Freibäder und Corona: Wenn Badespaß immer exklusiver wird

  • Das Freibad war immer ein Ort der sozialen Gleichheit.
  • In Zeiten der Corona-Pandemie jedoch wird es mit dem Einlass kompliziert.
  • Das Badevergnügen droht zur exklusiven Angelegenheit zu werden.
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Früher zog verlässlich der Duft von Sonnencreme übers gechlorte Wasser. Eine herrliche Sommermattigkeit war damit verbunden, der ultimative Geruch von Freizeit und Nichtstun und auch von wohltuender Langeweile. Die Einladung zum ziellosen Planschen ließ sich gewissermaßen schon mit der Nase aufnehmen.

Wer im Freibad war, fiel automatisch aus der Zeit. Nur die metallisch scheppernde Megafonstimme des Bademeisters unterbrach dann und wann die dösende Lärmigkeit, wenn wieder eine jugendliche Rasselbande allen Verboten zum Trotz Arschbomben probte oder ein verheultes Kind seinen Eltern verloren gegangen war.

Badegäste dürfen in Corona-Zeiten nur Outdoorduschen nutzen

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Ließ sich ausnahmsweise mal keine Sonnenmilch schnuppern, dann nur deshalb, weil sich der impertinente Geruch des Pommesfetts vom Kiosk darüber gelegt hatte. Aber auch der gehörte unbedingt zum Schwimmbad dazu. Und nirgendwo schmeckte das klebrige Wassereis besser als hier.

Und heute? Da weht Shampooduft übers Becken. Gäste nutzen die Duschen am Beckenrand zur persönlichen Körperhygiene. Notgedrungen, wohlgemerkt: Die Duschen im Umkleidebereich sind dicht. Coronabedingt. Wann sich das wieder ändert? Der Bademeister zuckt die Schultern.

Anstatt drinnen können sich Freibadgäste in Corona-Zeiten nur draußen abduschen. © Quelle: Darko Vojinovic/AP/dpa

Viele Badegäste trainieren statt zu planschen

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Einstweilen steht allein der kalte Wasserschwall zur Verfügung. Man muss schon zu den Harten im Badegarten gehören, um seinen Kopf länger als ein paar Sekunden drunterzuhalten. Sowieso schafft die Ganzkörpersäuberung wegen der Badebekleidung naturgemäß ganz neue Problemzonen.

Wie gefährlich ist das Coronavirus im See, Freibad oder Meer?

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Das Umziehen haben viele ins Freie verlagert. Am Beckenrand blitzen nackte Hintern auf. Nicht jeder begibt sich zurzeit gern mit anderen in geschlossene Räume. Das Freibadschwimmen in Corona-Zeiten ist anders als davor.

Viele kommen auch gar nicht zum Sichtreibenlassen. Sie ziehen ihre Bahnen. Es gilt, ein Trainingspensum abzuarbeiten. Hin geht es Brust, zurück Kraul. Schmetterlingsstil ist die Extraleistungsschau zwischendurch. Immer dieselben Besucher sind zu denselben Tageszeiten anzutreffen.

Viele Badegäste ziehen in den Freibädern nur ihre Bahnen. © Quelle: Uwe Anspach/dpa

Spontanbesuchern bleibt Einlass meist verwährt

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Die Zeit der chaotischen Quer- und orientierungslosen Rückenschwimmer scheint vorüber. Sie rekrutierten sich vorzugsweise aus jener Klientel, die früher kurzentschlossen zur Badeanstalt ihres Vertrauens aufbrach, um sich in der Hitze des Tages abzukühlen. Auch in sich verknäulte Pärchen hängen kaum mehr am Beckenrand herum. Heute wird Einlass nur dem gewährt, der reserviert hat. Spontanbesucher haben wenig Chancen.

Seit Corona ist die Onlinevoranmeldung Standard. So wie vielerorts müssen auch hier Name, Adresse und Telefonnummer im Internet preisgegeben werden, um überhaupt eine Zugangsberechtigung zu erlangen. Dann gilt es, schnell zu sein: Wer zu spät kommt, den bestraft auf dem Handy die Auskunft: “Ausverkauft.” Und das sind die Eintrittskarten ziemlich oft.

Plätze sind nur für einige Stunden reserviert

In den ersten Wochen der seltsamen Badesaison 2020 entdeckte man vor dem Eingang noch den ein oder anderen, der hektisch auf dem Smartphone herumdrückte – und dann trotzdem nicht rein durfte. Inzwischen hat sich ein Feld von Profis herausgeschält. Es soll Stammkunden geben, die sich den Wecker auf kurz nach Mitternacht stellen, um sich ganz sicher noch ein Ticket zu ziehen.

Tausende Besucher an einem heißen Sommertag, die erst endlose Schlangen vorm Kassenhäuschen bilden und sich dann ein knappes Handtuchplätzchen sichern? Unvorstellbar. Für einen kompletten Tagesausflug nach Lust und Laune reicht auch die Zeit nicht: Jeder bekommt einen genau definierten Slot für einige Stunden. Danach muss das Personal die Anlage erst einmal wieder penibel desinfizieren.

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Zwischendurch werden die Freibäder desinfiziert. © Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa

Anmeldungen sind nicht jedem möglich

Städte und Gemeinden führen gute Gründe für das rigide Regiment an: Sie müssen für den Fall der Fälle exakt nachvollziehen können, wer wann bei ihnen Gast war. Es gilt, dem Virus so früh wie möglich Einhalt zu gebieten.

