Feminine Mode: Das trägt Mann jetzt so

  • In diesem Jahr ist die Männermode so feminin und farbenfroh wie schon lange nicht mehr.
  • Der Trend geht zu Kleider, Röcken, Pastelltönen und Rüschen.
  • Die Branche feilt unter dem Einfluss der jungen Generation Z an einem neuen Männerbild – weg vom Leistungsträger im Anzug.
Kerstin Hergt
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Die Männer sind berauscht. Zumindest jene in den Kreativabteilungen der Luxusmodemarken und die, die dafür modeln. Hinzu kommen noch Vertreter der jugendlichen Generation Z, die sich auf Tiktok und Instagram als sogenannte E-Boys auf das Posieren in alterslosen und feminin angehauchten Klamotten spezialisiert haben. All diese Männer schwelgen in Rüschen, Pastelltönen, Blumenprints, Samt und Seide, Tüll und Spitze, betonen die Taille, schmücken sich mit Ketten und Handtaschen. Lange war die Männermode nicht mehr so farbenfroh und weiblich wie in diesem Jahr. Selbst Kleider und Röcke sah man bei den Menswearschauen sowohl für Frühjahr und Sommer als auch für Herbst und Winter nicht gerade selten. Woher kommt dieses lustvolle Bedienen bei der weiblichen Garderobe, dieser ausgeprägte Drang zum Spiel mit Geschlechterrollen? Die sexuelle Orientierung ist dabei eher sekundär.

Gegen das Klischee

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Es ist zwar kein Geheimnis, dass viele Modemacher wie Marc Jacobs oder Tom Ford schwul sind. Und das Klischee, dass homosexuelle Männer eher ein Faible für farbenfrohe oder gar schrille Outfits haben als heterosexuelle, mag nicht grundsätzlich falsch sein – ist aber auch nicht ganz richtig. Fußballidol und Familienvater David Beckham hat sich auch schon die Fingernägel lackiert, und der frisch in Schauspielerin Olivia Wilde verliebte britische Sänger Harry Styles trägt gern Perlenketten überm Rüschenkragen und ließ sich im vergangenen Winter für das Cover der US-„Vogue“ in einer Gucci-Robe fotografieren. Auf die Frage, warum er sich gern feminin kleidet, gab Styles in einem Interview zur Antwort, dass er „nicht schwul, hetero oder bisexuell“ aussehen wolle, sondern einfach „cool“. Es funktioniert tatsächlich bei ihm. Denn in was auch immer der Teenieschwarm auftritt, er tut es mit dieser gewissen Nonchalance, die Modeschöpfer Yves Saint Laurent einmal so beschrieb: „Was ist Eleganz anderes, als das zu vergessen, was man trägt?“

Strickkleid mit Stiefmütterchen

Zugegeben: Wenn einem im Alltag ein Mann auf der Straße begegnen würde, der ein Strickkleid von Loewe mit buntem, großformatigem Stiefmütterchenprint oder eine weiße Schluppenbluse zur taillierten Samthose von Celine anhätte, würde man wohl nicht so einfach das Outfit übersehen. Und das dürfte auch letztlich weder vom Träger noch vom Designer gewollt sein. Denn es steckt mehr dahinter, als nur optisch auffallen zu wollen: „Es geht um eine neue Definition von Männlichkeit“, sagt der Berliner Trendanalyst und Autor Carl Tillessen.

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Schon seit einiger Zeit herrscht in der Modebranche der Trend zu geschlechtsneutraler Mode vor. Männer und Frauen sollen das Gleiche tragen können. Nun scheint der Höhepunkt erreicht oder gar überschritten. Denn die Männermode 2021 ist oftmals so dermaßen weiblich, dass sie kaum als geschlechtsneutral eingeordnet werden kann. Tillessen spricht in diesem Zusammenhang von einer „bewussten Übertreibung“. Denn dieser bedürfe es, um etwas langfristig zu eta­blieren. Und das sei seiner Ansicht nach „die Auflösung des klassischen Rollendenkens, dass eine Frau ist, was sie ist, und ein Mann ist, was er macht. Männer hadern zunehmend mit dieser Rolle des Machers und Leistungsträgers in unserer Gesellschaft“, sagt Tillessen. Die Modebranche greife das auf und eröffne ihnen die Möglichkeit, weniger als Funktionär wahrgenommen zu werden. „In dem Moment, da Männer Hemden mit Blumenprints tragen, zeigen sie: Ich beanspruche denselben spielerischen Umgang mit Mode wie Frauen, dieselbe Work-Life-Balance.“

Geschlechterrollen durcheinandergemischt

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Die Idee von der Leistungsträgerkritik ist nicht neu. Schon 1999 zeigten Dries van Noten, Hedi Slimane und Gucci durch und durch weiblich inspirierte Kollektionen mit Männern in Schlauchkleidern und strassbesetzten Oberteilen. Dieselben Designer und Labels mischen auch jetzt wieder kräftig die Geschlechterrollen durcheinander. Damals wie heute stand nicht Gleichmacherei, sondern Gleichberechtigung im Vordergrund: Der Mann soll sich ebenso modisch ausleben dürfen wie die Frau, ohne sie kopieren zu wollen. Die Angst, Maskulinität könne dabei auf der Strecke bleiben, wie sich vor allem rechtskonservative Kommentatoren in den USA nach dem Styles-Cover ereiferten, ist absurd. Denn ebenso wenig wie Frauen aufhören, Frauen zu sein, wenn sie Hosen tragen, ist ein Mann kein Mann mehr, wenn er einen Rock anzieht. Tatsache ist, dass die weibliche Garderobe im 21. Jahrhundert einfach mehr Fantasie und Freiräume zulässt als die männliche, in der immer noch Anzug und Hemd dominieren.

Die Lust am Ausstaffieren und Schmücken ist überdies keine weibliche Eigenschaft, wie vor allem der Blick zurück in die Geschichte zeigt. So war die Herrenmode zu Zeiten Ludwig XIV. zwischen 1650 und 1715 betont feminin. Männer trugen bis zu 15 Zentimeter hohe Absätze und weite Rockhosen. Auch die sogenannten Dandys Anfang des 19.  Jahrhunderts sind ein Paradebeispiel für textile Prachtentfaltung. Sie übertrumpften mit ihren hautengen Hosen, den „pantaloons“, unter denen sie keine Unterwäsche zu tragen pflegten, in Sachen Sexyness sogar die Frauen. Diese sahen es durchaus mit Wohlwollen.

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