Fünf Freunde und ein kaputter Anlasser: Mein Leben als Automobilist

  • Das Auto gilt als Mobilitätsfossil. Und doch hat es weiter seinen festen Platz im Herzen der Deutschen.
  • Millionen Familien haben sich im Corona-Sommer noch einmal im eigenen Fahrzeug auf die Reise gemacht.
  • Hier erzählt Imre Grimm fünf Liebes- und Leidensgeschichten aus seinem Leben als Automobilist – Hammer und Meißel inklusive.
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Was dem Dänen der Hotdog ist, dem Italiener die Vespa und dem Amerikaner das halb automatische Sturmgewehr, ist dem Deutschen das Auto: geliebter Fetisch, Alltagsgefährte und Renommierobjekt. Mögen nachwachsende Generationen im Bemühen um ebensolche Rohstoffe sich auch spöttisch abwenden – das Auto hält hartnäckig seinen Sonderstatus im Kollektivbewusstsein als Boden-Boden-Rakete des kleinen Mannes.

Glanz und Elend eines Mobilitätsfossils

Im Corona-Sommer 2020 erlebten Millionen von ebenerdig Reisenden noch einmal Glanz und Elend dieses Mobilitätsfossils. Wie anno dazumal brachen sie auf, um über den Brenner nach Italien oder über die A7 nach Norden zu rollen. Oder in Hamburg im Stau zu stehen.

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Für mich bot sich Gelegenheit, mich an meine fünf verflossenen oder aktuellen Fahrzeuge zu erinnern. Sie hatten alle etwas gemeinsam. Und das war nicht etwa die Tatsache, dass ich mich bei allen fünf Modellen von Vernunft, Expertise und Geschmack habe leiten lassen.

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Mein erstes Auto: Renault 5, silberfarben

Nur noch von Leukoplast und Gebeten zusammengehalten: Renault 5. © Quelle: honorarfrei
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Mein erster Urlaub im eigenen Auto führte mich Anfang der Neunzigerjahre nach Paris – in einem Vehikel, das sich wie alle meine bisherigen Fahrzeuge durch eingeschränkte Imposanz auszeichnete. Es handelte sich um einen silberfarbenen Renault 5, wahrscheinlich Baujahr 1984, den meine Eltern zuvor bereits in Grund und Boden gefahren hatten.

Kurz vor dem Röcheltod des Franzosen übergaben sie mir mit großer Geste die Schlüssel zu der Schüssel, die nur noch von Leukoplast und Gebeten zusammengehalten wurde. Der Anlasser war kaputt. Um ihn zu starten, musste ich jedes Mal bei geöffneter Motorhaube mit Hammer und Meißel auf einen bestimmten Punkt im Motorraum kloppen und gleichzeitig per Fußpedal Gas geben.

Das ist aus Mangel an Körperteilen unmöglich. Also musste ich Passanten um Hilfe bitten. Ich hatte stets Hammer und Meißel im Handschuhfach. Bei Polizeikontrollen konnte ich behaupten, ich sei Auguste Rodin auf dem Weg zu einem skulpturellen Notfall.

Pöppel am Seitenfenster

Der Renault 5 war manuell zu verriegeln, indem ich den Pöppel am Seitenfenster drückte. Das tat ich gern, wenn der Schlüssel noch drin war. Einmal geschah dies im tiefen Nirgendwo der norddeutschen Tiefebene neben einem mafiösen griechischen Lokal. Ich betrat die Fetthölle durch den Kücheneingang und fragte nach Hilfe.

Ein Mann, der aussah wie Vlad, der Pfähler, griff wortlos nach etwas Silbrigem, ging zu meinem Auto und stellte sich neben das Schloss. Es machte “Klack!” – und mein Auto war geöffnet. Das ging schneller, als man “Bifteki” sagen konnte. Ich sagte “Danke” und griff zu Hammer und Meißel. Vlad gab Gas.

Mein zweites Auto: Peugeot 106 Palm Beach, blau

Ein Vehikel wie aus einem Theo-Lingen-Film: Peugeot 106 Palm Beach. © Quelle: Honorarfrei

Mein zweites eigenes Auto nach dem Renault 5 war entgegen jeder Erfahrung und im Widerspruch zu Vernunft und Logik wieder ein Franzose: und zwar ein ozeanblauer Peugeot 106, Modell Palm Beach. Neupreis im Jahr 1995: 17.990 Mark plus 920 Mark für die Servolenkung.

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Das Tollste war: Er fuhr ohne Hammer und Meißel los. Leider war er in einem Punkt seiner Zeit voraus: Es war ein Auto für hominide Männchen, die darauf verzichten, mit den Mitteln der Automobilität Weibchen zu beeindrucken. Das Ding hatte 45 PS und sah aus wie aus einem Theo-Lingen-Film. Es hieß Palm Beach, weil es ein Klappfenster im Dach hatte. Klimaanlage? 2265 Mark extra.

