Zurück ins Büro! Oder lieber doch nicht?

  • Corona hat unsere Art zu arbeiten radikal verändert.
  • Vor der Pandemie sind Menschen ganz selbstverständlich „zur Arbeit gegangen“, seither arbeiten sie ganz selbstverständlich von zu Hause.
  • Was bleibt davon? Und wie wird der neue Trend zum Homeoffice die Büros, Unternehmen und Familien verändern?
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Berlin. Als Holger Lüngen zum ersten Mal die Frage stellte, warum jeden Morgen Millionen Menschen das Haus verlassen, in ein Auto steigen und ins Büro fahren, war er ein Exot. „Man macht das, weil es anders gar nicht geht – so haben das damals die meisten gesehen“, sagt der Managementberater.

Damals, das war Anfang der 2010er-Jahre, als Themen wie Klimaschutz, Fachkräftemangel oder Vereinbarkeit von Familie und Beruf zwar schon existierten, aber nicht mit der Dringlichkeit von heute diskutiert wurden.

Lüngen ist Principal Consultant und Teil der Führungsmannschaft des Beratungsunternehmens Inditango, das Großkonzerne und Mittelständler bei der Optimierung der kaufmännischen Prozesse in der IT unterstützt. Zusammen mit seinen Beraterkollegen beschloss er, eine Initiative zu starten, um die Akzeptanz der Heimarbeit zu verbessern: den Home Office Day Deutschland.

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Die Idee, dass alle Schreibtischarbeiter und -arbeiterinnen einen Tag lang von zu Hause arbeiten sollten, stammte ursprünglich aus der Schweiz. Lüngen und seine Mitstreitenden wollten sie nach Deutschland transferieren. „Uns ging es vor allem um den ökologischen Aspekt“, sagt der 60-Jährige. „Wir fanden die Vorstellung spannend, welche riesigen Mengen an CO₂ eingespart werden könnten, wenn jeder Büroangestellte nur einen Tag pro Woche zu Hause arbeitet.“

Und plötzlich machten alle mit

Die Idee war gut, der Erfolg mäßig. „Eine breite Resonanz, so ehrlich muss man sein, hat es nie gegeben“, sagt Lüngen rückblickend. „Prinzipiell fanden alle eine Stärkung der Telearbeit gut, aber sobald es um das eigene Unternehmen ging, begannen die Einwände.“ Datenschutz, fehlende IT-Ausstattung, papierbasierte Prozesse, mangelndes Vertrauen – Gründe gegen mehr Homeoffice fanden sich viele.

Dennoch hielten Lüngen und seine Leute an ihrer Initiative fest. Aus Überzeugung, vielleicht auch ein bisschen aus Trotz. Achtmal riefen sie den deutschen Home Office Day aus, zuletzt am 14. November 2019. Eine zweistellige Zahl an Unternehmen machte mit.

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Dann kam Corona – und plötzlich machten alle mit.

Millionen Menschen wechselten innerhalb weniger Tage ins Homeoffice, als das Büro zum potenziellen Infektionsherd wurde. Im Frühjahr 2020 passierte genau das, was Lüngen mit seinem Homeoffice-Tag erreichen wollte: Deutschlands Großraumbüros blieben leer. Zwar kehrten im Sommer 2020 viele Menschen an ihren Arbeitsplatz zurück, doch mit der zweiten Corona-Welle im Herbst ging der Trend wieder in die andere Richtung. Mitarbeitende und Unternehmen hatten gelernt, dass Fernarbeit oder „Remote Work“ funktioniert.

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Wo die Einsicht fehlte, half der Staat nach. Ab Januar 2021 setzte die Bundesregierung eine Homeoffice­-Pflicht durch. Laut einer Studie des Münchner Ifo-Instituts arbeitete im Mai fast jeder dritte Beschäftigte von zu Hause.

Inzwischen hat sich die Lage entspannt. Die Infektionszahl sinkt, die Impfquote steigt, die Corona-Notbremse und mit ihr die Homeoffice­-Pflicht laufen aus. Die meisten Menschen werden in den nächsten Wochen und Monaten in ihre Büros zurückkehren. Und dennoch hat die Pandemie etwas verändert. Telearbeit war monatelang Regel statt Ausnahme. Das macht etwas – mit Angestellten und Chefs. Die Arbeitswelt nach Corona ist eine andere. So wie es war, wird es nicht wieder werden.

