“Fleisch ist heute eine Ramschware” – Warum wir es trotzdem essen

  • Fleisch und tierische Produkte sind heutzutage wegen Massenzucht oft billig und leicht erhältlich. Doch das war nicht immer so.
  • In Ihrem Bilderbuch “So haben wir das schon immer gemacht” zeigt Carolin Günther provokante Illustrationen übers Tiereessen.
  • Im Interview erklärt die überzeugte Veganerin, warum der Fleischhandel in ihren Augen so pervertiert ist.
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Frau Günther, aus welcher Situation heraus ist denn die Idee entstanden, ein Bilderbuch übers Tiereessen für Erwachsene zu illustrieren?

Alles fing mit dem Hasenbild an, also einem halbierten Hasen, der über die Wiese springt. Damit habe ich meine Kindheitserlebnisse verarbeitet. Dann kamen immer mehr Tierbilder, die auch das Thema Tiereessen berührten, dazu. Irgendwann dachte ich “Cool, das wird eine ganze Serie”. Da kam auch die Idee zu dem Buch. Mit einem Text in Reimform habe ich das Ganze zusammengefasst. Die Suche nach Verlagen gestaltete sich dann allerdings etwas zäh, ich bekam entweder Absagen oder schlechte Angebote. Schließlich kam mir die Idee, das Buch über ein Crowdfunding zu finanzieren. Das lief sehr erfolgreich. Das Buch ist jetzt gut zwei Monate auf dem Markt und fast 1000 Exemplare wurden schon verkauft.

Was waren das für Kindheitserlebnisse, die Sie mit den Bildern verarbeitet haben?

Das war noch zu DDR-Zeiten. Als meine Eltern einmal in den Urlaub gefahren sind, haben sie mich bei meinen Großeltern gelassen. Damals hatte ich furchtbares Heimweh. Um mich zu trösten, haben mir meine Großeltern kleine Kaninchen zum Streicheln und Kuscheln gegeben. Da war das Heimweh schnell vergessen. Das war echt eine schöne Aktion. Ein paar Monate später war ich dann wieder bei meinen Großeltern und dann gab es genau diese Kaninchen, die mir ein paar Monate zuvor über mein Heimweh hinweggeholfen haben, zum Essen. Das war damals unfassbar für mich.

Mit dieser Illustration fing alles an: Mit dem Bild “Jump Apart” hat Carolin Günther ihre Kindheitserlebnisse verarbeitet. © Quelle: Carolin Günther
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Das Kaninchen nimmt vielleicht auch in der Reihe der Schlachttiere eine Sonderrolle ein, eben weil es, anders als ein Schwein, so niedlich und kuschelig ist. Auf diese bizarren Unterschiede spielen Sie ja auch in Ihrem Bilderbuch an, indem Sie etwa auch eine niedliche kleine zusammengerollte Katze auf einem Speiseteller platzieren. Tier ist eben nicht gleich Tier. Die einen werden gegessen, die anderen liebgehabt.

Ja, auf jeden Fall. Ich sehe das ja auch bei meinen eigenen Kindern, wenn ich mit ihnen zu meinen Großeltern fahre. Die streicheln die Kaninchen immer ganz begeistert und spielen mit ihnen. Die meisten Menschen haben dann aber eben keine Scheu, die Tiere auch zu essen. Diesen Zusammenhang, so wie ich ihn damals hergestellt habe, zwischen einem niedlichen Tier und potenziellem Nahrungsmittel, das irgendwann auf meinem Teller landet, den stellen viele Menschen offenbar nicht her.

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Kinder tanzen um einen Baum, an dem Fleisch wächst – eine Illustration im Bilderbuch “So haben wir das schon immer gemacht”. © Quelle: Carolin Günther

Glauben Sie, dass Menschen die Verbindung bewusst nicht herstellen oder gar einfach ausblenden?

Ich glaube schon, dass die Verbindung da ist – vor allem im Kindesalter. Sie wird uns nur nach und nach abtrainiert. Wir härten ab, indem wir sagen: “Das muss so sein, das ist ganz normal, das haben wir schon immer so gemacht.”

Fleisch galt ja auch vor allem in früheren Generationen als etwas ganz Besonderes, etwas Wertvolles, das es nur an bestimmten Tagen gab. Fleisch musste folglich aufgegessen werden.

Das kenne ich auch noch so aus meiner Kindheit, vor allem von meinem Opa. Da ging es aber eher so in die Richtung “Das musst du aber essen, damit du groß und stark wirst”. Das ist natürlich totaler Blödsinn. Auch ohne in den letzten 30 Jahren Fleisch gegessen zu haben, bin ich hoch gewachsen und trage Schuhgröße 44 (lacht). Es gibt keine Notwendigkeit, Fleisch zu essen, die hat es für mich auch noch nie gegeben. Tatsächlich steckt es aber in unserer Eltern- und vor allem Großelterngeneration noch ganz tief drin. Aber so ist es ja heute nicht mehr. Fleisch ist heute eine Ramschware.