Weil ich so blöd war, das Ding neu zu kaufen, verlor es in dem Moment, in dem ich vom Händlerparkplatz rollte, etwa 80 Prozent seines Wertes. Leider hat Peugeot bei der Entwicklung nicht berücksichtigt, dass es in Palm Beach so gut wie nie regnet, in Norddeutschland dagegen praktisch durchgehend: Das Palm-Beach-Klappdach leckte wie ein Hirsch am Salzstein. Das Wasser sammelte sich an der hinteren Dachkante und tropfte mir von dort zielgenau in den Nacken. Lösung: mit Kapuze fahren oder den Kopf permanent leicht vorbeugen wie ein kurzsichtiges Huhn.

Die Fensterscheibenkurbel im linken Nasenloch

Der offizielle Werbeslogan für den Peugeot 106 lautete “Einfach riesig, der Kleine”. Das war eine dreiste Werbelüge. Theo Lingen hätte durchs Dachfenster gucken müssen. Den Versuch, auf einer Fahrt nach Holland im Auto zu übernachten, musste ich abbrechen, weil es für eine angemessene Unterbringung sämtlicher Extremitäten entweder nicht genügend Platz im Auto oder nicht genügend Klappgelenke an meinem Körper gab.

Irgendwann lag ich wie ein Mensch gewordener Falk-Plan in embryonaler Patentfaltung auf dem Rücksitz und hatte den Knauf von der Fensterscheibenkurbel im linken Nasenloch, während sich mein rechter Fuß im Gestänge der Fahrerkopfstütze verhakt hatte.

Das nächste Auto musste also zwei Bedingungen erfüllen: Es sollte größer sein als die ersten beiden. Und es sollte wieder ein Franzose sein. Warum? Dafür gab es keinen rationalen Grund.

Mein drittes Auto: Peugeot 206, Montebello Blau

Warum sahen Mitte der Nullerjahre alle Kleinwagen aus wie Kim Kardashian von hinten? Peugeot 206. © Quelle: honorarfrei

Mit zunehmendem Alter häufen sich normalerweise die Triumphe der Erfahrung über die Hoffnung. Zweimal hatte ich jetzt ein französisches Auto besessen. Das erste musste ich mit Hammer und Meißel starten. Das zweite war von Tag eins an undicht. Irgendwann musste sich doch die Vernunft Bahn brechen und mich zum Kauf eines richtigen Autos bewegen.

Als der Peugeot 106 Palm Beach an einer Ampelkreuzung röchelnd verreckte, musste ich mich für ein neues Modell entscheiden. Ich kaufte einen Franzosen. Es war der dritte. Es gibt keine rationalen Gründe dafür. Vielleicht trieb mich das Abenteuer. Ich erwarb frohen Mutes einen Peugeot 206 in Montebello Blau.

Warum sahen Mitte der Nullerjahre alle Kleinwagen aus wie Kim Kardashian von hinten?

Der riesige rote Warnblinkerknopf war mittig auf der Frontkonsole verbaut. Er war fast so groß wie ein Quizshowbuzzer. Es sah aus, als müsse man vor der Fahrt eine Frage richtig beantworten. Tatsächlich hatte ich dann viele Fragen. Zum Beispiel: Warum bloß war der Peugeot 206 von 2001 bis 2003 das meistverkaufte Auto in Europa? Warum sahen Mitte der Nullerjahre alle Kleinwagen aus wie Kim Kardashian von hinten? UND WARUM ZUM TEUFEL WIEDER EIN FRANZOSE?

Etwas in mir wollte anders sein als die anderen. VW kann jeder, dachte ich. Peugeot ist wie Drachenfliegen: Du weißt nie, wie der Wind steht und wo du heute landest. Einmal blieb ich mit dem Auto an der tiefsten Stelle eines Tunnels einfach stehen, weil der Tank leer war und die Kraftstofffüllanzeige beschlossen hatte, den Dienst einzustellen. Sie behauptete wahrheitswidrig, es sei noch Kraftstoff da – im Prinzip wie bei Wirecard, nur eben mit Benzin statt mit Geld.

Man sagt, dass es vor allem Emotionen sind, die Menschen zum Kauf eines bestimmten Automodells verleiten. Nach diesem Erklärungsmuster hasse ich mich selbst und mag es, wenn ich leide. Zum Beispiel darunter, wie der ADAC-Mann guckte, als er sich mal wieder sorgenvoll über den Motorraum beugte. “Mit diesem Ding hier fahren Sie?”, fragte sein Blick. “Soll ich mir hier vielleicht gleich ein Zimmer in der Nähe nehmen?” So konnte es nicht weitergehen.

Mein viertes Auto: Peugeot 308, Shark Grau

“Hier kommt ein Mann, dem es scheißegal ist, dass sein Auto aussieht wie eine Trockenpflaume mit Türen”: Peugeot 308. © Quelle: honorarfrei

Nach der Außerdienststellung des Peugeot 206 in Montebello Blau beschloss ich, eine Entscheidung hinsichtlich der grundsätzlichen Rolle zu treffen, die Autos in meinem Leben spielen sollten. Wollte ich weiterhin Kleinwagen fahren, die schon von fern die Botschaft ausstrahlten: “Hier kommt ein Mann, dem es scheißegal ist, dass sein Auto aussieht wie eine Trockenpflaume mit Türen?” Wollte ich überhaupt Autos mit Botschaft fahren? Sollte mein Auto sichtbarer Ausdruck meiner Persönlichkeit sein? Und was genau wäre das dann für ein Auto? Ich nehme an, eine Mischung aus einem Skoda Yeti und einer Brio-Holzeisenbahn.