Selbst die sonst eher zurückhaltenden Arbeitgeberverbände räumen ein, dass es nach der Pandemie keine Rückkehr in die alte Arbeitswelt geben wird. Beim Homeoffice geht der Streit nicht mehr um das Ob, sondern nur noch um das Wie. Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), fordert größtmögliche Entscheidungsfreiheit. Betriebe und Belegschaften sollten Regelungen zum Homeoffice nach ihren Bedürfnissen vereinbaren können, findet er. Der Staat müsse einige Regeln zur Arbeitszeit und dem Gesundheitsschutz anpassen und vielleicht über eine Unfallversicherung nachdenken – mehr nicht.

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DGB fordert „klare Spielregeln“

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sieht das natürlich ganz anders. „Wir brauchen klare Spielregeln für eine moderne, digitale Arbeitswelt“, sagt DGB-Chef Reiner Hoffmann. Nur so könne ein weitreichender Arbeitsschutz, das Recht auf Nichterreichbarkeit oder eine verlässliche Arbeitszeiterfassung gewährleistet werden. In Branchen, in denen Mitbestimmung und Tarifbindung gewährleistet seien, funktioniere das schon sehr gut, für alle anderen brauche es staatliche Vorgaben, so der DGB-Chef.

Nicht nur Arbeitgeber und Gewerkschafter diskutieren darüber, wie die Erfahrungen der Pandemie die Arbeitswelt verändern werden. Auch viele Wissenschaftler, Beschäftigte und Familien stellen sich diese Frage. Und sie kommen zu erstaunlich ähnlichen Antworten. „Hybrid“ oder „fluid“ – das sind die Vokabeln, die man immer wieder hört, wenn die neue Arbeitswelt beschrieben wird. Hinter den Begriffen verbirgt sich die Idee, dass Homeoffice- und Präsenzphasen einander abwechseln. Beschäftigte werden vieles zu Hause erledigen, aber auch regelmäßig im Büro erscheinen. Das Beste aus zwei Welten vereinen, darum geht es.

Vor allem junge Beschäftigte wollen auf Homeoffice nicht mehr völlig verzichten. © Quelle: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

Wie groß das Bedürfnis nach den hybriden Lösungen ist, zeigt eine aktuelle internationale Befragung im Auftrag des amerikanischen IT-Unternehmens Citrix. 60 Prozent der 18- bis 40-Jährigen nennen mobiles Arbeiten als maßgeblichen Faktor für ihr Wohlbefinden. Fast 50 Prozent der jüngeren Angestellten gaben sogar an, kündigen zu wollen, wenn ihnen das verwehrt wird. Gleichzeitig wird für die Arbeitsstätte im Unternehmen ein Funktionswandel gefordert: Sie soll ein Treffpunkt für Kreativität, Innovation und Kommunikation werden.

Erste Unternehmen stellen sich bereits darauf ein. Der Telekommunikationskonzern Vodafone gestaltet Teile seiner Bürogebäude um. „Eventflächen“ und „Sofas zum Lümmeln“ sind in Planung, ein „Amphitheater“ für freien Austausch, Loungebereiche zum Entspannen und Kühlschränke für Drinks. Vodafone sieht sich selbst als Pionier in Sachen Homeoffice: Schon vor acht Jahren wurden erste Regelungen dafür entwickelt. Deshalb war es für das Unternehmen leicht, die Arbeitskraft seiner 16.000 Beschäftigten auch in Küchen, Wohnzimmern oder Gartenlauben abzurufen.

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Manche freuen sich auf Rückkehr

„Die Pandemie hat uns gezwungen, mutiger zu sein, als wir je waren“, sagt Hannes Ametsreiter, Chef von Vodafone Deutschland. Die Erfahrungen waren positiv. „Ich hätte nie gedacht, dass Menschen zu Hause im Schnitt produktiver arbeiten als im Büro. Und dazu weniger krank sind“, gibt er zu.

