren seinen Nimbus als Nachkriegs-Statussymbol, gelte weithin als rückständige Rußschleuder? Hieß es nicht, der eigene Führerschein sei längst uncool? Von „Entemotionalisierung“ war die Rede, auch von besitzloser Mobilität, Carsharing und Gruppentaxis als Zukunftsmodell. Große Magazinstorys berichteten vom neuen, nüchternen Pragmatismus der Post-Verbrenner-Generation. Stattdessen erlebt die Liebe zum Auto in der Pandemie eine Renaissance. „87 Prozent der Verbraucher weltweit bevorzugen die Nutzung eines privaten Fahrzeugs“, meldete die Unternehmensberatung Capgemini. Vor Corona waren es 57 Prozent. Selbst bei den 18- bis 29-Jährigen sagen 72 Prozent: Ohne Auto? Nein danke.

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Damit kein Missverständnis aufkommt: Gewiss ist es höchste Zeit, das Vorrecht für Autos im Verkehr zu überdenken. Pendlerpauschale, Dienstwagenprivileg, Subventionen – die künstliche politische Strukturfestigung der Autonation Deutschland braucht ein Update. Die Bahn benötigt endlich massive Investitionen (und niedrigere Fahrpreise). Und dass grüne, verkehrsbefreite Stadtzentren ein großer Gewinn sind, wird jeder bestätigen, der den Blick gehoben und schon einmal eine grüne, europäische Pioniermetropole wie London, Kopenhagen, Madrid, Mailand, Stockholm oder Wien besucht hat. Der Trend ist unumkehrbar.

Bei der gesamten Debatte geht es viel um Psychologie

Aber auf dem Weg dahin nützt es wenig, wenn zürnende Radler die Liebe der Deutschen zum Auto als gestrigen Spießbürgerstolz bespötteln, wenn sie das Auto selbst zum Kompensationsvehikel für allerlei individuelle Gebrechen erklären. Natürlich dient manches Auto auch als Potenzkrücke ungefestigter Jungmachos mit Spoilerfetisch. Doch wer die Verkehrswende wirklich will, der muss die Psychologie hinter der Autopräferenz von Millionen Normalmenschen verstehen und eine Antwort auf die Frage finden, wie die Bedürfnisse, die das Auto nun mal erfüllt, in Zukunft kompensiert werden können. Alles andere ist Augenwischerei.

Denn es geht beim Auto ja nur am Rande darum, von A nach B zu kommen. Was beim Handy die Telefonierfähigkeit ist, ist beim Auto die Mobilität an sich: Eine Grundfunktion, die längst keine Emotionen mehr auslöst. Gewiss kann man seinen Porree zumindest in Großstädten auch im Lastenrad Babboe Curve‑E 7K HD 450 für 3200 Euro nach Hause fahren. Aber das führt am Thema vorbei.

Der Wirtschaftspsychologe Rüdiger Hossiep von der Ruhr Universität Bochum beklagt: „Die ganze Umweltdebatte wird neben der Kappe geführt, weil die Leute schlicht nicht informiert sind.“ So müsse man, wenn man den Kraftstoffverbrauch berücksichtige, eigentlich auch den öffentlichen Personennahverkehr abschaffen. Denn: „Gut sieben Liter Sprit pro 100 Kilometer und Person stehen da etwa fünf Litern beim Autofahren gegenüber.“ Das Auto, sagt Hossiep, sei weniger ein Transportvehikel, als vor allem „ein sozialer Raum zum Mitnehmen, quasi das gepanzerte Selbst“.

Und darum geht es im Kern bis heute. Das Auto ist nicht bloß willfähriges Nutztier, nicht bloß Mittel zum Zweck. Es ist ein Zuhause auf Rädern, eine vertraute Höhle, die selbst auf abwegigsten Pisten im Nirgendwo noch Heimatgefühle erzeugen kann. Im Dauerregen in Nordengland am Ende des langen Urlaubstages in ein fröhlich vermülltes Auto voller vertrautem Krempel zurückzukehren, kann sich sehr gut anfühlen. Forscher vergleichen das Verhältnis von Autoenthusiasten mit dem eines Cowboys zu seinem Pferd: Dem Begleiter soll es gut gehen, er wird gehegt und gepflegt. Nur dass das Auto eben nicht gestriegelt wird, sondern poliert.

