Nachhaltiger Weinbau

Grünes Prickeln: Warum beim Champagneranbau zunehmend auf Chemie verzichtet wird

Nachhaltig produzierter Champagner ist gefragt.

Nachhaltig produzierter Champagner ist gefragt.

Es ist feine Maßarbeit, die Hugues Poret täglich vollbringt, wenn er durch seine Parzellen geht und den Kopf zwischen die Weinreben steckt. Er sieht nach jeder einzelnen von ihnen und legt je nach Jahreszeit Hand an. Ab Mai entfernt er Knospen, die nicht fruchtbar sind. Im Frühsommer geht es an die sogenannte Palissage, bei der die Triebe voneinander getrennt und zwischen zwei Hebedrähte geklemmt werden, um die Belüftung der Blätter zu garantieren. Das schützt sie vor Fäulnis und Krankheiten. Zum Jahresende hin kümmert sich der Winzer um den Rebschnitt. „Von ihm hängt die Qualität der Trauben und der künftigen Weinlese entscheidend ab“, erklärt Poret.

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Beste Trauben: Winzer Hugues Poret.

Beste Trauben: Winzer Hugues Poret.

Insgesamt 45 Parzellen besitzen er und seine Frau Frédérique gemeinsam – kleinteilige Abschnitte, die sich auf etwa acht Hektar verteilen und die jetzt im Winter kahl sind. Die Weinberge ihres Hauses Duménil-Poret befinden sich beim Dorf Chi­gny-les-Roses südlich von Reims, das gern als Champagner-Hauptstadt bezeichnet wird. „Manche Parzellen liegen auf Hängen, andere sind flach, der Sonneneinfall ist nicht gleich: Jede Rebe braucht eine für sie passende Behandlung“, erläutert Frédérique Poret.

Für das Winzerpaar ist diese maßgeschneiderte Behandlung ein unerlässlicher Bestandteil des Bemühens um einen nachhaltigen Weinbau, der mit möglichst wenig Chemie auskommt. Bereits 1999 schlug der Familienbetrieb diesen Weg ein. „Ich selbst kam im Jahr 2000 dazu, der Umweltschutz gehörte von Anfang an zu den Prioritäten“, sagt die 43-Jährige. Sie und ihr Mann betreiben den Weinberg in der fünften Generation, der seit 1874 im Familienbesitz ist. Ihr gefalle, sich von A bis Z um das Produkt zu kümmern, das sie verkaufe: „Wir bauen eine Pflanze an, die eine Traube gibt, aus welcher wir einen Saft machen, den wir weiterverarbeiten.“ Über zwei Umweltzertifikate verfügt ihr Champagner bereits. „Wir benutzen keine Unkrautvernichtungsmittel und kümmern uns intensiv um den Boden“, sagt Frédérique Poret. Wo die Parzellen früher mit Plastikfolien voneinander abgetrennt waren, stehen heute kleine Steinmauern. Hecken oder Holzpflöcke markieren die Trennlinien.

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Ohne Chemie: Schädlingsbekämpfung mittels „sexueller Verwirrung“

Das Haus Poret-Duménil gehörte zu den ersten im Champagneranbaugebiet, die ab Anfang der 2000er-Jahre testweise auf Insektizide gegen die Raupen des Traubenwicklers, einen für Weintrauben schädlichen Nachtfalter, verzichteten. Stattdessen setzten sie die Technik der „sexuellen Verwirrung“ ein. Dabei platzieren die Winzer Ampullen mit Sexuallockstoffen zwischen den Reben, welche verhindern, dass die Traubenwicklermännchen ihre Weibchen finden können – sie werden „verwirrt“. Das Aufhängen der Pheromone verhindert somit die Fortpflanzung, ohne die Tiere zu töten und ohne den Einsatz schärferer chemischer Mittel. Inzwischen wird die Methode in der Champagne mehr als in jeder anderen Weinbauregion Europas erfolgreich verwendet, nämlich auf rund 40 Prozent der Fläche.

