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Ein bisschen Maß muss sein: Die hohe Schneiderkunst in der Londoner Savile Row

  • Tailoring ist derzeit eines der angesagtesten Modethemen.
  • Die Savile Row in London gilt als eine der weltweit besten Adressen für Maßschneiderei.
  • Doch die handgefertigte Mode findet nicht mehr nur bei Herren Anklang.
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London. Zwischen Massenware und Exklusivität ist es oft nur ein kleiner Schritt. Während sich auf der Londoner Regent Street zumindest in pandemiefreien Zeiten die Fußgängermassen drängen, vorbei an immer neuen Flagship-Stores bekannter Marken wie Apple oder Hollister, ist es nur eine Querstraße entfernt deutlich ruhiger: Die Savile Row, eine von Englands nobelsten Adressen, bietet im Vergleich zum Trubel üblicher Einkaufsmeilen die eher entspannte Form des Shoppings. Und das schon seit Jahrhunderten.

Kleidung für die Ewigkeit

Das liegt nicht nur an der Lage jenseits des Fußgängerstroms – wer hier einkauft, sollte vor allem gut verdienen. Die Savile Row ist die bekannteste Straße des Landes für Herrenmode und Heimat von Englands besten Herrenschneidern. Prinz Charles etwa kauft hier ein, Winston Churchill tat es, ebenso wie James-Bond-Erfinder Ian Flemming und Rolling-Stones-Schlagzeuger Charlie Watts. “Bespoke Tailoring”, die besondere Form der Maßschneiderei, entstand genau hier: Jedes Detail eines Kleidungsstücks, das in den derzeit rund 15 Betrieben der Straße nach den exakten Maßen des Kunden entsteht, wird zuvor ganz genau mit diesem besprochen. Das hat freilich seinen Preis: “Die Preise für einen Anzug starten bei 5000 bis 6000 Pfund”, sagt Walker Drummond von der Agentur Alpha Kilo, die die Savile Row vermarktet. Dafür gibt es für jedes dort gefertigte Kleidungsstück so etwas wie eine lebenslange Garantie: Es ist für die Ewigkeit gemacht.

Ein Report der City of Westminster ging vor gut zehn Jahren davon aus, dass hier Jahr für Jahr zwischen 6000 und 7000 Anzüge von Hand entstehen. 30 bis 35 Millionen Pfund sollen hier Medienberichten zufolge jährlich umgesetzt werden. Die unauffällige, ruhige Savile Row ist längst ein kleiner Wirtschaftsfaktor für England geworden.

Die Savile Row ist die bekannteste Straße des Landes für Herrenmode und Heimat von Englands besten Herrenschneidern. Unter anderem Prinz Charles kauft hier ein. © Quelle: picture alliance / empics
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Savile Row empfängt zunehmend auch weibliche Kundschaft

Das könnte auch Folge einer der jüngeren Entwicklungen sein: Zur Kundschaft zählen mittlerweile auch immer mehr Frauen. Der Grund dafür liegt nahe: Feine Stoffe mit viel Liebe zum Detail zu verarbeiten und elegante Businessmode daraus zu kreieren, kommt nicht nur bei Männern an. Die Savile Row war die längste Zeit eine Männerdomäne. Nun öffnet sie sich zunehmend für Damenmode.

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Begonnen hat es mit Kathryn Sargent, einer ambitionierten Frau aus Leeds, die sich bei einem der renommiertesten Betriebe der Savile Row, Gieves & Hawkes, bis zur Chefschneiderin hocharbeitete – als erste Frau überhaupt. Und dort wagte sie sich ebenfalls als Erste in einen für die dortige Branche bis dahin unbeachteten Bereich vor, der Damenmode. Inzwischen hat sich Kathryn Sargent selbstständig gemacht, zunächst in der Savile Row selbst, inzwischen unweit entfernt in der Brook Street. Dort betreibt sie ihr eigenes Atelier – für Herren und Damen. Die edle Businessmode aus feinstem schottischen Harris-Tweed kommt an. “Zu unseren Kunden zählen einige der einflussreichsten Frauen in London”, heißt es beim Unternehmen nicht ohne Stolz.

Damenmode als Trend in der Savile Row

Noch ein weiterer Name ist eng mit der Etablierung von Damenmode in der einstigen Männerwelt verbunden: Phoebe Gormley eröffnete im Alter von gerade einmal 21 Jahren ihr eigenes Atelier im Obergeschoss von Cad & The Dandy, einem der Platzhirschen der Savile Row. In der britischen Presse galt sie schnell als “new kid on the block”, als neues Kind im Viertel, hatte sie sich in jungen Jahren doch mit großem Selbstbewusstsein und einer gehörigen Portion Mut in die Selbstständigkeit gestürzt. Für ihr Label Gormley and Gamble schmiss sie sogar kurzerhand ihr Studium. “Ich habe viele Kunden, die keine Anzüge tragen würden, sich aber für Seidenhemden interessieren oder die perfekte Hose oder den ultimativen Kaschmirmantel”, sagt Gormley, bis heute die einzige Unternehmerin der Savile Row, die sich ausschließlich Bekleidung für Damen widmet – für sie immer wieder eine Herausforderung: “Man muss zusätzliche Geduld für Damenmode haben, es ist schwieriger, aber ich finde es auch lohnender.” Andere der traditionellen Schneider haben inzwischen nachgezogen: “Damenmode war in den vergangenen Jahren ein großer Trend in der Savile Row”, sagt auch Marketingexperte Drummond.

Zeitloser und doch klassischer Stil

“Unsere durchschnittliche Kundin ist zwischen 40 und 50 Jahre alt”, hat Magda Handwerker beobachtet, Chefschneiderin für Damenmode bei Huntsman, einem Unternehmen mit 170-jähriger Geschichte. “Aber es gibt eine wachsende Anzahl jüngerer Kundinnen Ende 20, Anfang 30, die den klassischeren Aspekt der Kleidung erforschen möchten.”

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Die Tradition schwingt bei vielen Unternehmern mit: “Mode spielt bei unseren Modellen keine große Rolle”, sagt Joseph Morgan, Mitbegründer von Chittleborough & Morgan. “Sie können immer noch unsere frühen Originalstücke tragen.” Eine Ansicht, die auch Magda Handwerker teilt: “Damenmode der Savile Row repräsentiert einen eher zeitlosen und doch klassischen Stil – fast eine Art Anti-Trend.” Es drehe sich alles um einen Statement-Anzug, der einfach die weibliche Form betone.

200 Jahre bis zur Damenmode auf der Savile Row

Dass die Damenmode die altehrwürdige Savile Row erobert, ist genau genommen die logische Konsequenz aus ihrer Entstehung: Das Gelände der Straße lag vor Jahrhunderten auf dem Landgut des 3. Earl von Burlington. Zwischen 1731 und 1735 wurde sie erbaut und nach der Frau des Earls benannt, Lady Dorothy Savile.

Ein langer Weg bis zur Neuausrichtung – der heute umso mehr zum Marketingfaktor werden könnte, wie auch Pionierin Gormley sagt: “Der Erfolg meines Geschäfts beruht auch auf der Überraschung meiner Kundinnen darüber, dass es 200 Jahre gedauert hat, bis es auf dieser prestigeträchtigen Straße reine Damenmode gab.”

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