Allerdings sieht der Manager auch Schattenseiten. Es gebe Kollegen, die die berufliche Tätigkeit zu Hause schwer belaste. Mache könnten es kaum erwarten, in das Firmenbüro zurückzukehren – etwa weil sie zu Hause keinen ruhigen Arbeitsplatz haben, die sozialen Kontakte fehlen oder ihnen die Selbstorganisation schwerfällt.

Die Lösung dieser Probleme heißt aus Ametsreiters Sicht „fluides Arbeiten“. Die Beschäftigten seines Unternehmens sollen gemeinsam mit ihren Vorgesetzten ihren „persönlichen Mix“ zusammenstellen – starre Quoten soll es nicht geben. Fest steht nur, dass Vodafone keine ­„100-Prozent-Homeoffice-Com­pany“ werden will.

Auch Konkurrent Telefónica/O2 nimmt Corona als Anlass, die Arbeitsweise umzustellen. „Wir sehen, dass wir produktiv aus dem Homeoffice arbeiten können und es keine Präsenzpflicht im Büro benötigt“, sagte Personalchefin Nicole Gerhardt dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Seit dem Beginn der Pandemie arbeiten die rund 8200 Beschäftigten überwiegend von zu Hause aus. Weniger als 10 Prozent der Arbeitsplätze in den Büros seien nur noch belegt – allesamt genehmigte Ausnahmefälle.

Eine Verpflichtung, Vollzeit ins Büro zu kommen, werde es auch nach der Pandemie nicht mehr geben, sagt Gerhardt. Es werde weiterhin Situationen geben, wo der persönliche Austausch mit Kollegen vor Ort wichtig sei, erläutert die Personalchefin. Dafür würden im Münchner O2-Tower gerade Konzepte für „New-Work-Büroflächen“ erarbeitet. Und ansonsten könnten die Beschäftigten von zu Hause arbeiten – wenn sie es wollen.

Börsenschwergewicht Siemens hat das hybride Arbeiten bereits in eine Betriebsvereinbarung gegossen: Mitarbeiter sollen zwei bis drei Tage pro Woche mobil arbeiten können, maximal die Hälfte der Arbeitszeit. Das mobile Arbeiten soll die Zeiten im Job weder verlängern noch verkürzen, es gibt ein Recht auf Nichterreichbarkeit.

Viele Vorteile für die Unternehmen

Einige Unternehmen gehen voran, andere sind skeptisch. Große US-Banken wie Goldman Sachs oder JP Morgan haben bereits im Mai begonnen, den Druck auf ihre Leute zu erhöhen, damit diese möglichst schnell und in kompletter Mannschaftsstärke wieder im Büro erscheinen. Auch deutsche Geldhäuser ziehen nach. Mitarbeiter berichten von einer Mischung aus Kontrollzwang und Misstrauen den Belegschaften gegenüber.

Lässt sich der Homeofficetrend zurückdrehen? Managementberater Lüngen glaubt, nein. Die meisten Unternehmen hätten in der Krise viel Geld in Technik und Software investiert. „Das werden die nicht wieder abschaffen“, sagt der Experte. Home­office habe auch für Unternehmen viele Vorteile, glaubt Lüngen. „Firmen, die ihren Mitarbeitern die Arbeit von zu Hause ermöglichen, sind flexibler bei der Einteilung von Arbeitszeit und haben effizientere Prozesse.“ Die für das Homeoffice nötige Digitalisierung wirke sich auch auf die Büroarbeit positiv aus. Außerdem lasse sich langfristig Fläche sparen. „Muss ein Unternehmen wirklich noch den vierten Büroturm bauen, oder gibt es andere Lösungen? Darüber wird gerade viel nachgedacht“, beobachtet der Berater.

Nicht zuletzt sei die Arbeitsorganisation für viele Talente bei der Wahl ihres Arbeitgebers entscheidend. Firmen müssten potenziellen Mitarbeitern etwas bieten, wenn sie im Kampf um die besten Fachkräfte bestehen wollen, sagt Lüngen.