Denn für die Champagnerbranche gehöre nachhaltiger Weinbau seit mehr als 30 Jahren zu den strategischen Pfeilern, sagt Philippe Wibrotte, Kommunikationschef beim Comité interprofessionnel du vin de Champagne, der Vereinigung der 16.200 Winzer und 360 Handelshäuser der Champagne. „Wir haben als erste Weinregion unsere CO₂-Bilanz gemacht, um den Ausstoß zu verringern“, sagt Wibrotte, nicht ohne Stolz. „Nun verfolgen wir das Ziel, dass das gesamtes Anbaugebiet bis 2030 ein Umweltzertifikat vorweisen kann.“ Es gebe etliche Initiativen, von der Verringerung chemischer Mittel über einen sparsamen Umgang mit Wasser bis zur Reduzierung der Verpackungen, die ein Drittel des CO₂-Fußabdrucks ausmachen.

Eine Lagerstätte von Taittinger.

Eine Lagerstätte von Taittinger.

Das entspreche auch dem Wunsch der Kunden, so Wibrotte. In manche Länder, etwa nach Skandinavien oder auch nach Deutschland, ließe sich Champagner ohne Umweltsiegel kaum noch exportieren. Sowohl im In- als auch im Ausland erlebt dieser derzeit einen immensen Anstieg der Nachfrage. Französische Medien fragen bereits besorgt, ob er an den Feiertagen ausgehen könnte – eigentlich undenkbar in Frankreich. Einen solchen Aufschwung nach zwei schwierigen, von der Corona-Pandemie geprägten Jahren hatte kaum jemand erwartet. „Es wird keinen Mangel geben“, versicherte Maxime Toubart, Präsident der Gewerkschaft der Winzer der Champa­gne SGV. Die Preise zogen allerdings stark an.

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Weniger Säure, mehr Süße: Klimawandel wirkt sich auf den Geschmack aus

Ein wachsendes Interesse für ihr Produkt stellt auch Frédérique Poret fest. „Vielleicht haben die Menschen mehr Lust, das Leben zu genießen, und setzen auf Qualitätsprodukte?“, mutmaßt sie. Seit 1936 handelt es sich beim Champagner um eine geschützte Herkunftsbezeichnung, eine Appelation d‘Orgine Contrôlée (AOC), um sich von anderen Schaumweinprodukten abzuheben. Das Anbaugebiet ist geografisch klar definiert und erstreckt sich über 34. 200 Hektar. Die Herstellung des edlen Getränks folgt strikten Regeln, die in einem sogenannten Pflichtenheft festgelegt sind.

Insgesamt 46 Wetterstationen stehen in der Champagne verteilt, und ein „Monsieur Météo“, das französische Pendant für den Wetterfrosch, verfolgt die meteorologischen Entwicklungen und sendet Warnungen vor Stürmen, Hagel oder Frost aus. Die Klimaerwärmung wirkt sich bislang allerdings nicht negativ auf die Weinreben in der Champagne aus, da es sich um eine Mittelmeerpflanze handelt, die Hitze mag. Die Kalkböden in der Champagne können viel Wasser speichern.

Doch der Geschmack verändert sich durch den Klimawandel. „Ein Champagner von vor 30 Jahren hat wenig mit einem Champagner von heute zu tun“, sagt Wibrotte. „Die Säure erlaubt einem großen Wein eine lange Alterung im Keller, doch bei steigenden Temperaturen hat man mehr Zucker, und der Säuregehalt sinkt“, erklärt Frédérique Poret. Trotz der heißen letzten Jahre sei ihr Champagner aber weiterhin rund und „gourmand“. Gourmand, das französische Wort, das keine echte Entsprechung im Deutschen hat, meint schmackhaft, köstlich, delikat. So wie es dem Bild des Champagners entspricht und dem Image, das ihm seine Hersteller geben wollen als Getränk für besondere Momente. Es ist zudem mehr als ein simpler Schaumwein. Es ist das Ergebnis sorgfältiger Maß- und oft auch liebevoller Handarbeit.

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