Essen wie bei Oma: Eine Portion Nostalgie, bitte!

  • Wer essen geht, sucht gern das Exotische und Extravagante.
  • Zu Hause lieben es dagegen viele traditionell: Comfort-Food ist weniger Trend als vielmehr ein Phänomen in Zeiten, in denen wir uns nach mehr Einfachheit sehnen.
  • Dazu zählt der Geschmack der Kindheit.
Sören Stegner
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Hannover. Möglichst exotisch, aufwendig in der Zubereitung, geschmacklich alles andere als alltäglich und überaus gesund soll es sein: Wenn genussbewusste Foodies heutzutage selbst kochen oder essen gehen, dann kommt für sie meist Extravagantes auf den Teller. Doch bekanntlich hat jeder Trend einen Gegentrend. Und der heißt in diesem Fall: Comfort-Food. Da werden Gerichte aus Omas handgeschriebener Rezeptsammlung nachgekocht oder es kommen ordinäre, aber an glückliche Kindheitstage erinnernde Fischstäbchen auf den Tisch. Comfort-Food ist in doppelter Hinsicht gehaltvoll: sowohl was die Kalorien angeht als auch mit Blick auf den sentimentalen Wert.

Zuhause wird gerne das Gewohnte gegessen

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Das Interessante dabei ist, dass sich auch Fans mondäner Kochkunst bisweilen gern mal Tortellini aus der Tüte mit einer gehaltvollen Sahnesoße zubereiten oder beim Familienessen zu Hause bei Eltern oder Großeltern den klassischen Sonntagsbraten genießen. Woran liegt es, dass sich im Zuge der mannigfaltig zelebrierten Kulinarik das Banale einer so großen Beliebtheit erfreut? Wie in anderen Lebensbereichen, führen offenbar auch auf dem Feld Ernährung Überfluss und Unübersichtlichkeit vermehrt zu einer Sehnsucht nach dem Einfachen. Wenn wir auswärts essen, mögen wir es gern exotisch, zu Hause aber schätzen wir das Unkomplizierte und Vertraute. Und das hat nicht nur etwas mit Bequemlichkeit und schneller Küche am heimischen Herd zu tun. Christoph Klotter, Gesundheits- und Ernährungspsychologe an der Hochschule Fulda, bezeichnet das Phänomen als „Anti-Globalisierungs-Gefühl“, dem wir uns in den eigenen vier Wänden gern hingeben: „Das Essen hat sich in den letzten Jahrzehnten stark internationalisiert. Zum einen haben die Gastarbeiter ihre Länderküchen mit nach Deutschland gebracht, zum anderen liegen die Urlaubsziele in immer ferneren Regionen. Beim Essen zu Hause wollen wir dann gern das Traditionelle“, sagt Klotter.

Gerade in Verbindung mit vertrauten Speisen aus der Kindheit entsteht ein Gefühl von Geborgenheit: Während uns Bockwürstchen mit Kartoffelsalat oder auch Hühnerfrikassee an fröhliche Picknicks oder ein Verwöhnwochenende bei Oma erinnern, weckt ein ausgefallener asiatischer Algensalat kaum Emotionen.

Comfort-Food: Nahrung für die Seele

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Was nun zu Comfort-Food zählt, entscheidet jeder für sich. Es kann Pasta sein oder der Gänsebraten. © Quelle: Nerfee Mirandilla/Unsplash

In Deutschland wird für den Begriff Comfort-Food gern auch der Ausdruck Soul-Food als Synonym verwendet. Das ist zwar objektiv falsch, da Soul-Food eigentlich die afroamerikanisch geprägte US-Südstaatenküche meint. Auf der anderen Seite beschreibt die Bezeichnung aber durchaus treffend ein wesentliches Merkmal von Comfort-Food: Es ist auch Nahrung für die Seele. Und es stärkt uns, wenn wir Gefahr laufen, die Orientierung zu verlieren: „Wir finden 170 000 Lebensmittel in den Regalen der Supermärkte. Das ist komplex und unübersichtlich. Daher machen wir einen Kult daraus, dass das einfache Essen uns Heimat gibt“, resümiert Ernährungspsychologe Klotter.

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Diese in der Regel hochkalorische Heimeligkeit ist besonders in der dunklen Jahreszeit gefragt. Und das hat in Zeiten der Zentralheizung weniger mit einem aufgrund niedriger Temperaturen tatsächlich erhöhten Kalorienbedarf zu tun und auch eher nichts damit, dass die Strandfigur erst in ein paar Monaten wieder gebraucht wird und die Saunafigur ohnehin irgendwie egal ist – sondern zu einem Großteil mit Atmosphäre. Im Sommer sei man generell viel draußen und esse auch auswärts, sagt Klotter. Anders sieht es aus, wenn es draußen ungemütlich ist und drinnen Kerzen brennen: „Der Herbst ist dann die Rückkehr zur Tradition. Da essen wir so, wie wir schon seit Jahrhunderten gegessen haben. So schaffen wir uns ein Heim gegen die Kälte draußen“, ist Klotter überzeugt.

Jeder hat sein eigenes Comfort-Food

Was nun letztlich zu Comfort-Food zählt, entscheidet jeder für sich. Es kann sich um schnöde Tiefkühlprodukte handeln, mag aber auch der durchaus kunstfertig zubereitete Gänsebraten sein. Hauptsache, es erinnert uns an schöne Zeiten und gibt uns ein gutes Gefühl. Die amerikanische Journalistin Cari Romm gibt in einem Beitrag für das US-amerikanische Magazin „Atlantic“ eine treffende Zusammenfassung dessen, was Comfort-Food meint: „Ein gegrilltes Käsesandwich kann an sich schon eine fettige, klebrige und damit erfüllende Angelegenheit sein. Das gilt allerdings umso mehr, wenn es zusätzlich noch mit glücklichen Kindheitserinnerungen verbunden ist.“ Grundsätzlich sei jede Nahrungsaufnahme auch mit Emotionen verknüpft, meint Romm. Und dabei sei „jedes emotionale Essen auch ein Essen in Gemeinschaft – und zwar auch oder sogar ganz besonders dann, wenn wir allein essen.“ Mit anderen Worten: Wenn wir bei schlechtem Wetter nach einem stressigen Tag einsam in einer fremden Stadt das Lieblingsgericht unserer Kindheit genießen, dann sitzt beim Essen gedanklich die gesamte Familie mit am Tisch und gibt uns auch im Erwachsenenalter das Gefühl von Geborgenheit.