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Grüner Rückzugsort: Mein Schrebergarten hat mich in der Pandemie gerettet

  • Gärtnern ist derzeit beliebt wie nie.
  • Auch unsere Gartenbloggerin Anja Klein ist sich sicher – es war ihr Garten, der sie vor der Pandemie und den Begleiterscheinungen gerettet hat.
  • In den Wochen des Lockdowns ist ihr das Schrebergärtnern noch dichter ans Herz gewachsen.
Anja Klein
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Vielleicht sind es am Ende die Gärtner, die die Welt retten.

Ich weiß nicht mehr, wo ich diesen Satz aufgeschnappt habe, aber er ist tief in mich hinein gesunken. Wie ein Samenkorn in fruchtbarer Erde keimt er seitdem in mir, bildet Blatt für Blatt und wächst langsam aber beharrlich vor sich hin. In den letzten Wochen und Monaten ist er geradezu explodiert.

Die Corona-Krise ist wie ein Film ohne Zuschauer

Verrückte Wochen. In manchen Momenten kann ich immer noch nicht glauben, dass das, was passiert, wirklich passiert. Fühle mich wie in einem Horrorfilm. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, alles scheint in bester Ordnung. Nur die Filmmusik verrät dem Zuschauer, dass hinter der nächsten Ecke ein Zombie lauert. Entscheidender Unterschied: in diesem Film gibt es keine Zuschauer. Alle spielen mit. Die Teilnahme ist quasi alternativlos und der Zombie unsichtbar.

Auf der letzten offiziellen Veranstaltung, die wir zwei Tage vor dem Lockdown besucht haben, gab es Corona-Bier und Zwiebeln gegen die Viren. Klingt heute wie ein Witz. Zeigt aber letztlich nur, wie unvorstellbar der Ernst der Lage bis zuletzt war. Die Veranstaltung hat uns übrigens den Titel “Gartenblog des Jahres 2020” eingebracht. Haben wir noch gar nicht so richtig gefeiert. Aus Gründen. Aber gefreut haben wir uns trotzdem sehr darüber.

Autorin Anja Klein liebt ihren Garten. Was dort passiert, beschreibt sie auf ihrem Blog „Der kleine Horrorgarten“.
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Ganz sicher war es ein Garten, der mich gerettet hat

Schon als Kind war der Garten mein Zufluchtsort. Hier war ich sicher vor dem Mist, den die erwachsenen Menschen in meinem Leben mitunter fabrizierten. Ich lag geborgen im Gras und beobachtete die Blumen, Bienen und Käfer. Soviel Schönheit war irgendwie tröstlich. Und heilsam. Den Blumen konnte ich immer alles erzählen. Sie haben zugehört, mit ihren Köpfchen genickt und liebevoll gelächelt. Was konnte ich anders tun, als zurück zu lächeln?

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Bis heute empfinde ich das so. Mit dem Herunterdrücken der Türklinke unseres Gartentörchens heben sich meine Mundwinkel. Da gibt es irgendeine unsichtbare Verbindung. Wie im Marionettentheater. Ich bin die Marionette, der Garten ist der Spieler und er meint es gut mit mir.

Seit dem Lockdown haben wir jede freie Minute (und davon gab es einige) in unserem Schrebergarten verbracht. Nur dort, mit den Händen in der Erde, stoppte mein Gedankenkarussell. Während ich Beet für Beet mit der Grabegabel lockerte, Unkraut zupfte und Blumensamen verstreute, verschwanden Anspannung und Ängste. Die Natur war so unglaublich unbeeindruckt von der allgemeinen Panikstimmung. Im Gegenteil sogar, sie war bestens gelaunt. Sonnenschein satt. Ein Tag schöner und strahlender als der andere.

In guten, wie in Garten-Zeiten

Wir waren nicht allein in der Kleingartenanlage. Fast in jeder Parzelle wurde gegraben und gepflanzt. Alle, alle, alle waren sie plötzlich in ihren Gärten. Sogar nahezu verwilderte Gärten wurden wieder hergerichtet (zumindest soweit, dass ein Liegestuhl und ein Kasten Bier darin Platz hatten). In manchen Gärten war es auch eine Kinderrutsche oder ein Sandkasten. Enkel nutzen am Abend Opas Garten zum Abhängen mit ihren Freunden (selbstverständlich unter Einhaltung der geltenden Abstandsregeln, hüstel) und verteilten dafür (hoffentlich) die ein oder andere Gießkanne auf den Gemüsebeeten. Denn die Sonne schien und schien und keine Wolke war zu sehen (ach, höchstens eine ganz kleine feine).

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Ich bin dann mal im Garten. Mein Standardsatz und das nicht erst seit Corona. Ich würde ihn in Zukunft gern öfter hören. Ich wünsche mir, dass sich das Gartenvirus, die neue Lust am Gärtnern, an eigenem Obst und Gemüse, an bunten Blumen und wertvoller Gartenzeit (im Gegensatz zu Corona) ungebremst ausbreitet. Slow Gardening ist so viel wertvoller und sinnstiftender als Fast Fashion und Big Business. Gärten für alle! Das wäre ein politischer Slogan nach meinem Geschmack.

Kommt, wir gründen die Gartenpartei. Wer im Garten das Wunder des Lebens mit den eigenen Händen begreift, wer erlebt, wie aus einem winzigen Samenkorn eine wunderschöne Blume oder eine leckere Tomate wird, der geht respektvoller und umsichtiger mit der Natur und allen Lebewesen darin um. Das ist zumindest meine große Hoffnung. Und dann wären es am Ende wirklich die Gärtner und Gärtnerinnen, die die Welt retten.

Zu dem Text “Gärtnern in Zeiten von Corona” wurde ich von Ruth und Anke, den Macherinnen der Seite gardensinthetimesofcorona.com inspiriert. Zwei tolle Frauen, ein tolles Projekt. Eine Art Zeitkapsel, voller großartiger Texte über diese besondere Zeit aus Sicht von Gärtner*innen.

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