Ein Jahr nach dem Tod von Lagerfeld: Was ist Chanel ohne Kaiser Karl?

  • Genau vor einem Jahr starb Karl Lagerfeld.
  • Die Geschicke von Chanel leitet jetzt Lagerfelds ehemalige rechte Hand Virginie Viard.
  • Wir schauen, wie es ein Jahr nach dem Tod von Karl Lagerfeld um Chanel bestellt ist.
Kerstin Hergt
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Ihre Vorgänger werfen lange Schatten: “Der Geist von Mademoiselle ist immer noch da, auch der von Karl Lagerfeld”, bescheinigte die französische Zeitung “Le Figaro” Virginie Viard im vergangenen Mai nach ihrer offiziell ersten eigenen Kollektion für das Pariser Luxuslabel Chanel. Mit Mademoiselle ist keine Geringere als Gründerin Coco Chanel gemeint, die auch für Lagerfeld stets Vorbild war. Der Stardesigner war im Februar 2019 gestorben. Mehr als 35 Jahre lang hatte er als Kreativdirektor die Geschicke des Traditionshauses Chanel gelenkt, aber mit seinem überbordendem Ideenreichtum und seinem unvergleichlichen Gespür für Stil und Innovation auch darüber hinaus Modegeschichte geschrieben.

Schon zu seinen Lebzeiten rätselte die Branche, wer Lagerfeld einst beerben könnte. Phoebe Philo, ehemalige künstlerische Leiterin der französischen Marke Céline, räumte man noch am ehesten Chancen ein. Doch allzu laut wurde nicht über die Nachfolge spekuliert. Zu groß erschienen die Fußstapfen des “Kaisers”, zu groß war wohl auch der Respekt vor ihm. Sein Tod schockte die Modewelt daher umso mehr. Chanel ohne Lagerfeld? Wie soll das funktionieren? Die Eigentümerfamilie Wertheimer hatte schnell eine beschwichtigende Antwort parat – die für den Fall der Fälle wohl schon länger in der Schublade bereit lag.

Darauf deutete etwa die zuletzt immer größere Präsenz von Virginie Viard bei den Shows hin. Die 58-jährige Französin, die Lagerfeld mehr als 30 Jahre lang assistiert hatte und die dieser einst als “meine rechte und meine linke Hand” bezeichnete, wurde nach dem Willen der Familie Wertheimer “mit der kreativen Arbeit für die Kollektionen betraut, damit das Erbe von Gabrielle Chanel und Karl Lagerfeld weiterleben kann”. So hieß es in einer ersten Stellungnahme nach dem Tod Lagerfelds. Mittlerweile trägt Viard offiziell den Titel Artistic Director Fashion Collection.

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Im Oktober präsentierte Designer Virginie Viard (vorne rechts) ihre Frühling/Sommer 2020 Kollektion für Chanel auf der Paris Fashion Week. © Quelle: Getty Images

Aus der zweiten Reihe ins Rampenlicht

Das klingt nicht gerade nach einer Übergangslösung, wie selbst viele Brancheninsider zunächst vermuteten, sondern eher nach einem großen Vertrauensbeweis für eine Frau, die fast drei Jahrzehnte nur im Hintergrund des Meisters agierte und sich bis heute bescheiden und zurückhaltend in der Öffentlichkeit verhält. Viard war Studioleiterin bei Chanel und zuletzt engste Vertraute Lagerfelds. Sie fungierte als Mittlerin zwischen ihm als kreativem Kopf und den Mitarbeitern im Atelier, die seine in detailreichen Skizzen festgehaltenen Entwürfe umsetzen mussten. “Manchmal zeigen sie (die Näherinnen) mir ihren ersten Entwurf, und er entspricht der Skizze, doch es fehlt noch der rechte Esprit. Dann erkläre ich, dass Karl es anders gemeint hat, dass man hier vielleicht noch kürzen, dort blousieren, den Stoff an anderer Stelle verstärken muss”, vertraute Viard einmal der “Vogue” in einem ihrer raren Interviews an. Sie sah sich als eine Art Übersetzerin und verstand Lagerfeld in seiner Funktion als Designer offenbar am besten. Wenn es um die Fortführung seines Erbes geht, dürfte sie die ideale Besetzung sein. Aber reicht das, um eine führende Luxusmarke wie Chanel zukunftsfähig zu machen?