Weil es Fleisch aus Hausschlachtungen, so wie es unsere Eltern- und Großelterngenerationen noch kennen, ja heute kaum noch gibt. Stattdessen beherrschen Großkonzerne wie Tönnies den Fleischmarkt. Wie zutreffend ist im Hinblick darauf der Titel Ihres Buches ”So haben wir das schon immer gemacht”?

Mein Vater hat als Reaktion auf mein Buch wohl auch deshalb einmal gesagt: “Das haben wir gar nicht immer schon so gemacht.” Dass der Fleischhandel so pervertiert ist, das ist eigentlich noch gar nicht so lange her.

Was meinte er damit?

Er ist auf einem kleinen Bauernhof aufgewachsen, auf dem die Schweine noch im Stall standen. Wurst und Fleisch waren da etwas ganz Besonderes, das es nur an ausgewählten Tagen gab – nur zum Wochenende oder zu ganz besonderen Ereignissen. Massenzucht, wie wir sie heute haben, gab es damals noch nicht. Heute ist das ganz anders. Wenn ich mit meinem Buch sage “So haben wir das schon immer gemacht”, dann beziehe ich das auf die generelle Ausbeutung von Tieren. Und auch unsere generelle Lust, alles und jeden zu dominieren.

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Carolin Günther ist überzeugte Veganerin und der Meinung, dass die Gesellschaft anfangen muss, ihren Fleischkonsum gründlich zu überdenken. © Quelle: Carolin Günther

Was sind denn aktuell für Sie die eklatantesten Missstände im Hinblick auf die Ausbeutung von Tieren?

Lassen Sie mich es an einem Beispiel beschreiben: Ich bin Veganerin, weil ich finde, dass man auch als Vegetarier eine unglaubliche Ausbeutung der Kühe unterstützt. Ich denke da an Zwangsbesamung und das wiederholte Kälbchenwegnehmen, nur damit wir die Milch trinken können. Das ergibt für mich bei näherer Betrachtung absolut keinen Sinn mehr. Das war mir vor allem viele Jahre gar nicht so bewusst, dass es so ist. Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen und dachte immer, dass die Kühe dafür da sind, um Milch zu geben. Aber eine Kuh gibt ja auch nur Milch, weil sie Mutter ist. Und nicht, weil sie eine Kuh ist. Also muss dem Milchgeben immer ein Kalb vorausgehen, das kriegt die Milch aber nicht. Das wird von der Mutter weggenommen und – sofern es männlich ist – geschlachtet oder direkt nach der Geburt illegal entsorgt. Den weiblichen Kälbern droht dasselbe Schicksal wie ihren Müttern. Das ist in meinen Augen komplett pervertiert. Ich selbst habe es auch erst mit Ende zwanzig verstanden, dass das so ist. Das war mir trotz Abi und Studium nicht klar. Ich glaube, dass viele Menschen das genauso wenig wissen, wie ich damals. Mir wurde zum Beispiel immer gesagt: “Die Kühe müssen früh um 5 Uhr gemolken werden, sonst platzt das Euter.” Natürlich “platzt” das Euter beziehungsweise kommt es zu Entzündungen, wenn man das Kalb nicht danebenstellt, damit es die Milch abtrinken kann.

In der Illustration “Bobby Ballast” hat Carolin Günther das Leid der Kühe thematisiert. © Quelle: Carolin Günther

Glauben Sie, es würde einen Unterschied machen, wenn sich mehr Menschen diese Zusammenhänge bewusst machen?

Ich finde, dass die Aufklärung ganz wichtig ist, gerade auch bei Kindern. Was wird einem in Kinderbüchern alles vorgelogen, in den Bauernhofbüchern etwa. Wie die Schweine da fröhlich in den Stall reinrennen, und hinten kommt die Wurst raus. Das ist doch furchtbar. Keiner zeigt einem, was wirklich passiert. Das Thema Tierhaltung und Tierwohl sollte auch schon in der Grundschule viel intensiver zum Thema gemacht und kritisch hinterfragt werden.

Wie handhaben Sie das mit Ihren Kindern?

Meine Kinder wissen von Anfang an Bescheid. Das war auch nie ein Thema, dass sie Tiere essen.

Ihre Kinder sind also von Geburt an Veganer?

Als Sie klein waren, gab es zu Hause noch Milchprodukte und Eier. Wir leben ja erst seit 2013 komplett vegan. Fleisch gab es bei uns zu Hause aber tatsächlich nie. In der Schule ist das mit der veganen Ernährung sehr schwierig. Da wird sicher auch mal eine Ausnahme gemacht, weil nie ganz klar ist, ob da jetzt Milchpulver in der Soße ist oder Ei im Gebäck.

Und das wurde nie von Ihren Söhnen hinterfragt? So nach dem Motto: “Die anderen Kinder dürfen aber auch Fast Food essen, warum wir nicht?”