Ich entschied mich gegen allzu heftige emotionale Wallungen beim Autokauf und erstand einen Franzosen. Einen Peugeot 308 in “Shark Grau”. Das war die Zeit, als die Farben von Autos alle hießen, als hätten die Typen vom Marketing Lack gesoffen.

“Das kleine Cool Jazz Blau Metallic Exklusiv und das kleine Speedgelb”

Bei Porsche hieß Gelb nicht Gelb, sondern “Speedgelb”. Klang schneller. Der braune Porsche hieß “Macadamiabraun”, denn was viele nicht wissen: Die Macadamianuss ist die schnellste Nuss der Welt. Bei Fiat hieß Blau “Cool Jazz Blau Metallic Exklusiv”. Bei Dacia gab es sogar die Farbe “Kometengrau”. Dacia-Ingenieure sind dafür eigens ins All aufgebrochen und haben Farbproben aus fernen Galaxien mitgebracht.

Es gibt ein Buch von Leo Lionni, das heißt “Das kleine Blau und das kleine Gelb”. Das waren noch Zeiten. Heute würde das Buch wohl “Das kleine Cool Jazz Blau Metallic Exklusiv und das kleine Speedgelb” heißen.

Der sharkgraue Peugeot 308 leistet uns bis heute gute Dienste als leicht ramponierter Zweitwagen mit Charakter. Er pöttert inzwischen vermutlich nur noch auf drei Zylindern. Wir wissen das nicht genau. Und wollen es auch nicht wissen. Soll er doch friedlich dahinscheiden, wann immer ihm danach ist.

Mehr als 50 Kilometer am Stück muten wir ihm ohnehin nicht zu. Wir waschen ihn auch kaum noch. Das lohnt sich nicht. Es wäre keine echte Verbesserung. Das wäre, als würde ich mir eine Turnhose kaufen und denken, dann wäre ich Usain Bolt. Er bekommt sein Gnadenbrot, dann kaufen wir ein neues Auto. Welches? Wissen wir noch nicht. Wahrscheinlich einen Franzosen.

Mein fünftes Auto: Peugeot 5008, Grau

So vernünftig wie ein Zehnerpack Kleiderbügel von Ikea: Peugeot 5008. © Quelle: honorarfrei

Früher oder später ist man als Familienvater gezwungen, sich in automobilen Fragen vom sportiven Segment zu verabschieden und sich dem praktischen zuzuwenden. Das fiel mir nicht schwer, denn in einem Mazda MX-5 oder einem Audi TT sehe ich ohnehin aus wie Hulk Hogan in einem Marmeladenglas.

Im Segment des Praktischen hat sich einiges getan seit den Achtzigern. Damals strahlten sogenannte Kombis so viel Grandezza aus wie ein Leichenwagen für besonders flache Tote (“Und wie ist es passiert?” – “Dampfwalzenunfall.”). Die meisten Kombis sahen außerdem so aus, als seien Vorder- und Hinterseite von zwei unterschiedlichen Designteams auf zwei unterschiedlichen Kontinenten gestaltet worden.

Was genau der Kombi tatsächlich kombinierte, war mir immer unklar. Todessehnsucht und Velourssitze? Fernweh und Familiendramen? Klar war mir nur: Ein Kombi kommt mir nicht vors Haus. Also kaufte ich einen “Großraum-Van”. Ein Großraum-Van ist im Prinzip ein Kombi, der sich aber anders nennt. Wie so’n Rapper. Die meisten Kombis haben coole Rappernamen wie Clubman, Avant oder Sportswagon.

So vernünftig wie ein Zehnerpack Kleiderbügel von Ikea

Unser Van ist ein Peugeot 5008 Baujahr 2015, quasi die französische Ausgabe des VW Touran. Die wichtigsten Vorteile: Räder und Lenkrad gehören schon zur Serienausstattung, er ist so vernünftig wie ein Zehnerpack Kleiderbügel von Ikea, und er sieht einen Ticken interessanter aus als ein fahrender Brotkasten. Der Nachteil: Als Dieselfahrzeug hat sein Image zuletzt einen erheblichen Dämpfer bekommen.

Vier französische Autos hatten wir bisher erlitten. Niemand kann rational erklären, warum wir das taten. Dieser fünfte Franzose aber schließlich – und man darf das nicht zu laut schreiben – ist der erste, der ohne Mucken seinen Job macht.

Woraus eine Reihe von Erkenntnissen erwächst, die für das ganze Leben Gültigkeit haben: Leid wird belohnt, höre nie auf die Unkenrufe der anderen, folge deinem Herzen und habe immer Hammer und Meißel dabei. Denn du weißt nie, wann wieder was mit dem Anlasser ist.

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