Hoffnungsträger und Zankapfel: Ist ein Lastenrad nur etwas für großstädtische Hipster? © Quelle: Annette Riedl/dpa

Gleichzeitig ist das Auto eine Schutzzelle vor den Zumutungen der Welt. Es gibt einen Grund, warum sich am Steuer der dicksten SUVs die zerbrechlichsten kleinen Dämchen finden: In unübersichtlichen Zeiten sitzt man im Auto gern etwas höher. Der SUV-Verkauf boomt, seit sich die Welt als zunehmend komplex erweist und vielerlei Gewissheiten erodieren. Gleichzeitig werden die „Autogesichter“ neuerer Modelle immer aggressiver und unnahbarer – mit tief heruntergezogenen „Augenbrauen“ und zu zornigen Schlitzen verengten Augen. Die Zeit der „lächelnden“ Kleinwagen scheint vorbei.

Es klingt paradox, aber ausgerechnet eine fragile Blechkugel, die mit 140 Kilometern pro Stunde über ein Asphaltband rast, gibt Millionen Menschen das Gefühl von Souveränität und Sicherheit. Praktisch jeder Autofahrer weltweit hält sich selbst für einen überdurchschnittlichen Lenker, auch wenn es Studien zufolge 100.000 Kilometer dauert, bis ein Führerscheinneuling das Autofahren wirklich beherrscht.

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Gewiss fördert die Isolation hinterm Steuer asoziales Verhalten, weil sich Drängler, Pöbler und Raser im phallischen Blechkokon ihrer Träume unverletzbar fühlen. Die Aggression rührt auch daher, dass die Realität auf deutschen Straßen die goldenen, stylishen Versprechen der Werbung einfach nicht erfüllen mag. In der BMW-Werbung sind die Straßen immer frei. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Staus, keine Parkplätze, Baustellen. Das führt zu Frust, und Frust drückt automatisch das Gaspedal.

Das Zukunftsmodell? Eine Familie im Auto, das erneuerbare Energie nutzt. © Quelle: imago images/Ikon Images

Doch trotz des Kriegs auf deutschen Autobahnen, trotz der endlosen Lasterkolonnen, der hohen Benzinpreise und der drohenden ökologischen Katastrophe behagt es Millionen Menschen weiterhin ungemein, selbst zu bestimmen, wann, mit wem, wohin und wie schnell sie sich bewegen (staufreie Strecken vorausgesetzt). Wer auch immer über die Verkehrswende debattiert, muss berücksichtigen, dass das Auto sehr vielen Menschen nicht nichts bedeutet. 10,8 Autos besitzt der Deutsche im Schnitt in seinem Leben. „Geschwindigkeit“, schrieb Aldous Huxley („Schöne, neue Welt“), „ist der einzige neue Rausch, den das 20. Jahrhundert erfunden hat“.

Das Auto ist ein Objekt der Irrationalität, dessen Attraktivität mit Sachargumenten kaum beizukommen ist. Die Fähigkeit des menschlichen Geistes, unbelebten Gegenständen quasi eine Seele zu verleihen, sie zu „animieren“, ist erstaunlich. Eine Sonderregion in unserem Gehirn, das fusiforme Gesichtsareal, sorgt dafür, dass wir Autoscheinwerfer oft als Augen und den Kühlergrill als Mund wahrnehmen. „Der Mensch kann alles lieben“, sagte der Tübinger Hirnforscher Niels Birbaumer der „Welt“. Das könnten der Partner, die Familie, Gott oder ein Haustier sein, aber eben auch das eigene Auto. „Im Gehirn gibt es keine Schaltkreise, in denen das Liebesobjekt unwiderruflich festgelegt ist.“ 34 Prozent der Autobesitzer geben ihrem Gefährt einen Namen, 15 Prozent reden gar mit ihm. Gute Nacht, kleines Monster!

Die Verteufelung der Automobilität hilft nicht weiter

Was wäre also ein Weg aus der Misere, aus dem zerstörerischen fossilen Automobilismus? Es würde schon helfen, wenn die Alternativangebote zum herkömmlichen Auto keine halbherzigen Mobilitätskrücken wären, keine vermüllten S‑Bahnhöfe, verspäteten ICEs, plötzlich endenden Fahrradspuren und teuren Shuttles, sondern ebenso attraktiv wie die Erfolgsgeschichte Auto: schnurrende Schnellbahnen in kurzem Takt. Leise, sichere, per App individuell buchbare Sammeltransporter. Massenhaft Ladesäulen für kleine, sinnvoll vernetzte elektrische Stadtflitzer. Möglich, dass auch dann nicht jeder Porschefahrer sich ein Monatsticket für Bus und Bahn kauft. Aber was ganz sicher nicht hilft: die Verteufelung der Automobilität.

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