Das Label ist weltweit wegen seiner ikonischen Produkte vom Little Black Jacket bis hin zu seinen gesteppten Handtaschen bekannt – und begehrt. Die Führung von Chanel, allen voran CEO Alain Wertheimer, wollte immer, dass die Marke über dem Designer steht. Mit Viard dürfte sie ihrem Ziel näher sein als je zuvor, war Lagerfeld doch immer eher seine eigene Marke. 2018 veröffentlichte Chanel erstmals in der Firmengeschichte einen vollständigen Geschäftsbericht. Danach lag der Umsatz 2017 bei rund 8,3 Milliarden Euro und damit um 11 Prozent höher als im Vorjahr. Chanel ist damit neben Louis Vuitton und Gucci Spitzenreiter im Luxusmarkensegment. Es ist Lagerfelds Verdienst.

Karl Lagerfeld brachte Chanel weg vom angestaubten Image und an die Spitze der Designermarken.

Die hohe Kunst, “Chanel zu sein”

Als der gebürtige Hamburger 1983 die kreative Leitung übernahm, galt Chanel als verstaubt und tantenhaft. Lagerfeld schaffte es, die typischen Chanel-Codes neu zu interpretieren und den Look behutsam zu modernisieren. An dieses Erfolgsrezept hält sich offenbar auch Viard, wie ihre jüngsten Kollektionen beweisen: Bei ihrem Debüt im vergangenen Mai fasste sie viele ursprüngliche Entwürfe von Lagerfeld retrospektiv zusammen, verpasste ihnen aber einen zeitgemäßen Touch: Tweed-Blazer kamen in Bonbonfarben daher, Bermudas waren raffiniert geschlitzt – alles frisch und feminin.

Bei den Schauen Anfang Januar in Paris dann bezog sich Viard stark auf Coco Chanel: Das Setting im Grand Palais war dem Garten des Klosters nachempfunden, indem die kleine Gabrielle einst aufwuchs. Ihre spätere Vorliebe für Schwarz-Weiß-Looks, Claudine-Kragen und strenge Silhouetten war von den Nonnen aus ihrer Kindheit inspiriert. Viard diente das als Vorlage für eine sehr auf schlichte, geradezu leise Eleganz setzende Kollektion, die nahezu ohne Accessoires auskam.

Vielleicht ist das der entscheidende Unterschied zu Lagerfeld, der für aufwendige Kreationen vor schillernder Kulisse stand: Die Frau, die fast nur im schwarzen Jeanslook auftritt, mag es gern schnörkellos und dezent – und zeigt damit eine eigene Handschrift. Sie setzt auf reduzierte Tragbarkeit. In dem sich nahezu täglich neu erfindenden Modezirkus mit der zuweilen doch sehr schrillen Ästhetik von Designern wie Guccis Kreativchef Alessandro Michele in der Manege, ist der unaufgeregte Weg, den Viard eingeschlagen hat, geradezu mutig.

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Das Haus Chanel verwahrt sich damit davor, in fiebriger Nervosität auf Biegen und Brechen etwas komplett Neues zu wagen – und sich damit womöglich selbst untreu zu werden. Die Marke bleibt mit Viard als sensibler Reformerin an der Spitze eine Klasse für sich. Und Phoebe Philo? Sie soll nach drei Jahren Auszeit als Designerin nun laut “Vogue” unter Berufung auf das Branchenmedium WWD ihr eigenes Label planen.

Im Buch “Hinter den Kulissen von Chanel” wird die Arbeit Lagerfelds ebenso wie der Mensch Karl gewürdigt.


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