Beliebte Gesellschaftsspiele: Warum sie uns so viel Spaß machen

  • Vor 150 Jahren wurde der Erfinder des Welterfolgs „Mensch ärgere dich nicht“ geboren.
  • Doch Spiele machen nicht nur Spaß, sondern trainieren auch die emotionale Stabilität.
  • Ein Spieleforscher erklärt, warum wir so gern würfeln und Figuren setzen.
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Draußen Kälte und drinnen Langeweile: So sah das an einem Wintertag im Jahr 1907 in der Lilienstraße im Münchner Stadtteil Au-Haidhausen aus. Josef Friedrich Schmidt, Unternehmer und Vater von drei Kindern, dachte sich etwas aus, um die Familie bei Laune zu halten: Er soll eine alte Hutschachtel genommen und darauf ein Spielfeld gezeichnet haben.

Drei Jahre später erschien offiziell die erste Ausgabe des Spiels, für das Schmidt in der Zwischenzeit auch einen passenden Namen gefunden hatte: „Mensch ärgere dich nicht.“ Vor genau 150 Jahren wurde der Begründer der Schmidt-Spiele geboren. Noch heute zählt seine erste Erfindung hierzulande zu den Klassikern unter den Gesellschaftsspielen. Was macht den Reiz von „Mensch ärgere dich nicht“ aus?

Alter und Wissen zählen nicht

Um das quadratische Spielbrett mit der kreuzförmigen Zeichnung in der Mitte versammeln sich Menschen aller Generationen, Spielefans wie Spielemuffel. Selbst eine Weltmeisterschaft gibt es. Seine Popularität verdankt das Spiel seinem besonderen Charakter: „Es gleicht die Menschen einander an“, sagt Jens Junge.

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Als Direktor des Instituts für Ludologie (Spielwissenschaft) befasst er sich mit Geschichte, Hintergrund und modernen Entwicklungen auf dem Gebiet der Gesellschaftsspiele. „Alle, die bei ‚Mensch ärgere dich nicht‘ am Tisch sitzen, lassen sich darauf ein, vom Zufallselement Würfel geleitet zu werden“, sagt Junge. „Dabei ist es egal, wie viel man weiß, wie alt oder wie stark man ist.“

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Motive aus dem Buddhismus

Darüber hinaus bedient das Spiel Junge zufolge ein „urmenschliches Gefühl, nämlich den Wunsch, die Herausforderungen des Lebens zu meistern und sich bei Misserfolgen in Akzeptanz zu üben“. Die Idee ist noch älter als Schmidts Erfindung. Deren direkter Vorläufer ist das indische „Pachisi“, das vor über 1500 Jahren entstand. Über die britische Besatzung kam es als „Ludo“ nach Europa und diente letztlich auch dem Unternehmer Schmidt als Inspiration.

“Wie viele Spiele war auch ‚Pachisi‘ als Modell der Wirklichkeit gedacht“, erklärt Junge, „als Symbol für das, was wir Tag für Tag erleben.“ Als Grundlage für „Pachisi“ dienen zentrale Leitmotive des aus Indien stammenden Buddhismus: Etwa die Annahme, dass das Leben automatisch mit großen und kleinen Leiden verbunden ist, ist im Spiel symbolisiert durch Würfelpech und den Rauswurf. Eine geschlagene Spielfigur wird gewissermaßen „wiedergeboren“ und muss noch einmal von vorne anfangen, die einzelnen Felder abzulaufen.

Oft kopiertes Prinzip

„Andere Laufspiele funktionieren nach einem ähnlichen Prinzip“, erläutert Junge. Als eins der ältesten Laufspiele gilt das Gänsespiel, bei dem die Spielfiguren über spiralförmig angelegte Felder bis zum Ziel ziehen, dem Gänsegarten. Auf dem Weg dorthin warten zum Beispiel ein Labyrinth, ein Gefängnis und der Tod in Form eines Fuchses, aber auch Felder, die dem jeweiligen Spieler einen Vorteil verschaffen. Indirekt verwandt mit „Mensch ärgere dich nicht“ sind auch „Fang den Hut“ und „Malefiz“. Und nicht umsonst ähneln die typischen Spielfiguren mit ihrem runden Kopf und dem kegelförmigen Körper der menschlichen Erscheinungsform.

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Jedoch sieht der Spielewissenschaftler Junge einen entscheidenden Unterschied zum wahren Leben: „In dem Moment, in dem wir uns an den Tisch setzen, verlassen wir die Wirklichkeit und treten ein in einen Zauberkreis.“ Wer sich dann in Form seines Miniatur-Ichs aus Holz oder Kunststoff auf dem Spielbrett wiederfindet, lege mitunter Charaktereigenschaften, Emotionen und Verhaltensweisen an den Tag, die im Alltag sonst eher verborgen blieben – beispielsweise einmal so richtig gemein zu sein, laut zu fluchen oder sich lauthals über schlechte Würfelwürfe zu beklagen.

Kinder auf die Probe stellen

Einerseits lerne man damit sich selbst und die anderen Mitspieler und -spielerinnen besser kennen. „Und andererseits können insbesondere Eltern ihre Kinder damit gewissermaßen auf die Probe stellen“, sagt Junge. Wenn der Vater beispielsweise sehe, dass der Nachwuchs schon kurz vor dem Haus steht, könne er auf die Idee kommen, kurzerhand die Regeln zu ändern. „Und dann kann er schauen, wie das Kind darauf reagiert“ – zum Beispiel, ob es sich von seinen Gefühlen mitreißen lasse, wütend werde und das Spielfeld vom Tisch haue oder lieber sachlich gegen die Regeländerung argumentiere. „Auf diese Weise trainiert dieses Spiel seit Jahrzehnten damit emotionale Stabilität, und das über Generationen hinweg“, sagt Junge.

Entscheidend ist also am Ende gar nicht, wer gewinnt. Sondern mehr, wem es eher gelingt, sich von den unkontrollierbaren, zufälligen Ereignissen nicht aus der Ruhe bringen zu lassen – und sich eben nicht zu ärgern.

Gesellschaftsspiele in der Pandemie neu entdeckt

Etwa 34 Millionen Deutsche spielen mindestens einmal im Monat Gesellschaftsspiele. Hermann Hutter vom Branchenverband Spieleverlage sagt: „Die Menschen können miteinander lachen, alle Formen von Emotionen zeigen“, gemeinsam etwas erleben. Als man in den Lockdownphasen der Pandemie gewesen sei, hätten viele das Spielen für sich und ihre Familie neu entdeckt. Diese Erstspieler werden auch weiter zu Brettspielen greifen, glaubt er.

Seit rund 11. 500 vor Christus kennt man Gesellschaftsspiele. Zuerst waren es simple Spiele mit Steinchen oder Erbsen. Später amüsierte sich die Oberschicht mit kunstvollen Spielfiguren. Mit der Drucktechnik kamen Kartenspiele auf.

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