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  • Diversität in der Mode: Warum die Branche noch einen weiten Weg vor sich hat

Warum die Modebranche von echter Diversität noch weit entfernt ist

  • Inzwischen gibt es auch einige professionelle Models mit Behinderungen, die die Modebranche nachhaltig beeinflussen.
  • Doch das Angebot an modischer Kleidung für Menschen mit körperlichen Einschränkungen ist noch eher dürftig, weiß unsere Autorin Ninia La Grande aus eigener Erfahrung.
  • So braucht es mehr spezielle Labels für Alltagsmode für Menschen mit Behinderungen.
Ninia La Grande
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Meinen Schneider begrüße ich mit der Faust. „Ich habe eine Hose dabei“, sage ich und er weist mich nickend zur Umkleidekabine. Wir sehen uns in gewisser Regelmäßigkeit und verstehen uns inzwischen fast wortlos. Ohne ihn wäre ich aufgeschmissen. Denn wer sich, wie ich, für Mode interessiert und wer, wie ich, dabei 1,38 Meter groß ist, der muss kreativ werden. Denn die Modebranche – egal, ob High oder Fast Fashion – interessiert sich nicht wirklich für Körper abseits des Schönheitsideals. Auf Laufstegen und in Kampagnen sind zwar mittlerweile Models aller Hautfarben, Altersgruppen und Konfektionsgrößen zu sehen – von echter Diversität ist die Modebranche jedoch noch sehr weit entfernt. Obwohl sich einiges getan hat.

Wer seine Kollektionen verkaufen will, muss auf neue Zielgruppen setzen

2013 präsentierte Designer Patrick Mohr seine neue Kollektion auf der Berliner Fashion Week. Das Publikum wurde in ein leeres Haus in Berlin-Mitte geladen und bewegte sich zwischen den Modellen hin und her. Diese standen auf Podesten und durften sich nicht bewegen – das Außergewöhnliche: Hier modelten neben einigen Profis auch Menschen mit Behinderungen, Bodybuilder und Transmenschen. Die Schau war eine skurrile Mischung zwischen Kuriositätenkabinett aus dem 19. Jahrhundert und modernem Inklusionsversuch. Versuch, weil eine klassische Modenschau mit den gleichen Models inklusiver gewesen wäre als diese Museumsatmosphäre.

Trotzdem hat die Branche sich in den letzten zehn Jahren gewandelt. Wer auf dem hart umkämpften Markt seine Kollektionen verkaufen will, muss auf neue Zielgruppen setzen. Die Musikerin Beyoncé, in vielen Bereichen eine Vorreiterin, engagierte 2016 für ihre damalige Merchandisingkollektion Jillian Mercado. Mercado hat eine Muskelerkrankung und nutzt einen Rollstuhl. Sie arbeitet als Schauspielerin und Model. Dass sie gleichberechtigt neben anderen Models Beyoncés Entwürfe in deren Onlineshop präsentierte, wurde von vielen modebegeisterten Menschen mit Behinderungen als Meilenstein gefeiert.

Mario Galla, RJ Mitte: Models mit Behinderungen beeinflussen Branche nachhaltig

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Inzwischen gibt es einige professionelle Models mit Behinderungen, die wie selbstverständlich auf den internationalen Laufstegen präsentiert oder für Kampagnen gebucht werden. Ellie Goldstein und Madeline Stuart etwa haben beide Trisomie 21 und arbeiten für Gucci, Vermeulen und andere große Designer. Ihre Auftritte wirken selbstbestimmt, stark und gleichberechtigt.

Die Irin Sinéad Burke wiederum arbeitet als Journalistin und Aktivistin, sie ist vor allem mit ihrem TEDTalk „Warum Design alle einbeziehen sollte“ bekannt geworden. Burke war 2020 die erste Kleinwüchsige, die auf dem Cover der britischen Vogue abgebildet war – für mich als ebenfalls kleinwüchsige Frau ein aufregender und ermutigender Moment. Auch Chella Man und Aaron Philip gehören zu den Models mit Behinderungen, die – auch weil sie sich über Social Media viel Sichtbarkeit erarbeitet haben – die Branche nachhaltig beeinflussen. RJ Mitte kennen viele noch als Schauspieler aus „Breaking Bad“. Er hat eine Form der infantilen Zerebralparese und modelte unter anderem für Vivienne Westwood. Und zumindest ein deutsches, männliches Supermodel mit Behinderung macht seit fast 15 Jahren international Karriere: Mario Galla. Der Hamburger ist mit einem verkürzten Oberschenkel zur Welt gekommen, er trägt eine Beinprothese.

Suche nach passender Kleidung für kleinwüchsige Menschen schwierig

Aber es gibt ja auch die Menschen abseits des Runways. Diejenigen, die die Mode nicht präsentieren, sondern sie tragen wollen. Womit wir wieder bei meinem Schneider wären. Ich habe inzwischen aufgegeben, Kleidung zu finden, die mir auf Anhieb passt. Hosen, Röcke, Kleider müssen gekürzt, Blusen und Blazer angepasst werden. Die Suche nach schicken Schuhen in Größe 34 für meinen Abi­ball vor gut 20 Jahren glich der Suche nach dem heiligen Gral. Doch es gibt Hoffnung: Designerin Sema Gedik hat vor einigen Jahren das Label Auf Augenhöhe gegründet und präsentierte ihre Kollektionen regelmäßig auf der Berliner Fashion Week. Gedik erfuhr von ihrer kleinwüchsigen Cousine Funda, wie schwer es für Menschen außerhalb der Normgrößen ist, passende Kleidung zu finden – und machte dies als Designerin zu ihrer Mission. Auf Augenhöhe produziert aktuell vor allem Kleidung, die Menschen mit Achondroplasie passt – einer der häufigsten Kleinwuchsformen –, arbeitet aber daran, Kleidergrößen grundsätzlich zu revolutionieren.

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Mehr spezielle Labels für Alltagsmode für Menschen mit Behinderungen benötigt

Diversität bezieht sich allerdings nicht nur auf die Größe, sondern auch auf Produktion, Stoffarten und Verarbeitung. Viele Autistinnen und Autisten beispielsweise kaufen Lieblingsstücke gerne nach – unmöglich in einer Branche, die in rasendem Tempo immer neue Kollektionen auf den Markt bringt. Einige Rollstuhlnutzerinnen und -nutzer sind auf Kleidung angewiesen, die sich leicht an- und ausziehen lässt – zum Beispiel mithilfe von Magnetverschlüssen. Das weiß das österreichische Unternehmen MOB Industries, das seit einer Crowdfundingkampagne 2019 Mode mit besonders hohem Tragekomfort entwickelt.

So schön es also ist, dass immer mehr Models mit sichtbaren Behinderungen auf Laufstegen, in Shootings und Spots auftauchen – so sehr braucht es immer noch spezielle Labels, die Alltagsmode für Menschen mit Behinderungen entwickeln. Denn in der Regel können selbst die Models die von ihnen präsentierte Designerkleidung nicht ohne Änderungen und Anpassungen im Alltag tragen. Diversität hat in der Modebranche noch einen weiten Weg vor sich – die ersten Schritte aber wurden in den vergangenen Jahren unternommen. Und inzwischen sind Models mit Behinderungen kein Kuriositätenkabinett mehr, sondern vor allem eines: Models.

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