Vor allem Mütter und Väter kleiner Kinder werden auf das Homeoffice nicht mehr verzichten wollen. Natürlich gab es die kräftezehrende Phase am Anfang der Pandemie, als Eltern Kinderbetreuung, Homeschooling, Haushalt und ihren Job unter einen Hut bekommen mussten. Doch spätestens seit Schulen und Kitas wieder offen sind, haben viele die Vorzüge der Heimarbeit kennen- und schätzen gelernt. Das Homeoffice könne für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine echte Verbesserung bringen, sagt der stellvertretende Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB), Martin Bujard. Eltern sparten nicht nur Arbeitswege, sie könnten Erwerbs- und Familienarbeit auch besser verzahnen. Das könne sich sogar auf das Rollenverständnis innerhalb der Familien auswirken, so Bujard.

Mütter und Väter kleiner Kinder werden auf das Homeoffice nicht mehr verzichten wollen, glaubt Martin Bujard vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB). © Quelle: picture alliance / dpa

Auch das ist eine Lehre aus der Corona-Zeit. Zwar hat es während der Pandemie in manchen Familien einen Rückfall in traditionelle Rollenmuster gegeben, in denen die Mehrarbeit zu Hause vor allem an der Frau hängen geblieben ist, allerdings war auch der gegenteilige Trend messbar. „Das betrifft vor allem Väter, die in Kurzarbeit waren“, sagt Bujard, dessen Institut eine große Erhebung zu dem Thema veröffentlicht hat. Demnach haben Väter in Kurzarbeit im April 2020 durchschnittlich 8,1 Stunden pro Tag Familienarbeit geleistet. Und sie waren damit so zufrieden wie keine andere Gruppe während des Lockdowns.

Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) deutet in die gleiche Richtung. Zwar trugen Mütter mit einer Sorgearbeitszeit von 10,4 Stunden pro Tag in der Pandemie die Hauptlast, allerdings holten die Väter mit täglich sechs Stunden stark auf. Das mag auch an der unterschiedlichen Berufswahl von Frauen und Männern liegen. Laut der BiB waren in der Pandemie 52 Prozent der Mütter als systemrelevant eingestuft, aber nur 34 Prozent der Väter.

„Die Erfahrungen, die Paare während der Pandemie gemacht haben, wirken sich natürlich auch auf die Zeit nach Corona aus“, sagt BiB-Wissenschaftler Bujard. „Manche haben die Arbeitsaufteilung als ungerecht empfunden und wollen daran in Zukunft etwas ändern. In anderen Familien haben vielleicht die Väter eine neue Kompetenz in der Familie erlebt, Zuspruch erfahren und Spaß gehabt, sodass sie da weitermachen wollen.“

Das Homeoffice könnte dabei helfen. „Wenn Männer bei der Arbeit sind und abends nach Hause kommen, sehen sie gar nicht, welche Arbeit im Haushalt und bei der Kinderbetreuung anfällt. Im Homeoffice bekommen sie viel mehr mit – und packen deshalb nach Feierabend auch mehr mit an“, glaubt der Experte.

Stahl kocht sich nicht zu Hause

Trotz aller Euphorie werden auch in Zukunft die meisten Deutschen ihr Haus für die Arbeit verlassen müssen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass 44 Prozent der Beschäftigten ihrer Tätigkeit gar nicht zu Hause nachgehen könnten – selbst, wenn sie es wollten. Eine Hirnoperation lässt sich nicht auf dem Couchtisch vornehmen, eine Tonne Stahl nicht auf dem Induktionsherd kochen.

Auch Homeoffice-Pionier Lüngen glaubt, dass der Arbeitsplatz in der Firma eine Zukunft hat. „Mit dem Home­office ist es wie mit Vanilleeis“, sagt er. „Ab und zu mal eines zu essen ist eine große Freude, aber wenn sie nichts anderes mehr bekommen, ist das die Hölle.“ Ein bis zwei Tage Fernarbeit pro Woche, das sei ein gesundes und verträgliches Maß, findet der Berater.

Er ist zuversichtlich, dass sich diese Erkenntnis durchsetzen wird, die Gesellschaft sei jetzt so weit. Einen Homeoffice-Tag 2021 wird es deshalb nicht mehr geben, die entsprechende Webseite wird Inditango bald vom Netz nehmen. „Wir müssen keine Überzeugungsarbeit mehr leisten“, sagt Lüngen. „Das Bewusstsein für die Vorteile der neuen Arbeitswelt ist längst da.“

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