Das Problem ist nur: Womöglich weiß nicht jeder, wie das mit der Anmeldung geht. Täuscht es, oder sind die Kohorten der Seniorengäste zusammengeschmolzen, die sich früher in Plauderformation durchs Wasser schoben? Liegt das daran, dass sie sich als sogenannte Risikopatienten nicht ins Bad trauen? Oder haben sie keine Ahnung, wie man Smartphone oder Computer plus Drucker bedient, um an eine Reservierung zu kommen? Verfügen sie überhaupt über Internetzugang? Und was ist mit all jenen, die des Deutschen nur bedingt mächtig sind? Sind sie in der Lage, sich durch eher komplizierte Anweisungen wie zum Beispiel “Bitte wählen Sie eine Filiale aus” (gemeint ist ein Freibad) hindurchzuklicken?

Freibäder bieten viel Spaß für wenig Geld

Freibäder sind Volksbäder. Gebaut wurden sie als Ausdruck des sozialen Fortschritts. Das Lorettobad in Freiburg, kurz: Lollo, 1841 eröffnet, nimmt für sich in Anspruch, das älteste Familienfreibad Deutschlands zu sein – auch wenn anfangs nur Männer hinein durften.

Den urbanen Luxus des Abtauchens sollten sich auch Arbeiter leisten können. Adelige und Bürgerliche fuhren in die Sommerfrische an die See, das Proletariat sprang in der Stadt ins erfrischende Nass.

Im Freibad kann sich jeder für wenig Geld vergnügen – jedenfalls verglichen mit einem Familienausflug in den Zoo. Klassenschranken sind aufgehoben: Wer viel oder wenig verdient, wer Chef oder wer Hilfsarbeiter ist, Geburtsdeutscher oder Zugezogener, politisch rechts oder links lässt sich nur bedingt erkennen, wenn nur noch der Kopf aus dem Wasser schaut.

Deutschland erlebte Freibadboom

Als Max Frisch – der ja nicht nur Schriftsteller, sondern auch Architekt war – bald nach dem Zweiten Weltkrieg das Freibad Letzigraben bei Zürich baute, notierte er: “Die Rasen sind voller Menschen, halb nackt und halb bunt, und es ist etwas wie ein wirkliches Fest.”

Der Betrieb von Schwimmbädern gehört zur Daseinsfürsorge. In Deutschland entstanden viele Bäder im Zuge des “Goldenen Plans” Anfang der Sechzigerjahre: Der Staat hatte sich, angespornt durch die Initiative der gemeinnützigen Deutschen Olympischen Gesellschaft, der Förderung von Erholungs-, Spiel- und Sportanlagen verschrieben. In nur einem Jahrzehnt wurden mehrere Tausend Bäder gebaut.

Sorgt die Corona-Krise im Freibad für soziale Ungerechtigkeiten?

Schon vor Corona war diese Kultur gefährdet: Pro Jahr schlossen in Deutschland Dutzende Hallen- oder Freibäder – und zwar endgültig. Der Unterhalt ist teuer, die Sanierung noch viel teurer, jeder Neubau ein Kraftakt für die Stadtkasse. Die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) schlug bereits Anfang dieses Jahres Alarm: Die Deutschen könnten zu einem Volk der Nichtschwimmer werden.

Und nun wird der Freibadbesuch auch noch zur exklusiven Angelegenheit. Alte und sozial Schwächere bleiben draußen. Es sieht aus, als spalte sich die Gesellschaft in diesen Tagen ausgerechnet in der demokratischen Errungenschaft der Badeanstalt. Noch bevor die Kommunen daran gehen, wegen wegbrechender Gewerbesteuereinnahmen noch mehr Bäder infrage zu stellen, ist die soziale Gerechtigkeit im Becken bedroht.

Badegäste müssen im Wasser Abstand halten

Wer heute drin ist, folgt markierten Laufwegen. Weiträumig sind sie auf dem Boden aufgezeichnet und mit rotem Flatterband abgesperrt. Beinahe wundert man sich, dass die Liegewiese immer noch so grün zum Faulenzen einlädt. Immerhin: Heute wummern laute Soundsysteme nur noch vereinzelt durch die Badeanstaltsruhe.

Im Becken sind breite Bahnen großzügig mit Plastikbändern voneinander abgegrenzt – die Abstandspflicht gilt auch im Wasser. Aggressive Kampfkrauler, die keinen Zentimeter zur Seite weichen, finden keinen Anlass mehr, gemächliche Brustschwimmer in Grund und Boden zu rammen. Man kommt dem Zustand ziemlich nahe, den der Autor John von Düffel als “Zauber des Alleinseins” beschreibt. Er verspüre dann eine Verbindung nur zwischen sich und dem Wasser.

Jeder Schwimmer träumt wohl davon, der Einzige im Becken zu sein – oder zumindest über eine eigene Bahn zu verfügen. Man möchte mit dem Wasser verschmelzen, das sich bei jedem Armzug vor einem öffnet und hinter einem wieder zu einer spiegelglatten Oberfläche schließt. Im Corona-Sommer 2020 sind wir diesem Ziel ziemlich nahe. Es fühlt sich nur nicht gut an.

“Staat, Sex, Amen”
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