Wir wohnen in Berlin-Friedrichshain, da gibt es alle Möglichkeiten der Ernährung, also auch einen veganen Döner, vegane Pizza oder Burger. Es gibt immer eine Alternative zum Fleisch. Das war hier nie ein großes Problem. Mir ist aber klar, dass wir sehr auf einer Insel leben.

Das ist natürlich nicht allerorten die Regel und keinesfalls für ganz Deutschland repräsentativ.

Das muss ich mir auch immer wieder bewusst machen, gerade auch, wenn wir verreisen. Da fällt man dann schnell aus allen Wolken.

Was glauben Sie, wie realistisch ist es, so konsequent vegan mit der ganzen Familie zu leben, wenn man nicht, wie Sie, auf der “Insel Berlin-Friedrichshain” lebt?

Es könnte schwieriger werden, wenn es darum geht, außerhalb zu essen. Das sehe ich auch, wenn ich meine Eltern besuche. Da freue ich mich schon, wenn auf dem Salat, den ich im Restaurant bestelle, kein Hühnchen drauf ist. Aber wenn man einkaufen geht und selber kocht, dann ist das nahezu überall kein Problem mehr. Das geht inzwischen wunderbar. In ländlichen Gebieten war das vielleicht vor zehn Jahren noch ein Thema, aber mittlerweile ist das überall angekommen. Jetzt müssen nur noch die Restaurants nachziehen.

Mit Ihrem Buch wollen Sie ja auch für das Thema Veganismus sensibilisieren. Sehen Sie denn auf der anderen Seite irgendeine Lösung, um aus der Massenfleischproduktion auszusteigen? Es dürfte recht unrealistisch sein, dass früher oder später alle Menschen vegan leben, auch wenn es mehr und mehr Vegetarier und Veganer gibt.

Statt Billigfleisch zu kaufen, könnten Verbraucher auf Fleischersatzprodukte umsteigen. Die auf Bohnen- oder Erbsenbasis beispielsweise, die sind inzwischen richtig gut. Viele sehen das ja nach wie vor als eine zusammengepanschte Schmiere an. Zur Not macht man es eben selber und würzt es nach eigenem Geschmack. Das Fleisch, wenn man es direkt aus der Kuh rausschneidet, schmeckt ja so auch erst mal nach nichts. Das wird auch ordentlich gewürzt und verarbeitet, bevor es auf dem Teller landet.

Carolin Günthers Erwachsenenbilderbuch “So haben wir das schon immer gemacht” übers Tiereessen ist für 22 Euro im Online-Versandhandel und in ausgewählten Buchhandlungen erhältlich. © Quelle: Carolin Günther

Sie appellieren also an das Verantwortungsbewusstsein der Verbraucher?

Ich sehe den Verbraucher sehr in der Verantwortung. Weil der mit jedem Einkaufszettel auch bestimmt, was produziert wird, frei nach dem Motto: “Jeder Einkaufszettel ein Stimmzettel.” Aber natürlich muss die Politik da auch etwas ändern. Frau Klöckner hat sich da bislang nicht so positiv hervorgetan. Die empfinde ich spätestens seit einer Kochshow, in der sie aufgetreten ist, als untragbar. Da wurde Fleisch niedrigster Qualität verarbeitet, nach dem Tierschutzlabel rot markiert – die schlimmste Haltungsform. So etwas geht nicht. Und generell ist es ja sowieso so: Die Tiere werden nirgendwo totgestreichelt, am Ende steht immer der Tod.

Könnte regional einzukaufen, also direkt beim Landwirt etwa, ein erster Zwischenschritt auf dem Weg zu einer dem Tier zugewandteren Ernährungsweise sein?

Mein Gefühl ist, dass man sich die Zustände damit ein bisschen schönredet. Regional alleine sagt gar nichts aus. Meine Verwandtschaft etwa kauft auch beim “Metzger um die Ecke”. Biofleisch ist es aber deshalb noch lange nicht. Das ist auch Fleisch aus Standardhaltung und das ist damit nicht automatisch gut. Dass der Bauer noch selber schlachtet, das ist inzwischen so selten.

Wie waren denn die ersten Reaktionen auf Ihr Buch? Die Bilder sind ja alles andere als leichte Kost, auch wenn sie auf den ersten Blick ganz lieblich aussehen.

Sehr positiv. Das Crowdfunding wurde auch nicht nur von Vegetariern und Veganern unterstützt. Da waren auch viele Fleisch- und Allesesser dabei, die der Meinung sind, dass sich etwas ändern muss, die anfangen, ihren Fleischkonsum zu überdenken.

Das ist sicher auch der Wunsch, den Sie ganz persönlich mit Ihrem Buch verbinden: Dass sich die Leute ihren Fleischkonsum etwas bewusster machen?

Ja, absolut. Kunst und Literatur sind meiner Meinung nach gute Möglichkeiten, um Debatten anzustoßen und sich auszutauschen.

Mehr Infos zum Bilderbuch und dem Crowdfunding-Projekt von Carolin Günther finden Sie hier.


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